Oh puh, ist das dick. Ich mein, was glaubt der Autor denn, was man sonst noch zu tun hat? Und wenn einer schon auf der ersten Seite mit Fremdwörtern nervt: »Signifikanter aber war, wie die Testergebnisse bewiesen, seine konsekutive Gedächtnisleistung…« Ja, wo sind wir denn?

Wir sind in John Irvings neuem Buch, das in Toronto beginnt und nicht aufhören will.

Es geht um den kleinen Jack und sein Leben. Die Mutter eine Tätowiererin, der Vater ein tintensüchtiger Organist, er selbst ein Erinnerungswunderkind. Jack wächst unter Frauen auf, wird missbraucht, zieht Frauenkleider an, lässt sich den Penis halten, wird ein berühmter Schauspieler… Ein nicht enden wollendes Geplapper ergießt sich da über den ungeduldiger werdenden Leser, ein so trostloser wie leichtfertiger Sermon. Es wird alles erzählt, was dem Autor gerade einfällt, aber nie das, was die Geschichte verlangen würde. Fahrig, unstrukturiert, als habe jemand sein Diktafon angestellt und hinterher die Abschrift nicht noch einmal angesehen. Aber ein Autor, der sich für seinen Text keine Zeit nimmt, stiehlt sie seinen Lesern.

Mein Gott, ja, Geschichten über Geschichten. Figuren über Figuren. Fette Huren, einbeinige Tätowierer, Pornodarsteller, saufende Rocker, mannstolle Lesben, geldgeile Nymphen, ein Kuriositätenkabinett. Wenn aber das Außergewöhnliche zum Normalfall wird, verliert es seine Kraft, und als Leser wundert man sich über gar nichts mehr. Etwas Schlimmeres kann einem Autor nicht passieren. Nicht, wenn er sooo dicke Bücher schreibt. Es ist, als würde man ein misslungenes Gericht mit Trockenpetersilie bestreuen – mit dem traurigen Effekt, dass das Elend nur noch deutlicher zutage tritt. So viele Worte, so wenig Welt.

»Wie von Emma prophezeit, war Jack Schriftsteller geworden, wenn auch einer, der an melancholischer Logorrhö litt.« Wenigstens diesen Satz, das hätte Irving wissen müssen, hätte er nicht schreiben dürfen. Nicht in diesem Buch. Ein Kritiker, der sich ein solches Zitat entgehen ließe, hätte seinen Beruf verfehlt.

Tausendeinhundertvierzig Seiten und eine volle Arbeitswoche später: Niemals habe ich mich bei einem so dicken Buches so gelangweilt. Niemals war ich so oft versucht, die Lektüre abzubrechen. Und nie habe ich so sehr bereut, es nicht getan zu haben. Ich habe durchgehalten, Wort für Wort, Seite für Seite. Jetzt warte ich auf die Verfilmung, um mir wenigstens diese zu ersparen.

Gut, höre ich, vielleicht keine große Literatur, aber autobiografisch sei das Ganze, eine Selberlebensgeschichte des armen, missbrauchten Menschen John Irving. Ja, Himmel, wen aber geht das Ganze dann etwas an, außer den Autor und seinen Therapeuten? Hätte Irving sich Zeit zum Kürzen genommen, wäre vielleicht eine nette Hundert-Seiten-Erzählung entstanden; so aber ist es nur ein dickes Nichts geworden. Keine Literatur, keine Unterhaltung, keine Autobiografie. Ein Sedativ im Gewand eines Entwicklungsromans.