Der Autor dieses fast zeitgleich in den USA und weltweit erscheinenden Buches ist berühmt geworden durch seine simple These vom »Ende der Geschichte«. Drei Jahre nach dem Fall der Mauer konstatierte der an der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore lehrende politische Ökonom, was andere früher und seither Scharen von Zeithistorikern genauer analysiert haben: Gegen den liberalen Kapitalismus kann sich keine andere Ideologie und praktische Alternative behaupten. Der trivialisierte Gedanke Hegels, die Geschichte könne auf diese Weise ein Telos erreichen, machte eine rasante publizistische Weltkarriere und verführte viele dazu, dieses »Ende« als triumphalen Sieg des Westens auszulegen, während die Postmaoisten in China, der politische Islam oder lateinamerikanische Populisten schon anderes in petto hatten. Francis Fukuyama BILD

Seither saugt die westliche Welt jeden neuen Fukuyama geradezu ehrfürchtig auf, obwohl oft nur letzte Übertreibungen korrigiert werden und man mit ihm von Irrtum zu Irrtum eilen darf. Dieses Mal teilt uns der Autor mit, er wolle künftig nicht mehr zu den US-amerikanischen Neokonservativen gezählt werden, obwohl er doch eigentlich der letzte aufrechte Neocon sei. In sieben redundanten Kapiteln wird ein 2004 im neokonservativen Magazin The National Interest erschienener Artikel ausgewalzt. Das fand große Beachtung, weil man es als Einsicht eines Überläufers lesen konnte, der anfangs für den Irak-Krieg eingetreten war und, als die Sache schlecht lief, besser nicht dafür gewesen wäre.

Kapitale Fehler der Bush-Administration sind wiederum früher und differenzierter kritisiert worden, sodass das Buch eigentlich nur von Bedeutung ist, weil mit Fukuyama – langjähriger Mitarbeiter der Rand Corporation, hochrangiger Berater im Außenministerium und von Paul Wolfowitz sowie Mitglied im President’s Council on Bioethics – ein Neokonservativer auf Distanz zu seinesgleichen gegangen ist. 2004 ließ er sogar verlauten, er werde Bush junior nicht mehr wählen, ohne sich aber zum Herausforderer Kerry durchringen zu können.

Das Medienereignis Fukuyama verdient Beachtung, weil die mediale Spiegelung des Irak-Krieges in den USA heute so wichtig wird wie die Distanzierung vom Vietnamkrieg vor bald vierzig Jahren. Man sagt Bagdad, aber denkt längst: Saigon. Liberale und Konservative tadeln Prämissen und Prinzipien der Außenpolitik Bushs seit langem, aber selten zog ein erklärter Neokonservativer die Illusion der unbezwingbaren US-Hegemonie in einer angeblich unipolaren Welt, den notfalls überall mit Militärgewalt zu erzwingenden Regimewechsel und die Präventivkriegsdoktrin in Zweifel.

Fukuyama, der sich selbst metaphorisch »Marxist« nennt, etikettiert die Vordenker Bushs (die berüchtigte K-Gruppe Robert Kagan, Charles Krauthammer und William Kristol) als »Leninisten«, weil sie einem lebensgefährlichen Voluntarismus und Aktionismus das Wort redeten. Tatsächlich sind die Pseudo-Bolschewiken in Washington für die Verwirklichung einer Ideologie der amerikanischen Weltmission buchstäblich über Leichen gegangen.

Fukuyama gibt das Label des Neokonservatismus auf, obwohl er den neokonservativen Ideen zur Zeit des Kalten Krieges und in der Ära Clinton größte Verdienste bescheinigt und vier Grundprinzipien weiter für richtig hält: die aus dem Interesse an Demokratie und Menschenrechten erwachsene Korrektur von autoritären Regierungen; die Überzeugung, dass die Macht (der USA) zu moralischen Zwecken eingesetzt werden müsse; die Skepsis gegenüber dem Vermögen des Völkerrechts und internationaler Institutionen, gravierende Sicherheitsprobleme zu lösen; und die Vorstellung, »dass eine zu weit greifende Sozialtechnologie (Social Engeneering) häufig unerwartete Folgen nach sich ziehe und ihre eigenen Ziele unterminiere«. Genau gegen diesen letzten Grundsatz haben neokonservative Extremisten laut Fukuyama verstoßen.

Er will damit nicht zurück zum zynischen »Realismus« eines Henry Kissinger, auch nicht zu der von anderen Konservativen befürworteten Selbstisolation, sondern dahin, wo liberale Kritiker eine zur Räson gebrachte US-Außenpolitik sehen wollen: zu einem geläuterten Multilateralismus, der die amerikanische Hegemonialstellung klüger nutzt als in den vergangenen Jahren und auf die Verbündeten hört. Amerikas soft power , die in der arabisch-islamischen Welt gegen null tendiert, soll wieder aufblühen, aber auch Fukuyama behandelt Abu Ghraib und Guantánamo als Imageproblem, nicht als massiven Verstoß gegen uramerikanische Prinzipien, der auch treueste Freunde vom Glauben an die Vereinigten Staaten abfallen ließ. So gesehen, ist Amerika längst gescheitert.