Ein Zaun wächst aus flachem Feld, plötzlich und hoch. Vier Männer stehen davor, vielleicht froh um die Aufregung, ernste runde Gesichter, und verlangen Papiere, die Bewilligung!, den Ausweis!, es ist neun Uhr oder später, ihre Kragen sind aus künstlichem Pelz, die Uniformen blau. Ein Zaun umgibt die verbotene Zone, sie ist 2600 Quadratkilometer groß BILD

Einer kreist um den Wagen. Einer raucht. Einer setzt sich ans Telefon, knurrt Namen und Nummern, Krähen lärmen. Am Zaun hängt ein metallenes Schild, darauf eine Liste von Zahlen, Maßeinheit Curie, und irgendwann an diesem Morgen im Dezember, nach langem Reden, hebt sich der Schlagbaum unter einen tiefen Himmel.

Zapretnaja zona – verbotenes Land.

2600 Quadratkilometer im Norden des Staates Ukraine – verstrahlt, verseucht seit dem 26. April 1986, 1.26 Uhr. Der Asphalt, breit und löchrig, führt vorbei an leeren Ställen, an Wassertürmen, die schief im Nebel stehen, vorbei an Wald und Wetter.

»Tschernobyl«, spricht Anatolij Fjodorowitsch Koljadin aus tiefem Sessel und zittert, »Tschernobyl war unsere Liebe.« Er atmet laut.

»Mit diesen Händen hatten wir es gebaut, mit unserer Arbeit gestreichelt.«

Am frühen Morgen des 26. April 1986, er hatte gut geschlafen, stand Koljadin, wie so viele Morgen zuvor, auf einem Platz der jungen Stadt Pripjat, Region Tschernobyl, und wartete auf den Bus, der zum Atomkraftwerk fuhr, drei Kilometer weit. Koljadin, Russe, war in die Ukraine gekommen, weil ihm dieses Land gefiel, die Wälder, der Torf und die Arbeit in der Tschernobylskaja atomnaja elektrostanzija, die er, der Elektriker, im Lauf der vergangenen zwölf Jahre mitgeschaffen hatte, eine Anlage von bislang vier Blöcken, grafitmoderierte Druckröhrenreaktoren vom Typ RBMK-1000, Koljadins Freude, sein Stolz.

Vor zwei Tagen erst war Anatolij Fjodorowitsch Koljadin mit Frau und Kindern aus den Ferien zurückgekehrt nach Pripjat. 48000 Menschen, Angestellte des Werks und ihre Familien, lebten in der Stadt, die sechzehn Jahre alt war, benannt nach dem Fluss, dessen Wasser die Reaktoren kühlte und sich, ganz in der Nähe, in den Dnjepr ergießt.

Kalter Wind weht durch die Stadt, öffnet und schließt die Türen der Telefonzellen, die keiner mehr benutzt, ein Ort ohne Mensch und Geist, vergiftet, verboten. Noch steht auf dem hohen Haus, das in Pripjat Kulturpalast war, ein metallenes Getüm in braunem Rost, Hammer und Sichel, noch sind in den Eingängen die Namen derer geschrieben, die einst hier lebten, Familie Markow in Wohnung 75, Taratschik in 9. Sie lebten gern in diesen Platten, der Ort war neu und sauber, der Wald nahe, der Lohn, den das Kraftwerk zahlte, höher als anderswo.

»Meine beste Zeit«, haucht Koljadin, der zittert.

Zwei Tage nach dem Undenkbaren, das drei Kilometer hinter der Stadt geschehen war, standen siebenhundert Busse bereit, die Bewohner wegzubringen, Frauen und Kinder, nur Unterwäsche und Ausweise nahmen sie mit, weder Möbel noch Koffer. Pripjat, zwanzig Jahre danach, ist ausgeweidet, kein Stück Draht, das nächtliche Diebe nicht aus einer Leitung zogen, kein Tisch, kein Kühlschrank, keine Toilettenschüssel mehr, keine Glühbirne.

Wald sprießt aus Straßen und Dächern, Moos überzieht die Plätze, Hagebutte, die früher hier kaum gedieh. Noch steht in der Mitte der Einöde ein Riesenrad, Wind zupft seine Speichen, die Luft in Pripjat riecht plötzlich nach Schnee. Mehrere hundert Menschen leben in den Dörfern um Tschernobyl, obwohl das verboten ist. Hanna Alexejewna, 73, stellt Besuchern ihr Eingemachtes auf den Tisch BILD