Jaccuse: "Er lebt"
Von Rechtlings: "Wer weiß"
Jaccuse: "Er lebt"
Von Rechtlings: "Fast tot"
Jaccuse: "So schnappt ihn"
Von Rechtlings: "Zu spät"
Aus der "Bestmannoper"

Nach Slonfe reist, wer sich vergnügen will. Slonfe ist ein elegantes Dorf in den syrischen Bergen. Staatspräsident Assad hat hier seine Sommerresidenz. Hier prosten sich junge arabische Frauen in schulterfreien TShirts zu, und durch die schattigen Straßen rollen Limousinen an den Nobelvillen vorbei. Der schlaksige Münchner aber, der an diesem heißen Augustnachmittag die Hügel von Slonfe hinaufsteigt, ist nicht zur Sommerfrische da: Christian Springer möchte Blumen auf das Grab eines Freundes seiner Oma legen. Das sagt er zumindest, doch als er den Namen dieses Freundes nennt, wird es ungemütlich. "Doktor Fischer? Den kennen wir hier nicht", sagt der Polizist energisch und mustert den vermeintlichen Touristen. Sofort ruft er mehrere uniformierte Kollegen. Das Verhör im Keller der Polizeistation dauert Stunden. Christian Springer ist hauptberuflich Kabarettist und eine seiner Lieblingsrollen ist, sich dumm zu stellen. Er verrät nicht, dass er fließend Arabisch spricht und seiner Frau in Deutschland einen Notfallplan hinterlassen hat: Sie wird Alarm schlagen, wenn er sich nicht in zwölf Stunden bei ihr meldet. Springer hat einen Tipp erhalten, Dr. Fischer erhole sich in einem von Assads Gästehäusern. Solange aber wiederholt er die Geschichte von der Oma, bis die Polizisten ihn schließlich entnervt laufen lassen: Dr. Fischer – dessen Namen sie gerade eben noch gar nicht kennen wollten – habe einige Jahre in Slonfe gelebt, geben sie noch zur Auskunft, aber er sei vor langer Zeit gestorben, sein Grab nicht zu finden. Die "Bestmannoper" in den Städtischen Bühnen Osnabrück BILD

Es gibt kein Grab, und dennoch werden Nachfragen nach diesem Mann mit der Legende vom Tod beschieden. Von der deutschen Botschaft bis zur syrischen Regierung, von ehemaligen Nazigrößen bis zu namhaften Zeitungen: Gebetsmühlenartig wiederholen sie, der Mann sei längst verstorben, so inständig, als könne man seinen Tod herbeireden und dieses leidige Problem damit endgültig aus der Welt schaffen. Ob er tatsächlich tot ist, lässt sich mit Sicherheit nicht sagen, allenfalls ist er lebendig begraben: Seit Jahren hat ihn außer den Polizisten, die ihn bewachen, keiner gesehen. Und nur seine Bewacher könnten Auskunft geben, ob er immer noch hinter den beigefarbenen Steinmauern im zweiten Stock eines zur Festung ausgebauten Appartementhauses in Damaskus sitzt und seine Erinnerungen niederschreibt: Es sind die Memoiren eines Massenmörders, und vermutlich beginnen sie so ähnlich wie damals sein Bewerbungsschreiben für die SS: "Als Alois Brunner bin ich 1912 in Rohrbrunn, Burgenland, geboren."

Nichts war Brunner so zuwider, wie "die Arbeit halb fertig" zu lassen

1931 tritt der eher schmächtige, aber forsche Karrierist in die NSDAP ein. Wegen seiner leicht gebogenen Nase wird er als "Jud Süß" gehänselt, und seine Genossen munkeln, er wolle durch übertriebenen Ehrgeiz kompensieren, dass er zumindest äußerlich kein Paradenazi ist: Brunner wird zum Nachfolger Adolf Eichmanns als Leiter der Wiener Zentralstelle für jüdische Auswanderung und zum zweiten Chefplaner des Holocaust. Eichmann lobt ihn als "meinen besten Mann", und Brunner rühmt sich noch Jahre später, er habe Wien "judenrein gemacht". Brunner ist verantwortlich für den Tod von über 120000 Menschen: Er organisiert den "Nachschub" für die Konzentrationslager, ist der Hauptverantwortliche in der SS für die Deportation und Ghettoisierung der Juden, und er mordet und foltert auch eigenhändig – meist mit weißen Handschuhen. Mit unerhörter Effizienz und Brutalität koordiniert Brunner von 1939 an die Judenverfolgung in Wien, Berlin, Saloniki, Nizza und der Slowakei. Er leitet die Jagdkommandos, die versteckt lebende Juden aufspüren. Der französische Anwalt Serge Klarsfeld muss als Achtjähriger erleben, wie Brunner persönlich seinen Vater Arno aus seiner Wohnung in Nizza holt und nach Auschwitz in den Tod schickt. Serge Klarsfeld überlebt, im Wandschrank versteckt. Noch mit dem allerletzten Transport lässt Brunner 232 Kinder aus Paris nach Auschwitz transportieren, das Jüngste zwei Wochen alt, denn nichts ist ihm so zuwider, wie "die Arbeit halb fertig" zu lassen.

Nazijäger Simon Wiesenthal hielt Brunner für "den zweifellos Schlimmsten" unter den Naziverbrechern, die nie zur Rechenschaft gezogen wurden. Brunner und Eichmann, schreibt Wiesenthal in seinem Buch Recht, nicht Rache, "sind ein gleichberechtigtes Zweigestirn des Todes". Aber Adolf Eichmann wurde ausgeforscht, um den halben Erdball gejagt und gehängt. Alois Brunner lebt unbehelligt in einer Villa in Damaskus und bedauert, dass er "die Säuberung des Erdballs von den Juden nicht vollenden konnte".