Zwei Wege führen nach Sarajevo, ein schöner und ein bequemer. Der bequeme Weg führt vom Flughafen durch abgewohnte Neubaugebiete, die immer noch mit Ruinen durchsetzt sind. Er dauert eine Viertelstunde mit dem Auto. Mehr ist über ihn nicht zu sagen. Der schöne Weg dauert Stunden, manchmal sogar einen ganzen Tag. Er führt über Haarnadelkurven und karstige Berge bis auf die Passhöhe, die die Sarajlier Wintersportanlagen vom eigentlichen Stadtgebiet trennt. Es ist der Weg, den Touristen nehmen, wenn sie von der kroatischen Adriaküste einen Abstecher in die bosnische Hauptstadt machen. Früher suchten sie hier jenes viel besungene "europäische Jerusalem", wo bis Ende der achtziger Jahre orthodoxe Serben, katholische Kroaten und muslimische Bosnjaken einträchtig miteinander lebten. Heute, gut zehn Jahre nach dem Ende der serbischen Belagerung, kommen sie, um zu sehen, was von der Eintracht geblieben ist. Nicht viel, haben sie gelesen und sind zuerst einmal skeptisch. Doch dann stehen sie auf der Passhöhe, hören im Tal den Muezzin rufen und die Glocken läuten und trauen ihren Augen nicht: Wie erhaben die geschundene Stadt wieder in den Bergen liegt, wie friedlich der Rauch aus den Schornsteinen der an die Hänge geschmiegten Häuschen aufsteigt und wie köstlich die ±evapi duften, die in den Berggaststätten gegrillt werden. Ob im muslimischen Teil... BILD

Sarajevo hat sich wieder schön gemacht. Die Frage ist nur: Für wen? Mirsad Purivatra, der Direktor des hiesigen Filmfestivals, hebt die Schultern, als wolle er sagen: Sie stellen Fragen. Sarajevo, sagt er dann, sei auch denen, die schon lange hier leben, ein Rätsel. Vom Auto aus wirkt die 300000-Einwohner-Stadt zuerst wie ein Dorf, das in den letzten 500 Jahren langsam vom Miljacka-Tal die Berge hinaufgekrochen ist. Die Straßen sind holprig und so schmal, dass man dem Gegenverkehr ausweichen muss, die Häuser klein und selbst die Moscheen nicht größer als ein deutsches Reihenhaus. Tagsüber sitzen davor alte Frauen in bunten Kitteln, die peinlich darauf achten, dass niemand zum Beten geht, ohne sich vorher mit einem Gartenschlauch die Füße abzuspritzen. Jetzt, am Abend, brennt auf den Türmen ein Glühbirnenkranz. Und weil unten im Zentrum auf jede angestrahlte Moschee noch mindestens eine katholische oder orthodoxe Kirche kommt und diese Dichte an Gotteshäusern ziemlich einzigartig ist, findet Purivatra das Klischee vom europäischen Jerusalem gar nicht so falsch. "Oder kennen Sie einen Ort, an dem Orient und Okzident einander so ähneln?"

Osmanische Gründung, kakanisches Kronland, jugoslawische Vorzeigestadt – Sarajevo ist einfach vom Osten nach Westen weitergewachsen, es gibt kein Zentrum, sondern viele Zentren, die Übergänge zwischen den Epochen sind fließend, man kann nur ahnen, wo Geschichte aufhört und Gegenwart anfängt. In den Restaurants, die in die alten türkischen Karawansereien gezogen sind, in den schicken Geschäften im habsburgischen Teil? Vor den Hauptquartieren der Eufor, die von Sarajevo aus seit zehn Jahren den Demokratisierungsprozess in ganz Bosnien-Herzegowina überwacht? Oder doch im iranischen Kulturzentrum, aus dessen Fenster ein finsterer Ajatollah missbilligend auf all die leicht bekleideten Bosnierinnen blickt?

Purivatra parkt seinen Wagen vor der riesigen orthodoxen Kirche an der Straße der Grünen Barette im österreichischen Teil. Ihre Kuppel wirkt von der Straße aus wie ein Planetarium aus Kupfer, dahinter ragt der Turm der katholischen Kathedrale in den Abendhimmel, im Osten leuchtet das Minarett der Gazi-Husrev-Begova-Moschee. So gut, wie die Denkmäler der Sarajlier Multikultur gepflegt sind, kann man sich schwer vorstellen, dass Sarajevo die meiste Aufbauhilfe mittlerweile aus islamischen Staaten bekommt, ja, man will nicht einmal glauben, dass eine Stadt, deren Kirchen derart gut in Schuss sind, zu 90 Prozent von Muslimen bewohnt wird.

Hier ging es immer ums Ganze: Liebe und Hass, Leben und Tod

Purivatra lächelt. "Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, glauben Sie nicht den Zahlen", sagt er dann und steckt den Kopf in den Kragen seines Jacketts. Es ist kühl geworden, und es regnet ein bisschen. Dicke Tropfen zerplatzen auf dem Pflaster. Die Wäsche, die aus den Fenstern des Mietshauses neben der Akademie der Künste am anderen Ufer der Miljacka hängt, wird langsam wieder nass. Aus dem Obala, einem Kinocafé im modernen Betonanbau der goldbetürmten Akademie, dringt Elektromusik. Drinnen sieht es aus wie überall, wo die Boheme sesshaft geworden ist. Betonwände, helle Sessel, Kellner, die eigentlich Künstler sind, Künstler, die als Galeristen arbeiten, Studenten, die von künftigen Auslandsaufenthalten schwärmen, Studentinnen, die ihre Jeans Kate-Moss-mäßig in die Stiefelschäfte gestopft haben. Morgen Abend, sagt ein Plakat, spielt auf der kleinen Bühne des Obala eine Punkband aus Belgrad, am Wochenende gibt es Death Metal aus Zagreb. Purivatra deutet auf das Plakat und bestellt zwei Espresso. Das ist nicht seine Musik, wirklich nicht, aber dass serbische und kroatische Gruppen wieder in Sarajevo gastieren, zeigt, dass er mit seiner Mission nicht allein ist.

Das von ihm geleitete Filmfestival, das im letzten Kriegswinter 1995 zum ersten Mal stattfand, bemüht sich seit 11 Jahren, Sarajevo zum Umschlagplatz einer, wie er glaubt, spezifischen Balkankultur zu machen. "Der Krieg hat aus uns gemacht, was wir heute sind", sagt er, und es klingt fast stolz, dass ihnen das anything goes der neunziger Jahre erspart geblieben ist, dass es hier immer um die ganz großen Dinge ging, um Leben und Tod, Liebe und Hass, Vertrauen und Vergeltung.