Eine Hand voll Dollar wurde ihm am Ende zum Verhängnis. Genau gesagt, waren es wohl ein paar Koffer voller Scheine, bei deren Anblick nigerianische Zöllner stutzten und sich den Reisenden genauer ansahen. Der Herr im langen weißen Gewand entpuppte sich als Charles Taylor, Warlord, Baptistenprediger, Waffenschmuggler und Expräsident Liberias, bis vor kurzem weich gebetteter Exilant in Nigeria, seit einigen Tagen auf der Flucht, gesucht mit internationalem Haftbefehl. Jetzt sitzt er in einer Gefängniszelle – nein, nicht in Liberia, wo er für die Verwüstung des Landes und den Tod Zehntausender verantwortlich ist, sondern im Nachbarstaat Sierra Leone. Dessen blutigen Bürgerkrieg hat er angefacht. Die Anklage vor einem UN-gestützten Sondertribunal lautet auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit in elf Fällen – darunter Mord, Zwangsarbeit, Rekrutierung von Kindersoldaten, sexuelle Sklaverei. "Ich erkenne die Zuständigkeit dieses Gerichts nicht an", sagte Taylor bei seinem ersten Auftritt im schwer bewachten Gerichtssaal in Sierra Leones Hauptstadt Freetown.

"Afrikas Milo∆eviƒ" – so hat der amerikanische Diplomat Richard Holbrooke den Liberianer einmal bezeichnet. Der Vergleich stimmt, was Taylors Fähigkeit betrifft, Kriege anzuzetteln und sich selber als Opfer zu inszenieren. Aber da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Slobodan Milo∆eviƒ war ein konventioneller Brandstifter, der Nationalismus und Gewalt als Methoden des Machterhalts einsetzte. Charles Taylor ist ein Geschäftsmann des Krieges – und zwar einer der erfolgreichsten, charismatischsten und brutalsten. Nur wenige haben nach dem Ende des Ost-West-Konflikts so viel Verheerung angerichtet wie er, so viel Profit geschöpft – und dabei so inbrünstig und öffentlich gebetet.

Zwischen 70 und 100 Millionen Dollar aus dem Diamanten- und Holzhandel sowie privaten Steuern hat Taylor nach Schätzung der Menschenrechtsorganisation Coalition for International Justice (CIJ) jährlich in die eigene Tasche gewirtschaftet. Zuerst als Warlord im liberianischen Bürgerkrieg, in dem seine small boy units – mit Drogen, Schnellfeuergewehren und bizarren Kostümen ausgerüstete Kindersoldaten – die Zivilbevölkerung terrorisierten; dann, ab 1997, als Präsident, dessen überwältigenden Wahlerfolg die Liberianer in der zerschossenen Hauptstadt Monrovia damals so kommentierten: "Wir haben Angst vor ihm, wenn er Präsident wird; wir haben noch größere Angst, wenn er nicht Präsident wird."

Zu diesem Zeitpunkt hatte Taylor bereits eine Vorliebe für theatralisch inszenierte Massengebete entwickelt und sein Unternehmen "Krieg" auf das Nachbarland Sierra Leone ausgedehnt.

Weil dessen Regierung eine multinationale Truppe gegen Taylors Vormarsch in Liberia unterstützt hatte, rüstete dieser 1991 seinen Verbündeten Foday Sankoh und dessen Revolutionary United Front (RUF) auf. Deren Rebellen belieferten ihn in den folgenden Jahren mit Diamanten aus sierra-leonischen Minen und erhielten dafür Waffen. Die Zahl der Toten in diesem von außen angezettelten Bürgerkrieg liegt nach Schätzungen irgendwo zwischen 50000 und 200000. Berüchtigt wurde die RUF durch Vergewaltigungen, ein Massaker mit 4000 Toten in der Hauptstadt Freetown und ihre Praxis, Zivilisten die Arme abzuschlagen oder ihnen ihre Initialen in die Haut zu schneiden.

Seit 2002 herrscht in Sierra Leone ein prekärer Frieden dank einer britischen Militärintervention und des Einsatzes von UN-Soldaten, die fast 70000 Angehörige verschiedener Rebellengruppen entwaffneten. Eine Erfolgsgeschichte – bloß nahm sie die Weltöffentlichkeit, gewöhnt an afrikanische Horrormeldungen, kaum wahr. Folglich fand auch wenig Beachtung, dass ebenfalls im Jahr 2002 eine Gruppe in- und ausländischer Juristen inmitten der Kriegsruinen ein Strafgericht aus dem Boden stampfte: den Special Court for Sierra Leone (SCSL). Innerhalb kurzer Zeit hatte der SCSL – mit personeller und finanzieller Unterstützung der USA – Anklageschriften gegen Taylor und zwölf weitere Hauptverantwortliche des Bürgerkriegs formuliert und dabei gleich einen Präzedenzfall in der internationalen Strafgerichtsbarkeit geschaffen: Erstmals wird die Rekrutierung von Kindersoldaten als Kriegsverbrechen verhandelt.