An einem dieser seltsamen Tage vor der Berliner "Terrorschule", an denen Dutzende Kameraleute und Fotografen hinter arabischen und türkischen Halbwüchsigen herhetzen und manche Reporter 120 Euro für gestellte Gangster-Gesten zahlen, an diesem Tag tritt ein schmaler, älterer Herr aus dem Schultor. Er wirft seinen kleinen Rucksack über die Schulter und geht langsam an dem eisernen Schulzaun entlang. Niemand filmt ihn, niemand befragt ihn, niemand beachtet ihn. Dabei ist er in diesem Moment vielleicht die interessanteste Figur rund um die Rütli-Schule. Fotografen belagern die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln BILD

Der Mann heißt Siegfried Arnz. Er ist 55 Jahre alt und seit einem Jahr in der Berliner Senatsverwaltung zuständig für die Hauptschulen. Ein Mann der Bürokratie also, obwohl er nicht so aussieht mit seinen Lachfalten um die Augen, dem silbernen Ring im Ohr und dem ulkigen Seidenschlips, auf dem drei Bergsteiger eine blaue Felszinne erklimmen.

Vor allem aber ist er der Mann, der zu wissen glaubt, wie man aus einem Ort für Gescheiterte und Übriggebliebene wieder eine Schule machen kann. Wie ein paar hundert Schläger und Geschlagene wieder zu dem werden können, was sie eigentlich sein sollten: 14-, 15-, 16-jährige Jungen und Mädchen, die etwas lernen wollen. Und wie einige Dutzend verzweifelte Männer und Frauen wieder zu Lehrern werden können, die Lust darauf haben, ihren Schülern etwas beizubringen.

Er hat ja selbst erlebt, dass es geht. Arnz war zehn Jahre lang Rektor einer Hauptschule, die heute als Vorbild für ganz Berlin gilt. Am Ende war er einer der bekanntesten Schulleiter der Stadt.

Dieser Mann also lässt die Presseleute und die jungen Araber in ihren Bomberjacken und die jungen Türkinnen mit ihren Kopftüchern hinter sich. Er steigt in seinen ungewaschenen weißen VW-Bus mit dem Campingdach und fährt in sein Büro. Seine Sekretärin reicht ihm die Kopien von 68 Zeitungsartikeln über die Rütli-Schule: "Berlins schlimmste Schule", die "Terrorschule", die "Chaos-Schule". Siegfried Arnz wirft nur einen Blick darauf. "Später", sagt er.

Dann lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und fängt an, von seinen Ideen zu erzählen. Als Erstes sagt er, dass sich viele Berliner Hauptschulen am Rande des Kollapses bewegten. Notgedrungen. "Sie werden ja nur noch von zehn Prozent eines Jahrgangs besucht." Und es sind nicht irgendwelche zehn Prozent, sondern die, die am gewalttätigsten, am verschlossensten oder einfach nur am dümmsten sind. Deren Eltern am meisten trinken, am längsten arbeitslos sind, am wenigsten Deutsch sprechen. Die übrigen 90 Prozent gehen auf Gymnasien, Realschulen oder Gesamtschulen.

Trotzdem, sagt Arnz, auch unter diesen "oft brutalen Bedingungen" sei es möglich, an Hauptschulen für ein positives Klima zu sorgen. Es komme nur darauf an, Vertrauen zu erzeugen, Verantwortung zu übernehmen, eine Gemeinschaft zu schaffen. Es sind schöne Wörter, die Siegfried Arnz benutzt. Sie hören sich zunächst recht naiv an angesichts der hässlichen Realität an der Rütli-Schule und rundherum, im Berliner Stadtteil Neukölln.

Es ist die erste große Pause, als ein Türke aus der Neunten den Schülersprecher Joan einen Hurensohn nennt. Es ist Montag, der 13. März, ein kalter Wintertag, und Joan sieht dem Türken in die Augen. Packt ihn am Arm. Sagt: "Was soll das, Alter, was hast du gegen meine Mutter?" Dann spürt er von hinten einen Tritt. Taumelt, verliert das Gleichgewicht. Joan, den sie sonst den Paten nennen, landet im Dreck. Er sieht nach oben, und die anderen sehen auf ihn herab.

Joan ist Araber, Libanese, ein kantiger, 17jähriger Kerl mit kahl rasiertem Schädel über den Ohren. Vorigen Sommer kam er auf die Rütli-Schule, auf der Realschule war er zweimal durchgefallen. Joan ging zum Unterricht und machte hin und wieder Hausaufgaben. Er ließ sich zum Schülersprecher wählen, er wollte der Chef sein in der Schule. Aber jetzt liegt er am Boden.

Am nächsten Morgen lauert er dem Türken auf dem Schulweg auf. Joan trägt eine schwarze Hose und seine schwarze Lederjacke, als er in der Weserstraße auf den Türken eindrischt. Er schlägt ihn in den Bauch und ins Gesicht, er tritt ihn um und auf ihn ein und lässt erst von ihm ab, als ein Passant dazwischengeht. Joan tut, was er tun muss, um seine Ehre wiederherzustellen, und während der andere ins Krankenhaus gefahren wird, kommt er gerade rechtzeitig zum Unterricht. Die Schulleiterin ruft seine Eltern an. Nach der Pause wird der Pate von seiner Mutter abgeholt.

Patrick, der in seine Klasse ging, sagt, Joan sei leicht erregbar. Safak sagt, Joan habe ihn beschützt, wenn Ältere ihm auf dem Bolzplatz seinen Ball wegnehmen wollten. Ahmad sagt, er sei ein Vorbild gewesen. Alle hätten Joan respektiert. Osman sagt, weil Joan alle respektiert habe.

Drei Wochen sind vergangen, seit Joan von der Rütli-Schule flog. Er schläft nun häufig bis Mittag, dann geht er raus, ins Internet-Café oder zum Reuterplatz, wo immer irgendwer ist, mit dem er Fußball spielen oder rumhängen kann. Manchmal ziehen sie dann weiter durch den Kiez, vorbei an den arabischen Cafés, den Spielhallen, den Wettbüros und Call-Shops, die wie die einzige Verbindung zur Außenwelt erscheinen, und manchmal landen sie in der Manege, einem Jugendclub gegenüber der Rütli-Schule, dem einzigen im Kiez.

Da sitzt er nun und sagt, dass er sich langweile. Nicht wisse, wohin mit sich und seiner Energie. Die Mutter, sagt er, weine viel, der Vater habe ein ernstes Wort mit ihm gesprochen – der Vater, der früher als Kaufhausdetektiv durch die Regalreihen bei Woolworth schlich. Heute sitzt er tagelang zu Hause. Es braucht ihn niemand mehr.

Niemand braucht sie noch, die Väter und Onkel und großen Brüder, jedenfalls kein deutscher Arbeitgeber. Die Männer bleiben zu Hause. Oder sie gehen ins Café. Anstelle ihrer alten Rolle füllen sie nun Fußball-Wettscheine aus. Setzen auf Fenerbahçe oder Galatasaray.

Unter den 18000 Menschen im Neuköllner Reuterkiez ist jeder Dritte ohne Schulabschluss, jeder Dritte ohne Arbeit. Die Kriminalitätsrate liegt 40 Prozent höher als im restlichen Berlin. Jeder Zweite hat das, was Sozialarbeiter einen Migrationshintergrund nennen. Zuerst kamen die türkischen Gastarbeiter, die später ihre Familien nachholten, dann kamen die Bürgerkriegsflüchtlinge aus Palästina und dem Libanon, dann die Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Es kamen Polen, es kamen Russen, es kamen Asiaten.

Vielen war es lange Zeit verboten, eine Arbeit aufzunehmen, viele waren hier jahrelang bloß geduldet, und weil sie damit rechneten, bald wieder weg zu sein, blieb ihnen die neue Heimat fremd, die deutsche Sprache, die Kultur. Hier zu leben hieß, sich durchzuschlagen, halblegal, illegal, mit Schwarzarbeit oder mit Drogenhandel. Man war Bürger auf Abruf. Die Kinder wurden in eine Zwischenwelt geboren – eine Welt, die nicht mehr die der Eltern ist und noch nicht ihre eigene. Sie sind eine Generation der Heimatlosen.

Joan sagt, er würde gerne eine Ausbildung beginnen, am liebsten als Erzieher in einem Kindergarten. Aber er muss grinsen, als er das sagt. Er hat keinen Schulabschluss. Und welcher Kindergarten würde ihn nehmen, ihn, den Paten, den Schläger?

Seit drei Jahren ist die Rütlistraße eine Jugendstraße. Kein Auto fährt hier durch. Neben der Schule stehen eine Turnhalle, zwei Kitas und einige Gewerbehöfe und an der Ecke, vor der Schranke, zwei riesige, grüne Frösche aus Pappmaché und Polyester. "Ochsenfrösche", sagt der Sozialarbeiter Wolfgang Janzer, der den Jugendclub Manege leitet. In seiner Werkstatt haben sie die Skulpturen geformt. Ochsenfrösche, weil Ochsenfrösche aggressiv sind. Weil sie alles platt machen.