Als die Beatles 1967 Sergeant Pepper aufnahmen, war der Produzent George Martin manchmal am Rand der Verzweiflung, schließlich fiel John Lennon und Paul McCartney dauernd etwas Neues ein, womit sie spielen wollten. »I’m sure you can fix it« hieß Lennons Daueraufmunterung, und Martin tat, was er konnte. Eine Sache jedoch bekam auch er nicht hin: Bänder synchronisieren. Vom digitalen Heute aus gesehen, nehmen sich Martins Versuche wirklich vorsintflutlich aus: Er nannte sein Verfahren die Getroffen-oder-daneben-Methode, es war pures Glück, wenn die Maschinen, von Hand gestartet, im selben Sekundenbruchteil anliefen – noch heute hört man beim Orchesterpart von A Day In The Life, wo es hakt. Steve Reich BILD

Genau diese von Martin unerwünschte Phasenverschiebung war dem Amerikaner Steve Reich (geboren 1936 in New York), einem Schüler von Darius Milhaud und Luciano Berio, schon anderthalb Jahre früher eher angenehm aufgefallen, als er mit einfachen, sich ständig wiederholenden Motiven hantierte. Wo andere ein Problem sahen, fand Steve Reich für sich etwas, das – nicht auf einen Schlag, sondern allmählich, allmählich – die Neue Musik und auch die Popmusik inspirieren sollte: Pattern, Klanggebilde, formbar wie Wachs.

Von Anfang an hat Reichs Vorgehensweise, während der mindestens zwei Stimmen (Instrumente) unisono beginnen, um allmählich klanglich auseinander zu driften und dann nach einer vorausberechneten Zeit wieder zusammenkommen, großen Reiz aufs Publikum ausgeübt. Seine Werke – unter leisen Vorbehalten wird man sich auf Minimal Music als Ordnungsbegriff verständigen können – haben Drogencharakter: Entweder man bleibt gleich immun oder verfällt ihrer Wirkung dauerhaft. Zumal Reich beständig die Rezeptur veränderte und (bis hin zum Musik-Video-Theater The Cave) die Dosis erhöhte. Zügig wendete er sich ab von allzu viel Dogmatismus und Maschinenparks, gründete sein eigenes Ensemble, reiste viel (Bali, Ghana) und lernte: Rhythm is it! Dabei ist wirkliche Freiheit immer die Freiheit des Andersspielenden. Music For 18 Musicians, eine Komposition, die Reich mit vierzig Jahren endgültig weltberühmt macht, gibt nur noch ein zeitliches Raster vor. Nach und nach wird es von elf Akkorden gefüllt. Sie werden fließend weitergegeben vom Klavier zur Marimba, von der Frauenstimme zum Vibraphon, von der Violine an die Klarinette. Wie ein Krug, der zum unerschöpflichen Brunnen geht und niemals bricht. Wer 18 Musicians im Konzert hört, wird hypnotisiert. Hat das Stück erst einmal angefangen, könnte es ewig weitergehen. Leider ist diese revolutionäre Repetition nach über einer Stunde dann doch zu Ende, und die Welt hat einen wieder. Allerdings, und das betonen nicht wenige Reich-Anhänger, sei es nicht mehr die gleich Welt wie zuvor. Viel mehr kann man von Musik nicht verlangen.