DIE ZEIT : Wenn man sich als Abiturient für ein Studienfach entscheidet: Wie stark sollte man auf die Berufschancen schielen?

Jutta Allmendinger : Ich rate dazu, das zu machen, was man gut kann, und nicht auf die selbst ernannten Arbeitsmarktpropheten zu hören. Alle Statistiken zeigen, dass selbst in den Geisteswissenschaften die Absolventen nach dem Abschluss zwar länger auf einen festen Job warten müssen, viele ihn am Ende aber doch finden. Der Arbeitsmarkt hat die in den letzten Jahrzehnten enorm gewachsene Zahl an Akademikern geschluckt wie nichts. Sicher, es gibt viele Akademiker, die temporär arbeitslos sind. Das aber zu dramatisieren, finde ich arrogant gegenüber jenen schlechter Ausgebildeten, die aus ihrer Arbeitslosigkeit gar nicht mehr herausfinden.

DIE ZEIT : Haben Akademiker also immer die besseren Karten?

Allmendinger : Nehmen wir die so genannten Schlüsselqualifikationen. Damit meine ich die Fähigkeit, dass man flexibel ist, auf neuen Wegen denken kann und nicht darauf wartet, alles vorgekaut zu bekommen. All das wird immer wichtiger. Und da sind Akademiker enorm im Vorteil. Die Zahlen sind eindeutig: In den alten Bundesländern sind vier Prozent der Akademiker arbeitslos, in den neuen sechs Prozent, während von den Menschen ohne Berufsabschluss im Westen 22 Prozent keinen Job haben, im Osten sogar 51 Prozent.

DIE ZEIT : Mag sein. Aber lohnt sich ein Studium wirklich? Facharbeiter in der Automobilbranche verdienen oft mehr als promovierte Kulturwissenschaftler, und demnächst müssen Studenten fürs Studium zahlen.

Allmendinger : Die Öffentlichkeit ist dazu übergegangen, Bildung nur noch unter ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten. Davon distanziere ich mich. Doch selbst wenn man eine rein ökonomische Perspektive einnimmt: Die Bildungsrenditen sind immer noch da. Wer studiert, verdient im Durchschnitt mehr, als er an Zeit und Geld investiert hat, und auch mehr als ein Facharbeiter. Vom höheren Lebenseinkommen einmal abgesehen: Eine Fließbandarbeiterin bekommt kaum eine Möglichkeit zur Weiterbildung, sondern höchstens gesagt, dass sie sich an ein neues Fließband gewöhnen muss. Menschen mit einer höheren Bildung aber lernen im Unternehmen oder durch Eigeninitiative Neues und bleiben dadurch länger erwerbsfähig. Die Berichte über all die armen Geisteswissenschaftler, die nach der Promotion Taxi fahren müssen, sind doch aufgebauscht. Darin einen Trend zu sehen ist einfach Unsinn. Der Akademikerarbeitsmarkt hat ein riesiges Entwicklungspotenzial.

DIE ZEIT : Worin besteht dieses Potenzial?

Allmendinger : Viele Möglichkeiten werden derzeit gar nicht genutzt. Schauen Sie sich einmal den Anteil selbstständiger Akademiker in anderen Ländern an. Der liegt dort viel höher als bei uns. Dabei zeigen Analysen zur Förderung von Unternehmensgründungen aus der Arbeitslosigkeit heraus, dass in Deutschland gerade Akademiker, Ingenieure etwa, hier am erfolgreichsten sind. Die müssen bald nicht mehr gefördert werden, weil sie sich selbst tragen.

DIE ZEIT : Die Lösung für die Generation Praktikum?

Allmendinger : Praktika können sinnvoll sein, befristete Beschäftigungsverhältnisse auch. Aber längere Zeit unbezahlt zu arbeiten kann nicht der richtige Weg sein.

DIE ZEIT : Zu welchem Weg raten Sie?

Allmendinger : Die Praktika sollten früher geschaltet werden, schon während des Studiums, nicht erst danach. Auch wenn man das Studium dafür unterbrechen muss.

DIE ZEIT : Das machen doch viele heute schon. Trotzdem reihen sie auch nach dem Studium Praktikum an Praktikum, weil sie keine Festanstellung finden.

Allmendinger : Statt eine lange Praktikantenkarriere nach dem Studium zu absolvieren, sollten mehr den Mut fassen, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Natürlich wären dazu ein paar Jahre echte Berufserfahrung hilfreich. Aber der Sprung ins kalte Wasser kann zielführender sein als die Dauerexistenz als billige Arbeitskraft.