Natürlich geht er nicht in die Erde. Er macht sich wieder mal breit, er war ja immer zu groß, zu sperrig. Es ist kalt, der Boden ist gefroren, und die Urne aus Mahagoni hat sich in einer Wurzel verhakt. Die Wurzel gehört zu einer Eibe, und unter der steht nun die deutsche Techno-Prominenz, um sich zu verabschieden, die DJs Sven Väth, Westbam und Paul van Dyk; hübsche Frauen tragen Tulpen in den Händen, und in der Schlange vor dem Grab warten vierhundert Leute, darunter Hell’s Angels, Türsteher und Zuhälter. Sie sind mit einem Ghettoblaster über den Frankfurter Hauptfriedhof gezogen, aus ihm schepperte Nothing Else Matters von Metallica. Es war nicht dezent, es war nicht leise, es drehte sich alles um eine Person: Mark Spoon hätte sein letzter großer Auftritt gefallen.

Am 11. Januar hatte man ihn in seiner Berliner Wohnung gefunden, mit 39 hatte sein Herz versagt, der Mann, von dem es hieß, er sei Techno.

Es ist das Nachtleben der Neunziger, das an diesem Morgen betroffen in sein Grab schaut, sie alle hatten mit ihm gefeiert, und kaum einer fragt, warum, stattdessen fragen sie: Warum gerade jetzt? »Unser tolles Arschloch«, schreiben sie in sein Kondolenzbuch, »lass den Himmel tanzen!« Und vielleicht muss man zwei Geschichten erzählen, um diesen Tod zu begreifen: die vom DJ Mark Spoon, dem ersten Rockstar der Clubs, der den Techno groß machte und der Techno ihn, dessen Hymnen um die Welt gingen und der nicht loslassen konnte – als auf den großen Rausch der große Kater folgte, als DJs zu Dienstleistern wurden und die Love Parade zum Karnevalsumzug. Und die Geschichte von Markus Löffel, der immer mehr sein wollte, als er war: ein begabtes Großmaul aus Frankfurt-Sossenheim.

Vorhin, während der Trauerfeier, blickte man auf zwei große gerahmte Fotos. Auf dem linken sah man Markus Löffel, einen Berg von einem Mann, er trägt einen weichen Pullover und eine kleine Katze auf dem Arm; er lacht und entblößt dabei seine Zahnlücke. Das rechte Foto zeigt denselben Mann, sein schwerer Oberkörper ist übersät mit Tätowierungen, die wuchtigen Arme verschränkt er vor der Brust. Sein Schädel ist kahl rasiert, er blickt mit einer Mischung aus Stolz und Verachtung in die Kamera, die vollen Lippen trotzig geschlossen. Das Foto entstand im letzten Herbst für das Magazin Electronic Dance . Es ist das Bild eines Kriegers, der aus der Schlacht heimkehrt.

Sie kenne Mark Spoon nicht, sagt die kleine Frau, die direkt vor dem Grab steht, sie sei die Mutter von Markus Löffel. Sie hat eine gefärbte Krause, einen hängenden Mund und faltet die Hände über ihrem Bauch, neben ihr steht ein dicker Mann in einer schwarzen Windjacke und weint. Sie starren in das Grab ihres Sohnes, wildfremde Menschen drücken ihnen die Hände, sie wirken dabei seltsam hilflos. »Es tat gut, sich wenigstens von dem Jungen zu verabschieden«, werden sie später sagen. Gesehen haben sie ihn zuletzt an Weihnachten vor sechs Jahren.

Markus wollte Sossenheim vergessen, sagen seine Freunde, über seine Eltern habe er selten gesprochen. Sie führten eine Kneipe, Markus wuchs bei seiner Oma auf, und als sie starb, brach für ihn eine Welt zusammen. Er ist zwölf, als er das erste Mal von zu Hause ausreißt, er knackt Autos und kassiert Jugendstrafen, mit 16 bricht er die Schule ab, macht eine Lehre als Koch, arbeitet in einer Großraum-Discothek. Und vielleicht entdeckt er hier zum ersten Mal, dass er sich in einer Rolle verstecken kann wie in einer Rüstung. Markus sei unsicher gewesen, erzählt ein Freund, aber er habe gelernt, dass er auf die Leute wirkt: ein voll tätowierter Typ von 130 Kilo, Schlangenlederhosen und silberne Stiefel, einer, der pausenlos Sprüche raushaut. Es dauert nicht lange, da eilte »dem Löffel« ein Ruf voraus. In seiner Freizeit hängt er mit den GIs rum und gründet We wear the Crown, ein HipHop-Projekt, mit dem damals 16-jährigen Moses Pelham.

»Seine große Fresse hat ihm den Einstieg verschafft«, sagt sein langjähriger Manager Mathias Grein. Damals in irgendeinem Club stand er auf einmal vor ihm und protzte: »Wenn Du ’n Problem hast – wir sind Profis!« Grein hatte ein Problem, die Band, die er für diesen Abend gebucht hatte, war ausgefallen, und in zehn Minuten musste jemand auf der Bühne stehen. Okay, sagte er, versucht es.

Es war ihr erster Auftritt.

Etwa zur selben Zeit kündigt sich eine Revolution an: Elektronische Beats erschüttern die Clubs, Computer erobern die Wohnungen. Auf einmal kann jeder komponieren, es herrscht Pionierstimmung. Anfang der Neunziger wird der DJ zum Popstar, der mit eigenen Songs die Hitparaden erobert, ein Hohe Priester des Augenblicks, der über die Massen auf der Tanzfläche gebietet und ihren Herzschlag für einen Moment mit dem der Welt vereint.

Markus Löffel trägt inzwischen weiße Anzüge, er ist fasziniert vom Hedonismus der Szene, und er riecht seine Chance: Er will möglichst weit weg von Sossenheim. Er beginnt aufzulegen und Stücke zu produzieren, er sucht die Nähe zu den richtigen Leuten, und er versteht es, sie zu beeindrucken. 1990 heuert er beim Dance-Label Logic Records an, wo er zuständig ist für die Entdeckung neuer Künstler.

»Markus hatte ein enormes Gespür dafür, was der Masse gefällt«, sagt der Musikmanager Matthias Martinsohn, der ihn damals eingestellt hat. »Er machte pro Fax 20 Rechtschreibfehler, aber er sprach gut Englisch, er hatte Ehrgeiz und war extrem lernfähig.« Er war kaum ein paar Monate da, und schon riss er diesen schwedischen Zahnarzt auf, der unter dem Namen Dr. Alban Weltkarriere machen sollte.