Die dresdner Denkart – Seite 1

Bürgerinnen und Bürger,
wir feiern Dresden. Feste sind hier alter Brauch. "Dresden scheinet gleichsam", hieß es 1718, "nur ein bloßes Lustgebäude zu sein. Bei Hof werden immer einige Lustbarkeiten angestellt" und die Gäste oft tagelang mit Aufzügen, Tierhetzen, Schnepperschießen, Wirtschaften und Musiken divertiert. Aber Stadtjubiläen sind eine neue Erscheinung. 1889 die Wettiner-Jubelfeier war noch ein "allgemeiner Landes-Dank", er dauerte eine Woche, man konnte nach allerhöchster Bestimmung einen großartigen "Festzug durch die Straßen der sächsischen Königsstadt sich bewegen sehen", und eine "ganz eigenartige Bereicherung" war das "geräuschlos aber mit unbeirrter Treffsicherheit vorbereitete Armeefest". Das eigentlich erste Stadtjubiläum erlebten wir 1956: die 750-Jahrfeier mit dem verheerenden Vorsatz Dresden trümmerfrei, sie beanspruchte immerhin einen Monat, alles was Rang und Namen hatte wirkte mit, der Zwinger, die Hofkirche waren im Aufbau, die Gemäldegalerie wurde wiedereröffnet und eine Preissenkung verkündet. Der Abschlußbericht monierte: "So schön der Wagen Augusts des Starken und der des III. gewirkt haben möge", sei "gerade hier das zum Ausdruck gekommen, was die Kommission auf jeden Fall vermeiden wollte": soziale Harmonie. "Die Darsteller des Volkes waren aber nicht erschienen." Sie standen an der Straße. – Nun also 800 knapp gezählte Jahre, und ein Festjahr wird veranschlagt, Zeit für Dresden; nicht auszudenken, wie lange die 1000-Jahrfeier währt.

Als der Platz noch kein Stadtrecht hatte, wurde schon seine Steinbrücke beredet; die Landeshauptstadt heute kommt mit einer Stahlbrücke ins Gerede. Damals und jetzt der liebe Eifer für den Ort, von dem Markgraf Dietrich der Bedrängte als von Unserer Stadt Dresden sprach. Die hochmögende Formel klingt uns kommun; und nun darf ich vor Ihnen von unsrer Stadt reden. "In Dresden kann der größte Abenteurer zu Ehren kommen", lese ich in einem Almanach, "wenn er nur ein Ausländer ist." Dies bin ich, weil ich (in meinem abenteuerlichen Beruf) nach Preußen zog, aber die Ehre hier schmeckt wie Muttermilch. Denn Dresden betretend, bin ich auf Heimatgrund.

Der Ort

Ich gehe also, Oktober 2005 – und folge Ihnen nur – auf den Neumarkt; es ist früher Morgen, dunstige Sonne, der neue Flügel des Schlosses glänzt, am Zaun vor der Brache ein Schild: Dieses Objekt steht zum Verkauf. Vor mir im Gegenlicht, fertig aber umzäunt, thront die Frauenkirche wie eine große synthetische Henne, unwirklich neu, aber ringsum das Treiben befestigt sie im Bewußtsein. Männer mit gelben Helmen unter dem Baukran verladen Fertigteile aus dem Betonwerk Oschatz, und tröstlich hantiert, am noblen Quartier F, ein Arbeiter mit einem Hammer. Vom Jüdenhof bis zum Landhaus ein geschäftiger Bauplatz, alle Gewerke zugange, Steinmetze, Klempner und Stukkateure. Hergebrachte Techniken, hergefahrene Leute, Handlanger, mit denen nicht gut reden ist, aus der Slowakei, Eisenflechter vom Kosovo. An der Salzgasse starrt eine riesige Baugrube, wo Kellerreste vermessen werden, das Eingeweide der Vorzeit, während man unter den Sonnenschirmen des rekonstruierten Coselpalais den Morgenkaffee trinkt. Das Hotel de Saxe im Schatten mustert aus seinen tiefen Garagenaugen den alten Luther: ein Original. Ein Schwirren und Klirren in der Luft wie aus allen Zeiten, ein Schaffen und Machen, als würde sich alles noch einmal ereignen, ein festliches Werden! Ich sehe das Gehäuse aus Leben und Arbeit, den gebauten Ort – und jetzt folgen Sie mir –: die Straßen, Giebel, der Fluß und die Hänge; der bleibende Abdruck des Daseins. Wieviel menschliche Mühe hat es verzehrt, Not und Unheil gekostet. Die Herrscher bedacht auf Gebiet und Geltung, die Bürger gebeutelt von Worfzins und Bede, Kaufleute kämpfend ums Stapelrecht. Privilegien, Gewohnheiten, Willküren, Statuten, Gefängnis und Pranger. Wie oft ist das Leben zernichtet, das Dasein neu gedacht worden, nach Feuersbrünsten, Elbfluten, Kriegswirren, Pest, in Aufschwüngen und Verheerungen, vier Jahreszeiten und zwei Gesellschaftsordnungen, Westkontakt und Osterweiterung, Gloria und Globalisierung. Was hätten die drezdani, die Sumpfwaldleute, gesagt, daß ihr Elbtal nun Weltkulturerbe ist; und was hätten die Wettiner gemurmelt, daß das Prädikat, wie Oberbürgermeister Roßberg sagt, ein Adelstitel sei! Ich sehe Paläste und Plattenbuchten, die Strategen aus dem Fürstenzug und die Taktiker aus dem Rathaus vor anderen nichtsahnenden Aufmärschen, den ganzen Karneval: und den Aschermittwoch. Ich sehe unweigerlich drei Städte, die unbegreiflich eine sind: das alte Dresden, wie es Löffler beschrieb, mein Vater wies mir vom Waldschlößchen aus die barocken Türme; die Trümmerstadt, Rudolph hat sie gezeichnet, meine alte Mutter wandte vorm Bild der Waisenhausstraße ihr gefurchtes Gesicht zu mir um; und die heutige Stadt, durch die ich sehnsüchtig gehe, und noch immer die Ramme auf dem schön gewölbten Pflaster des Neumarkts dröhnend, ein Leiharbeiter im Pullover steht dabei mit dem Wasserschlauch, der graue Zementstaub überall auf dem Pflaster wie Asche, die Totenasche, durch die ich laufe.

Der Riß

Dresden hat gleich die Quittung für das 20. Jahrhundert bekommen. Schillers Frage in den Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen": "woran liegt es, daß wir noch immer Barbaren sind?" ging hier auf den Grund. – In einem Gedicht des Dresdners Tragelehn, "Grundschule", 1985, finden sich die sonderbaren Zeilen: "Die Stadt brennt. Achtjährig hatte ich / Zum ersten Mal ein Urteil. Sie gefiel mir." Eine barbarische Empfindung, die Freund Mickel seinerseits kommentierte: "Da die Welt in Trümmern lag, bedrohte sie mich nicht; an den zerstreuten und durcheinander geworfenen Bruchstücken ersah ich die Schönheit, welche aus ihrer gefügten Ordnung mich ausgeschlossen gehalten gehabt hätte." Karl Mickel, das Arbeiterkind aus Altgorbitz, das sich die Hochkultur aneignete auf den Schutthaufen, der begehbar gewordenen Vergangenheit, er "zeichnete sie ohne Mitgefühl; mein Teil war, daß ich Blut spuckte. Die Toten drunten saßen komfortabel in ihren Hohlräumen"; komfortabel oder eingezwängt, ihr Schicksal hatte seine Ordnung, Folge eines sozialen Verhängnisses, des Irrtums im Fundament der Produktionsverhältnisse, der Profit, Rüstung, Krieg bewirkt; die Kultur auf der Barbarei beruhend. Kunstsammlungen / Mietskasernen.

Jetzt sind wir im Innern des Gehäuses, das seinen Riß zeigt, wie jede andere bisherige Sozietät. Jene frohe Festkultur hieß eben saure Wochenfron, und Prunk und Aufwand höfischen und bürgerlichen Regiments mußten erbracht und erpreßt werden. Die brühlsche Tafel wurde "mit 30 Schüsseln besetzt, und das mit einer solchen Profussion und Verschwendung, daß die Bedienten, wie sie wollten, Essen aus dem Hause schleppen konnten", hingegen "durch die Nichtauszahlung der Interessen von denen Steuerschulden unzähligen rechtschaffnen Leuten und Witwen und Waisen das Brot aus dem Munde gerissen, und sie in den elendesten Zustand versetzt wurden". Ich verzichte auf die Jahreszahl, es ließe sich noch in jeden Kalender schreiben. – Ist es ein Riß, so ist der Gegensatz dennoch verfugt und das Ganze, aus anderer Sicht, eine Fügung. So wie die schönen Künste und die leichte Industrie zusammengingen, die technischen Künste: das Flußdampfschiff, der Büstenhalter, die Spiegelreflexkamera und das Bombenzielgerät. Erfinder- und Unternehmergeist durften ein inneres Gleichgewicht geben, ein Selbstgefühl in den rohen Zeiten. In Chemnitz wird gearbeitet, Leipzig handelt und Dresden bringt das Geld durch oder: in Dresden wird gelebt. Es gibt einen dresdner Fundamentalismus, einen irdischen, sinnlichen Anspruch, hier in schon südlichem Licht, und doch richtigen Wintern, in anmutiger Landschaft, und etwas Freudiges, Sorgloses mästete diese Mätresse der Macht, die Kunststadt in splendid isolation, geschützt durch ihre Unschuld oder Schönheit: hat sie nicht das Recht, sich herauszuhalten, und sich was Bessers zu dünken? nicht verantwortlich für Gewalt und Greuel, gleichsam immer im Tal der Ahnungslosen?

Vor der unerwarteten Zerstörung hatte eine innere Zerstörung stattgefunden, und das gefügige Volk war dem Hitlerregime mit königstreuer Gesinnung gefolgt. Es war in unserer Stadt Dresden, wo zuerst die Bücher brannten am Wettiner Platz und in vorauseilendem Gehorsam die Schau "Zerfall in der Kunst" inszeniert wurde. Es war in Dresden, im Taschenbergpalais, wo man den Operationsplan erstellte, nach welchem an jenem 1. September die 8. Armee nach Polen einfiel. Garnisonsstadt, Lazarettstadt, Festungsstadt, Ruinenstätte. "Ein Mensch hat es leichter als eine Stadt, sich zu wandeln. Eine Stadt stürzt ein", resümierte Döblin in Berlin. Das Rohe am Menschen, von dem derzeit so viel geheimnist wird, ist in sein wahres Rätsel aufzulösen: die menschliche Gesellschaft. In seiner "Studie über die Deutschen" (die seinen Vater, seine Mutter in Auschwitz ermordeten) beschäftigte sich Elias mit der europäischen Illusion "einmal zivilisiert, immer zivilisiert". Die Illusion beginnt schon beim einmal; denn man muß nur am Lack der "hochentwickelten" Staaten kratzen, und der imperiale Leviathan kommt hervor. Nicht nur meine Generation der Luftschutzräume erlebte, auch die junge heute vor den Fernsehgeräten erlebt die Barbarei, die ganze Länder mit Angriffskrieg und -frieden überzieht. – Im Frühjahr 2003 flogen die US-Bomber direkt über Dresden, man sah (es war traumhaft schönes Wetter) die Kondensstreifen in Formation am Himmel und wußte, auch wenn kein Geräusch zu hören war, auch kein Geräusch in den Medien: in fünf oder sechs Stunden, in der Nacht, werden sie über Bagdad sein – wenig entfernt, nicht weit von Dresden, nein, von Dresden nicht weit fallen die Bomben auf Bagdad.

Die Erfahrung

Die dresdner Denkart – Seite 2

Der rußschwarze Sandstein, sagt Rosenlöcher, sei der wahre Dresdner. "Er weigert sich, das Gedächtnis zu verlieren." Es ist eingebrannt wie der schwarze Regen auf der Wand in Hiroshima, als hätte ein großer Drache Tränen geweint.

"Jede Rede über die Erfahrung muß heute von der Beobachtung ausgehen, daß sie nichts ist, dessen wir habhaft werden könnten", meint Agamben. Das Unvermögen, Erfahrungen zu machen und mitzuteilen, sei vielleicht sogar eine der wenigen Gewißheiten, über die wir verfügen; welchselbe das Alltagsleben unerträglich mache. – Das ist ein Unfug, sage ich, das gilt für den Dresdner nicht. "Leider wird fast nie etwas aus der Geschichte gelernt", weiß nun aber Hobsbawm. Und selbst wenn man aus der Geschichte lerne, kommt es anders, als man erwartet. Man könne höchstens sagen, daß uns das 20. Jahrhundert zu einem gewissen Optimismus berechtigt. "Wenn die Menschheit sich durch solch ein Jahrhundert", der Extreme nämlich, "durchgeschlagen hat, kann sie vermutlich alles ertragen." – Wiederum: nein! sage ich als Dresdner in meiner verlorenen Stadt. Nein, das kann sie nicht … und alles Denken und Empfinden sträubt sich gegen die ärmliche Einsicht.

Was ich Ihnen hier vorführe, womit ich sie behellige oder erhelle, ist: die dresdner Denkart, ein bedingtes, notwendiges Denken, das harmlose Antworten nicht erträgt. Und / also da neuerdings laut wird, daß die Deutschen, sich ihrer Kultur kaum erinnernd, "zu klein und zu ängstlich über sich denken", sie sollten auch nach Auschwitz selbstbewußt sein: so schweige ich und denke mir mein dresdner Teil.

Als ich in München Liotards Frühstück sah: die Bedienung am Bildrand angeschnitten, weggeduckt, wußte ich, was wir am Schokoladenmädchen haben: das selbstverständlich in die Bildmitte tritt. Es ist freilich nicht vor Ort gemalt, aber es tut am Ort seine Wirkung. – Doch wenn ich ein dresdner Denken berufe, weiß ich mich auf seine Art zu bescheiden. "Dresden leidet in Rücksicht der Gelehrsamkeit und Freiheit zu denken und zu schreiben", hieß es kürzlich, 1788, in einem Artikel über die Zensur, "gar keine Vergleichung mit Berlin." Überdies, wird über uns gesagt, drücke ihnen auch ihre gewöhnliche Vaterlandsliebe die Augen gegen manches zu, was einer scharfen Untersuchung und Rüge bedürfe. Andererseits, 1795: "Man trifft ungemein viel schöne Formen … Im Durchschnitt findet man mehr frische, unverdorbene Physiognomien als in Berlin." Das ist alles noch so, und Rosenlöcher darf "jene ewig jungen, mädchenhaften Frauen" betrachten "und ihre in letzter Zeit allerdings auffällig gealterten Männer mit den zerknitterten Damalsgesichtern aus der verlorenen Revolution von 1989".

Verloren? Es war ein Gelingen im Vorübergehen: indem nicht ernstgemacht wurde mit den gedachten Zwecken. War es nicht darum gegangen, das Unsere wirklich zum Unsern zu machen? Immerhin traten wir 89 "aus unseren Rollen heraus", und Modrow fragte nicht lange: Derfen die das? Nur machen die Dresdner nicht so viel her wie die Heldenstadt, und übten auch wieder vor Kohl den Diener. Und zehren dann von dergleichen Legenden, daß, "als im Oktober die Macht zurückwich, ein versehentlich auf dem Altmarkt stehengebliebener Polizist von den mädchenhaften Frauen derart mit Blumen überhäuft worden" sei, "daß er kaum noch gehen konnte und alle sehr erleichtert waren, als er sich, von Astern und Dahlien bedeckt, doch noch in Richtung Schießgasse entfernte." – Wo nun der Rückbau Altneubau beginnt, penible Metapher auf dem Bauschild für den problematischen Fortschritt, Betonbarock.

Die Kunst

Das Auferstanden ging den Dresdnern nie von den Lippen, denn was hieß so hymnisch der Zukunft zugewandt? Sie ruhte in den Ruinen. Eine Denklandschaft ohnegleichen, aus dem weichen Sandstein erodierter Kultur, vergangner Visionen, in die wir gestellt sind, Ungnade der späten Geburt oder Herkunftsglück in der herzzerreißenden Erbschaft. Hier ging die Erfahrung nicht leer aus beim Steineklopfen. Ein Tal, im Gegenteil, von Ahnungen ist es, menschlicher Möglichkeiten, Schöpfung, Zerstörung. Das Verlustgefühl war eine Produktivkraft (dies mag es auch heute, bei anderem Abbau, sein); und die Stadtguerilla der Denkmalpfleger führte einen Häuserkampf, ohne weitere Waffen als ihre Wehmut. Aber was war das Wichtigste? die Rettung des Alten, oder neue Wohnungen? Die Not bewegte die Hände, mehr als der alte Glanz die Sinne. Das elementare Bedürfnis lag im Streit mit dem ästhetischen Anspruch. Da war der Konflikt programmiert, der in die heutigen Tage weist. Die Menschen finden sich in ein verhaßtes Müssen, sagt Schiller, weit leichter als in eine schwere Wahl. So murrt das Dilemma fort, zwischen Banalität und Besonderheit zu entscheiden, plattem Erfordernis und konkreter Utopie.

Ich selber habe, mit vier Brüdern, Not gekannt, aber fühlte früh auch den Hunger nach Schönheit. Wir konnten uns ja nicht sattsehn, wir wuchsen in Trümmern auf. Die ragenden Reste bewahrten etwas wie Würde, auf den ausgeglühten Fassaden ein Abglanz von Anmut. Merkwürdig, die wüste Stadt hat mich nicht ruiniert … den Totenernst ertrug auch die Natur, die sie umblühte. Ich sah vom Rochwitzer Busch hinab, und die erste Liebe, oder ein lieblicher Steinweg trieb mich um, wie wenn es um mich geschehen wär … Erst als es mit seinen Brüchen eingegipst im sozialistischen Schnellverband lag, war mir Dresden fremd, und wie unrettbar geheilt von dem Phantasma. – Später in Berlin, mit der 5. Besatzungsmacht, nein, auf den dritten Wegen der Kunst, konnte ich meinen Fall buchstabieren. "Der entsetzliche Widerspruch von Grauen und Schönheit, die Wirkung von Tod und Kunst, rückte mir die Geschichte in ein scharfes Licht, als etwas Gewaltsames und Offenes, das Anteilnahme und Widerstand fordert." Das war der Ort und die Formel, wo die Frage an uns Barbaren stand und Schillers Idee der ästhetischen Bildung, die "das Individuum in Freiheit setzt" und in "der Wirklichkeit aber nur ›Schein‹ bleibt", dramatisch verfremdete. Sie ist uns als radikalere Einsicht vermacht: daß die Verhältnisse zu bilden sind, damit Kunst in die Wirklichkeit kommt. – Ästhetisch formbar ist nur, was Alternativen denken läßt. – Auch das Alte, Mustergültige hat eine Form gesprengt. Das verspielte Rokoko war (höfische) Rebellion gewesen. Die plebejischen Brücke-Maler probten natürlich den Aufstand. Sich ans Maßgebende anzuschließen: hieß Erneuerung, Umsturz. Ich wußte nun, daß die Kunst nichts Harmloses ist, die leichteste Weise zugleich und ernsteste Art unsrer Existenz. Was ich lernte, war dieses Doppelte, Gerechte: die Sucht zu bewahren, und die Lust des Beginnens. "Darum schließe ich zuweilen die Augen und denke an Dresden – " (Kleist, 1801).

Wie ermutigend ist jedes Wiedererstehn, und wie bange blicken de mehrschdn offs Neue. Die Gläserne Manufaktur für die höchsten Gehälter, und die steinerne Kirche, die barsch zur Erde betet. – "Ist es der Neumarkt?" fragt eine frankfurter Zeitung (und linst begierig auf das dresdener Beispiel). Zementkästen mit Blendfassaden. So fordern es Zweck und Nutzen. – Doch meine Freude bleibt auf dem Platz; nur mein Nischel nickt: Pseudogebäude, Pseudogesellschaft. (Das sage ich aus Erfahrung.) Nach den Oden des Parteigeists die Elegien des Sachzwangs. Dresden 800 Jahre x 1 Million Schulden – den Satz darf ich streichen. Schuldenfrei, die kurze Losung; Firmen fassen die Mittel und schaffen die Arbeit beiseite (: Elbflorenz dichtgemacht); eine Aufsichtsräte-Republik; Bürgerentscheide für die Autokratie. Der Kampf der Kompetenzen und Kosten, und der unerträgliche Alltag in den Arbeitsämtern. – Einst blieb man nicht gern im Lande, jetzt nährte man sich gern redlich. Und kein Friedrich oder August in Sachsen kann sagen: Macht euern Zweck alleene. – Kultur/erbe: glückliches Label, das uns mit Lasten und Leichtsinn belädt, bis wir selber zum Material der Erfahrung werden bei der Fahndung nach Menschenmaß. Das Fundament einer Stadt sind nicht Tiefgaragen. Nicht der Beton des Besitzes begründet ihr Leben: die kühne Konstruktion aus Gemeinsinn. Die dresdner Denkart fordert Recht auf Arbeit und Leistung, Anmut und Würde.

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Hier liegt nun in meinem Text noch ein Trümmerhaufen, von Widersprüchen, die ich nicht aufhebe, Brocken, Geröll; mögen ihn andre beräumen, die Lösungen wissen. – Kommunale Wohnungen sind vielleicht nicht das Tafelsilber, aber das Steingut des Stadthaushalts. – Jenen rechten Jungwählern, wenn ihnen ihre Mütter nicht entgegentreten, sollten die Trümmerfrauen erscheinen in den kalkigen Kitteln. – Die Mikroelektronik hat man dem Standort erhalten, aber was, wenn der Anschub bis Singapur trägt? – Beim Abriß des Kühlhauses Weißeritzstraße wurde der Arbeiter geborgen, der dem Fünfjahrplan huldigt; das Halbrelief des Arbeitnehmers muß noch gefunden werden. – Der "Umsonstladen" ist ein einsamer Vorgriff. Die Verkaufs-, nein die Idee ist, die Waren auf- und den Machtfaktor Geld zu entwerten. – Wie verschollen die Tradition der Deutschen Kunstausstellung; scheut der Markt das billige Urteil der Menge. – Die 77 Tage der Bombardierung Belgrads, bis heute hat sich die deutsche Regierung nicht entschuldigt. – Soros, der Philanthrop, der sich für die Integration der Indios einsetzt, kann nun nicht für die Wigwams der Woba sorgen! – Dresden wird ein teures Pflaster, sage ich niedergeschlagen vom Hebesatz. – Das "Narrenhäusel" fehlt mir am Neustädter Ufer: wer setzt jetzt dem König die Brille auf?

Ich umschreite dieses Mahnmal, den Problemhaufen neueren Datums, ich biete Ihnen, wie gesagt, keine freigeschrappte Fläche, "Baufreiheit", keinen Ausgleich. Ich führe Sie aber auf einen Hügel, um Übersicht zu gewinnen, Gunst der Gegend in herrlicher Lage am Fluß; den Hang hinauf. "Was kommt nach der bürgerlichen Gesellschaft?" fragte der neunzigjährige Hans Mayer vor zehn Jahren in seiner Rede "In den Ruinen des Jahrhunderts". Die städtisch-bürgerliche wie auch die klassenbewußt proletarische Kultur seien dahin; es herrsche ein universales Kleinbürgertum, seine Kultur die Wegwerfgesellschaft. Es bleibe der Kapitalismus ohne Bürgertum, der, entfesselt, hemmungslos, im Begriff sei, "alle einstigen Normen deutscher Bürgerlichkeit, wie man so schön sagt, ›abzuservieren‹, als handle es sich um kalt gewordene Speisen". Das heißt auch, dergleichen maßvolle Städte, wie die Europas, wird es in Zukunft nicht geben. Der Alte in Tübingen wollte nicht mehr wissen, was kommt. Er hinterließ uns die Frage und begab sich, von der "Ästhetik des Widerstands" redend, vor den Marmorfries aus Pergamon. Wir stehen vor einem ebenso stolzen, aber lebendigen Panorama, einem Stadtbild, das gleichwohl ein Fragment ist, heiterschöne Pracht und neues hartes Gepränge. Es zeigt die Skulpturen der Kuppeln in scheinbar unberührtem Pathos, und auf den radierten Brachen die nüchterne Neulast. Ein Bauen über dem Abgrund, im schmerzlichen Hochgefühl! Und in der Mitte der Feuerrost im Inferno von stinkendem, beißendem Rauch umloht. Die Schafweide auf dem Neumarkt idyllisch zwischen 20 Millionen Kubikmetern Schutt. Denn es ist alles auch noch da, denn das, was man nicht mehr sieht, gehört auch zu uns. Die Stadt nimmt dieses Abservieren nicht hin … sie stemmt sich dagegen mit ihren Steinen und Stirnen. Das ist ihre Denkart... Durch das was sie war und was sie wird, ist sie ein lebender Widerspruch zum Null ouvert, zur Nivellierung des global play. Das macht ihre ungeheure, unversöhnte Doppelgestalt, Schönheit und Schrecken, ihre Wirklichkeit, ihre Kunst. Auf so rohe, süße Art stellt sie den Gegensatz aus zwischen dem, was eine Gesellschaft ist und was sie von sich verlangen sollte; und hier nun endlich ist vom deutschen Selbstbewußtsein geprochen. – Was ist das Unsere? Die Kartoffeln, die der Bauer Palitzsch in Prohlis anbaute, und die neuste Wasserkunst am Seetor, wo der Unflat hinabfährt. Das Unsere hat einen Weltlauf durchwandelt bis herab ins Volkseigentum und hinüber in die Privatisierung. Diese Stunde, in der wir dies bedenken, ist die unsere. – Seht hin: ein entschlossener Fight ist imgange, die Gigantenschlacht der Investoren gegen die Elementarurbanisten, das Ringen von Renditedenken mit dem Bürgersinn, beharrlich, handgreiflich, erpresserisch, der Streit von Nostalgikern, Futuristen und Funktionären. Die Darsteller des Volkes verharren in ihren Rollen, Villenbewohner und Obdachlose, begeisterte Elbhangdresdner und krasse Rinnsteinchaoten. Das alles sehen wir bruchstückhaft und verklärt in der Mittagsdemse; ein mildes Gedrängel, ein geduldiger Zorn ist bei der Sache, der Suche nach einer Form, einer Daseinsweise. – Ich grüße die Äußere Neustadt und warte auf das Elbhangfest … Ah, die Landschaft, die noch immer die Fassung behielt, atmet der Stadt zu, und die Stadt umfaßt uns mit ihren Maßen, tröstlich, vertrauend; der Ort, der Riß, die Erfahrung. Dresden heißt die Kunst zu leben.

Der Text der Rede, die am 31. März in der Sächsischen Staatsoper gehalten wurde, folgt der Orthografie des Autors. Volker Braun, geboren 1939 in Dresden, war in der DDR ein Linksabweichler. Mit seiner subtilen Gesellschaftskritik machte er sich nach der Wende auch in der Bundesrepublik unbeliebt. Heute lebt der Büchnerpreisträger des Jahres 2000 in Berlin. Zuletzt erschienen von ihm bei Suhrkamp "Auf die schönen Possen" und "Das unbesetzte Gebiet"

Dresdens Festkalender 2006 ist zu bestellen unter Tel. 035165648660 oder info@dresden800.de