Aus der Not heraus entwickelt die europäische Jugend, worauf viele so lange gewartet haben: ein gemeinsames Lebensgefühl. Die düsteren Aussichten auf dem Arbeitsmarkt machen den Jungen Angst. In Paris gehen sie deshalb seit Wochen auf die Straßen, und nach dem nationalen Streik in Frankreich am Dienstag will nun der Rest der europäischen Jugend nachziehen. Für Samstag ist in mehreren Großstädten Europas, unter anderem in Berlin und Brüssel, der »erste europäische Praktikantenstreik« ausgerufen worden. Der Streik findet also ausgerechnet an einem Wochenende statt, wenn die meisten Praktikanten ohnehin nicht arbeiten. Dieses nicht ganz unwichtige Detail verrät einiges über die Seelenlage der Jugend: Eigentlich will sie keinen Ärger, sie will nur eine Zukunft. Und nur weil sie sich im Stich gelassen fühlt von Staat und Wirtschaft, geht sie demonstrieren – aber ohne Staat und Wirtschaft zu schaden. BILD

Lassen wir einmal die Wut der Franzosen beiseite und wenden uns den Deutschen zu. In den Internet-Foren der deutschen Jugendmagazine jetzt.de und Neon wurde über die französischen Demonstrationen heftig gestritten. Die Diskussion kann man so zusammenfassen: Eine Minderheit wollte auch auf die Straße, und zwar sofort und nicht nur am Wochenende, doch die Mehrheit setzte sich durch, nach dem Motto »Lasst uns vernünftig bleiben«. Man möchte diese Generation nur fragen: Gibt es auch unvernünftige Vernunft?

Über ihre Harmlosigkeit lässt sich leicht spotten, aber vielleicht liegt sie begründet in einer gemeinsamen Erfahrung. Die Jugendlichen des Jahres 2006, zumindest jene aus dem Westen, kommen zumeist aus einer heilen Welt. Sie verbrachten ihre Kindheit während der Wohlstandsjahre in den Achtzigern und Neunzigern. Sie sind aufgewachsen in Familien, die sich an einen immer währenden Aufschwung gewöhnt hatten. Und sie waren der ganze Stolz von Eltern, die sich oft selbst nach oben gekämpft hatten und nun sicher waren, dort zu bleiben, und dachten: Unsere Kinder werden es einmal genauso gut haben wie wir. Wir werden ihnen das Studium finanzieren, und gut ausgebildet, wie sie sind, werden sie eine Arbeitsstelle finden, die ihren Wünschen und Talenten entspricht.

Aus, vorbei. Wer in diesen Tagen die Jungen nach ihrem Lebensgefühl fragt, der bekommt Begriffe wie »gestresst«, »verunsichert«, »genervt« zu hören. Und trotzdem herrscht bei ihnen eine Art Pietät vor, die sie daran hindert, lautstark zu demonstrieren. Sie kommen aus Nutellaland und würden sich dafür schämen, laut »Mehr Nutella!« zu brüllen. Denn noch gibt es genug davon. Die Zahnfüllungen müssen sie allerdings selbst zahlen, und da setzt die Angst ein.

Einblicke in die Jugendwelt 2006.

Als der Student Sebastian Schwarzenauer, 27, aus Tübingen noch zur Schule ging, fragte ein Lehrer die Klasse einmal, ob sie sich Arbeitslosigkeit in ihren Familien vorstellen könne. »Niemand konnte das«, erinnert sich Schwarzenauer, der heute in Berlin Stadtplanung studiert. »Wenn’s meinem Vater irgendwo nicht gepasst hat, hat er gekündigt und anderswo angefangen, das war nie ein Problem.« Vater Schwarzenauer ist Elektrotechnikingenieur, Mutter Schwarzenauer führt einen Töpferladen. Beide kommen aus einfachen Verhältnissen und konnten nicht sofort studieren, weil das Geld knapp war. Dann kam der Wirtschaftsaufschwung der Bundesrepublik, und irgendwann konnten sich die Schwarzenauers wie so viele aus der Mittelschicht nicht vorstellen, dass es damit eines Tages zu Ende sein könnte. Das Ende ist nun da, und ihr Sohn Sebastian steckt mittendrin. Bald ist er mit dem Studium fertig, »und ich weiß, dass ich Probleme haben werde, einen Job zu finden«. Er ist damit nicht allein: Ein Freund von Sebastian hat den Abschluss schon gemacht und sich deutschlandweit beworben. Er hat bisher nur Absagen bekommen. Viele aus Sebastians Freundeskreis bewerben sich im Ausland. In China, England und Osteuropa laufe Stadtplanung besser, sagt er. Ein Stadtplanungsbüro, bei dem er ein Praktikum absolviert hat, richtet sich bereits nach dem veränderten Markt: »Die arbeiten im Kosovo und in Kasachstan.«

Cornelia Esch, 25, ist in der Kleinstadt Polch in der Nähe von Koblenz aufgewachsen, ein Idyll der alten Bundesrepublik. Cornelia studiert im neunten Semester Ethnologie, hat einige Praktika hinter sich und bereitet sich auf ihre Magisterarbeit vor. »Manchmal«, sagt sie, »bekomme ich einen Flash, ob ich mich auch irgendwann für Hartz IV anmelden muss.« Sie komme gerade so über die Runden, »aber als meine Bank mich darauf aufmerksam machte, ich müsse fürs Alter vorsorgen, dachte ich: Wie soll ich das nur schaffen?«

Es gibt auch Gewinner wie Jürgen Martinschledde. Er ist 24 Jahre alt und studiert in Ulm Wirtschaftsmathematik. Für sich selbst sieht er auf dem Arbeitsmarkt keine Probleme. »In meinem Bereich gibt es Jobs, den Versicherungen, Banken und Unternehmensberatungen geht es ja gut.« Und trotzdem sagt Martinschledde mit Blick auf seine Freunde: »Wir sind die Ersten in Deutschland, denen es schlechter gehen wird.«

Es klingt wie ein schlechter Witz. Vor knapp dreißig Jahren war der Schlachtruf der lethargischen Jugend »No future!«, wobei sie zwar glaubte, dass die Welt untergehe, aber nicht sie selbst. Ausgerechnet die ehrgeizigen Jungen von heute bekommen gerade eine Vorstellung davon. Sie wollen unbedingt eine Zukunft, sie studieren immer schneller, absolvieren unzählige, oft unbezahlte Praktika, jobben nebenbei, doch das alles hilft ihnen wenig. Sie erleben no future der anderen Art: Die Globalisierung verändert den Arbeitsmarkt dramatisch, und der Staat kann ihnen kaum helfen. Im Gegenteil: In Frankreich demonstriert die Jugend gegen ein Gesetz, das eine zweijährige Probezeit für unter 26-Jährige vorschreiben würde. In vielen anderen europäischen Ländern stehen Jugendliche vor ähnlichen Problemen. Im Jahr 2005 lag die Arbeitslosigkeit bei unter 25-Jährigen in Polen bei 36 Prozent, in Griechenland bei 26, in Italien bei 24, in Frankreich bei 22, in Spanien bei knapp 20 und in Deutschland bei 15 Prozent. Die Große Koalition plant ein noch weitergreifendes Gesetz als in Frankreich, eine zweijährige Probezeit für alle Altersgruppen. Der Soziologe Ulrich Beck spricht bereits von der »Brasilianisierung des Westens«. 1977 verdiente ein 30-jähriger Franzose im Schnitt 15 Prozent weniger als ein 50-jähriger, 2006 sind es 40 Prozent weniger, meldet das Nachrichtenmagazin Le Point. Die Jungen in Deutschland trifft es gleich doppelt, denn die Gesellschaft sendet ihnen Signale, die widersprüchlicher kaum sein könnten: Wir haben keine festen Jobs für euch, aber macht doch bitte schnell viele Kinder. Die Gesellschaft bietet ihnen erst keinen Platz und überfordert sie dann damit, die Probleme des ganzen Landes zu lösen.