»Ach, Sie reisen auch nach Zagreb«, freut sich die junge Kroatin am Flughafen, die zurück in ihre Heimatstadt will. »Was, Sie bleiben gleich fünf Tage?«, staunt Vjenceslav Vlahov, der Fremdenführer beim ersten Rundgang. »Und Sie fahren nicht an die Küste?«, wundert sich Milan, der Taxifahrer. »Ja, was machen Sie denn hier die ganze Zeit?«, fragt neugierieg die Zagreber Bekanntschaft, eine Pharmalobbyistin im adretten Kostüm. Nun, Postkarten suchen zum Beispiel. Solche, auf denen der Dom von Zagreb weder verwackelt noch in Gerüste eingewickelt ist. Ein schwieriges Unterfangen.

Zagreb hat viel erlebt in seiner Geschichte. War Bollwerk gegen die Ottomanen, unterstand Ungarn und Österreich, ertrug Kommunisten, Faschisten und Nationalisten, sah Monarchien aufsteigen und vergehen. Doch an seine neueste Rolle der zunehmend populären Touristenattraktion scheint es sich noch gewöhnen zu müssen. Knapp eine halbe Million Touristen besuchten die kroatische Hauptstadt im vergangenen Jahr.

Gewiss, Zagreb ist eine der kleineren Hauptstädte Europas, mit gerade einmal 780000 Einwohnern. Aber für den Besucher hat das durchaus Vorzüge. Vom Regent Esplanade, dem frisch renovierten Luxushotel neben dem Bahnhof, in dem einst Josephine Baker, Charles Lindbergh, Arthur Miller und andere reiche Passagiere des Orientexpress abstiegen, läuft man zehn Minuten zum Ban-Jela č i ć -Platz im Herzen der Stadt. Ein Bummel entlang der Einkaufsstraße Ilica, die sich sanft wie ein Rückgrat durch das Zentrum schwingt, dauert 15 Minuten. Mit der Seilbahn hinauf zum Lotr š ć ak-Turm, und dann zu Fuß über kopfsteingepflasterte Gassen zum niedlich anmutenden Parlament und den blank polierten Limousinen davor: zwölf Minuten. Wieder hinab zum Dolac, dem Markt, wo Gemüseverkäuferinnen mit flinker Hand Möhren, Wirsing, Petersilienwurz und Knollensellerie zu Suppenbündeln binden, wo Frauen mit Kopftuch Sauerrahm aus Emailletöpfen schöpfen und Männer mit buschigen Brauen das Treiben über den Rand ihrer Kaffeetasse beobachten: 20 Minuten.

Um das Timing einzuhalten, darf man eigentlich nicht verweilen. Darf sich nicht einreihen in die Schlangen schick zurechtgemachter Menschen, die nach Büroschluss vor den verführerisch dekorierten Auslagen der Eisläden stehen. Darf nicht die Designermode in den Schaufenstern bewundern. Nicht die vielen Buchläden bestaunen und sich nicht verführen lassen vom rauchig-heimeligen Aroma der Maroni-Stände.

Die Kanone im Lotr∆ƒak-Turm böllert zur Mittagsstunde

Verweilen aber sollte man in Zagreb, das gehört zum Lebensgefühl. Zu einem angemessen verbrachten Samstagvormittag gehört ein kava (»Kaffee«), mit oder ohne mlijekom (»Milch«), aber gern mit einer Portion Klatsch in einem der vielen Cafés. Vielleicht ein Cremeschnittchen dazu? Der Kaffee ist italienisch stark, die Handtaschen sind französisch, das Busserln erinnert an Österreich und erst recht die Architektur – der aus Wien bekannte Baumeister Hermann Bollé entwarf auch in Zagreb viele Gebäude (weshalb die Stadt den Spitznamen »Little Vienna« trägt). Zagreb präsentiert sich als so fugenlos westlich, dass der Besucher Orientierungsprobleme bekommen kann. »Wo der Balkan anfängt? 55 Kilometer weiter da hinten«, sagt ein Zagreber. Er deutet gen Südosten, grob die Richtung, aus der im 15. Jahrhundert die Ottomanen durch Kroatien marschierten. Nach Zagreb kamen sie nie. Die Stadt schlüpfte rechtzeitig im Habsburger Reich unter, und bis heute fühlt man sich hier Wien näher als Banja Luka. 1796 wurde der erste Verein in Zagreb gegründet. Es war ein Schützenclub.

Im Ivana unterbricht ein fürchterlicher Rumms das Cafétreiben. Die Kanone im Lotr š ć ak-Turm kündigt, wie jeden Tag, die Mittagsstunde an. Man kennt den Knall, erwartet ihn, dennoch zucken die Gäste ein wenig zusammen. »Po ć elo je«, ruft ein Mann – »es hat begonnen«. Es dauert einen Moment, aber dann prusten sie los, die SMS schreibenden Mädels am Nebentisch, das ältere zeitungslesende Ehepaar. » Po ć elo je«, sagt auch der Kellner und sammelt weiter Tassen ein.

Wer hätte damals, als die Kämpfe während des Jugoslawien-Krieges so nah waren, geglaubt, dass man hier eines Tages über Kanonendonner lachen würde? Im Mai 1995 töteten serbische Raketen sieben Bewohner der Stadt, viele wurden verletzt. Die offensichtlichen Kriegsspuren sind heute beseitigt, die Panzersperren von den Straßen geräumt. Geblieben aber sind Flüchtlinge aus Ostslawonien, Vukovar und anderen Regionen. Mit ihnen kam neuer Pep in die Stadt. »Früher waren wir wie die Habsburger Monarchie. Nicht viel frisches Blut«, sagt eine »Pergulis«, eine alteingesessene Zagreberin. »Jetzt trifft man samstags jede Menge neue Leute.«

Dem Fremden kommen viele Gesichter bald bekannt vor. Die Dame mit dem lila Hut. Der Mönch in der braunen Kutte. Die alte Frau, dünn wie ein Grashalm und ganz in Schwarz gekleidet, die morgens durch den Dom zieht, vor jedem Heiligenbild verharrt und eine zitternde Hand auf die goldene Büste am Grab des Alojzije Stepinacs legt, des heilig gesprochenen Erzbischofs von Zagreb.