Er ist keine Entdeckung. Jon Hassell ist zu alt, um sich plötzlich feiern zu lassen. 1937 in Memphis geboren, klingt sein Trompetenton so unverwechselbar wie der von Miles Davis. Zu seiner Welt gehört Karlheinz Stockhausen ebenso wie der indische Sänger Pandit Pran Nath oder die Ambientklänge La Monte Youngs. Seine Bewunderer reichen von Wim Wenders bis zum Geräusch-Eklektiker Brian Eno. Mit Jazz hatte es begonnen, als er auf dem Kornett seines Vaters Stormy Weather übte, und Jazz lässt sich heute nennen, was auf Maarifa Street zu hören ist. Und doch ist diese Musik durch ein Leben gefiltert, zu dem Minimal Music, Film- und Bühnenmusiken und Dritte-Welt-Erfahrungen zählen.

Das ließe eine ökologisch korrekte New-Age-Partitur vermuten, wäre da nicht dieser warme Trompetenton, der oft nur aus einem Mundstückbeatmen besteht, ein Lichtpunkt, der wie ein Tropfen Farbe jedes Bild verändert. Die Gefahr lag in den achtziger Jahren auf der Hand: Peter Gabriel, die Talking Heads, David Sylvian, jeder wollte diesen Melancholieverstärker. Doch Jon Hassell entzog sich, reservierte seine Klangmalereien für meditative Alben in eigener Regie – und verschwand zwischen den Regalen. Nun bündelt er rare Konzerte aus Paris, Montreal und Mailand, verdichtet und rhythmisiert die Aufnahmen – "Improved Concerts" nennt er diese Bearbeitungen – pointiert um den Gesang von Dhafer Youssef oder die lyrische Trompete von Paolo Fresu. Als später Nachhall von Miles Davis’ On The Corner legen sich die weichen, gebundenen Töne über den elektrischen Bass und die schwebenden Synthesizerwolken, Bitches Brew in Zeitlupe. Leider ziert das Album die magisch-realistische Folklore-Malerei von Mati Klarwein, der schon Miles Davis’ Cover verunzierte, ein Umstand, den man übergehen muss. Viel Schöneres ist da zu hören: eine Welt, gleichermaßen erträumt wie real, archaisch wie künstlich, eine "Technicolor-Oase" (J. H.), in die einfache Melodien wie Regentropfen fallen. Wer süchtig wird und zudem die Jazz-Seele von Jon Hassell will, sollte nach Fascinoma (mit Ry Cooder) suchen, wer den Tonmaler will, der sei auf die Filmmusik von Wenders’ Million Dollar Hotel verwiesen. Hassells Musik kann nachts auf Dächern gehört werden.

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