A nfang 2005 hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) 6000 Kinder aus vierten und 17000 Kinder aus neunten Klassen zu ihren Gewalterfahrungen befragt. Welche Antworten lassen sich aus den Resultaten dieser Untersuchung für die Krise der Hauptschule in Berlin-Neukölln ableiten?

Schon der Begriff "Hauptschule" ist zumindest im Hinblick auf deutsche Kinder und Jugendliche irreführend. Von ihnen landen dort nur noch etwa 15 Prozent. Völlig anders ist die Situation dagegen bei Migrantenfamilien. Von 100 männlichen Neuntklässlern türkischer Herkunft, die wir voriges Jahr im Rahmen unserer Befragung erfasst haben, besuchte fast jeder zweite die Hauptschule. Es zeigte sich, dass in den sechs westdeutschen Städten unserer Untersuchung an Hauptschulen inzwischen die Migranten mit 51,9 Prozent dominieren.

Hinzu kommt als weitere Belastung eine sehr hohe Rate von Schülerinnen und Schülern, die zu Hause unter innerfamiliärer Gewalt zu leiden hatten. Im Jahr vor unserer Befragung hat jeder fünfte Hauptschüler erlebt, dass die Eltern sich geschlagen haben (von den Migranten sogar 27 Prozent), und jeder dritte ist selbst Opfer von körperlicher Züchtigung oder Misshandlung durch die Eltern geworden (Migranten 38 Prozent).

Da kann es nicht überraschen, dass von den männlichen Hauptschülern nach eigenen Angaben 34 Prozent im Jahr vor der Befragung selbst Gewalttaten begangen haben. Und noch etwas charakterisiert die Hauptschüler: Gut jeder zweite schwänzt gelegentlich die Schule, jeder fünfte sogar zehn und mehr Tage pro Jahr. Die nach der Pisa-Studie sehr ausgeprägten Leistungsdefizite der Hauptschüler finden eine weitere Erklärung in ihrem extremen Medienkonsum.

Den Eltern sind diese Probleme nicht verborgen geblieben. Da sie in den meisten Bundesländern nicht mehr an die Schullaufbahn-Empfehlung der Grundschule gebunden sind, schicken zunehmend auch solche Familien ihre Kinder in die Realschule, für die die Hauptschule vorgesehen war. Das wiederum verstärkt die Konzentration von sozialen Randgruppen in der Hauptschule.

Die erste Folgerung aus dem Dilemma liegt damit auf der Hand: Die für Hauptschulen typische Eigendynamik in Richtung auf Schulverweigerung, Gewalt, Null-Bock-Mentalität und ein aggressives Männlichkeitsgehabe spricht für die Auflösung dieser Schulform und eine Zusammenlegung mit den zahlenmäßig weit stärker besetzten Realschulen. In einer solchen "Regelschule", wie sie etwa Thüringen eingerichtet hat, wäre die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler leistungsorientiert. Die Klassenzusammensetzung erleichterte es den Lehrern, einen konstruktiven Unterricht zu gestalten.

Aber das kann nur ein Beitrag zur Lösung der Probleme sein, die an der Rütli-Schule in Neukölln deutlich geworden sind. Ein Punkt, an dem anzusetzen wäre, ist der Kindergarten. Wenn der kleine Mehmet die Chance erhält, dort drei Jahre lang mit Max und Moritz zu spielen, lernt er buchstäblich spielend Deutsch und findet deutsche Freunde. Beides erhöht seine Chancen beträchtlich, später in der Schule erfolgreich zu sein und sich sozial zu integrieren. Wir sollten also auf eine möglichst gleichmäßige Verteilung der ethnischen Minderheiten in Kindergärten hinwirken.

Ein zweiter Ansatzpunkt ist die Orientierung vieler Hauptschüler an den Normen einer aggressiven Machokultur. Sie hat sich bei unserer Untersuchung als ein zentraler Faktor für die höhere Gewaltbereitschaft junger Migranten erwiesen. Die Schulen sollten hier im Unterricht rechtzeitig gegensteuern. Zum Einstieg in die Debatte bieten sich die acht Aussagen an, die bei der KFN-Schülerbefragung zur Messung der Akzeptanz von Gewalt verwendet wurden, zum Beispiel: "Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling."

Aufgabe der Schule wäre es, Hintergrundwissen darüber zu vermitteln, welche ökonomischen, gesellschaftlichen und religiösen Rahmenbedingungen diese Kultur der Ehre gefördert haben. Die Sechs- und Siebtklässler erscheinen für derartige Unterrichtseinheiten am besten geeignet, weil sie einerseits alt genug sind, die Zusammenhänge zu begreifen, und weil sich andererseits solche Macho-Orientierungen bei den Jungen noch nicht verfestigt haben.

Unsere Untersuchung zeigt ferner, dass es die zehnjährigen türkischen Jungen pro Schultag auf 3,5 Stunden Medienkonsum bringen, dabei bevorzugt jeder zweite verbotene Filme, und 28 Prozent sehen entsprechende Computerspiele, die wegen ihrer Gewaltexzesse von der FSK erst ab 16 beziehungsweise 18 Jahren freigegeben sind. Angesichts der negativen Folgen für die Schulleistungen und für die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen reicht es nicht aus, auf diese Probleme bei Elternabenden hinzuweisen und an die Familien zu appellieren, die Kinderzimmer von Bildschirmgeräten frei zu halten.

Bund, Länder und Gemeinden sind aufgefordert, flächendeckend für alle Kinder und Jugendlichen Ganztagsschulen einzurichten – freilich nicht nur Kinderbewahranstalten mit Fertiggerichten in der Mittagspause. Für die Nachmittage muss gelten: Lust auf Leben wecken durch ein breites Angebot an sportlichen, musischen und sozialen Aktivitäten, die den Kindern Chancen des gemeinsamen Lernens in solchen Bereichen eröffnen, die in der Schule zu kurz kommen. Insbesondere die jungen Migranten würden davon profitieren, weil sie am meisten unter einer sozialen Randlage leiden.