Das Schöne am Leben ist: Keiner weiß genau, wie lang es dauert. Gleichwohl kalkulieren Versicherer bis aufs Zehnteljahr, wann – statistisch gesehen – mit dem Ableben ihrer Kunden zu rechnen ist. Meist reden sie aber nicht gern über diese Zahlen. Denn diese Daten, die in so genannten Sterbetafeln zusammengefasst werden, sind eine der wichtigsten Grundlagen für die Kalkulation von Tarifen und Auszahlungssummen – und die Unternehmen finden es besser, wenn die Kunden darüber nicht so genau Bescheid wissen. Denn nicht alles, was Versicherungsunternehmen mit den Daten über die Lebenszeit anfangen, ist im Sinne des Verbrauchers. BILD

So kursieren zum einen Dutzende unterschiedlicher Sterbetafeln in der Branche, "das macht es dem Kunden unmöglich, Produkte verschiedener Anbieter untereinander zu vergleichen", kritisiert Lilo Blunck, Vorsitzende des Bundes der Versicherten (BdV). Zum anderen haben Versicherer die Angewohnheit, die Kalkulationsbasis schnell anzupassen, wenn sich die Bevölkerungsdaten zulasten ihres Unternehmens ändern. Zudem nutzen manche Versicherer gern überholte Sterbetafeln, um den Kunden Vertragskonditionen zu versprechen, von denen sie schon wissen, dass sie sie nicht werden einhalten können. "Das kann man so nicht hinnehmen", kritisiert der ehemalige Verfassungsrichter und Versicherungsombudsmann Wolfgang Römer.

Zu wissen, wie lange ein Durchschnittsdeutscher lebt, ist für beide Seiten wichtig: Für den Bürger, weil er entscheiden muss, wie er fürs Alter vorsorgt, ob sich eine Lebens- oder Rentenversicherung für ihn auszahlt oder wie lange sein Erspartes später reichen muss. Und für den Versicherer, weil er einschätzen muss, wie vielen Kunden er wie lange die zugesicherte Rente auszahlen muss oder wie vielen Hinterbliebenen die Todesfall-Versicherungssumme.

"Vorsichtshalber" werden Beiträge höher kalkuliert

Als öffentliche Stelle erfasst deshalb das Statistische Bundesamt jährlich die durchschnittliche Lebenserwartung für die Gesamtbevölkerung. Jährlich deshalb, weil ein deutlicher Trend dahin erkennbar ist, dass jüngere Generationen länger leben als ältere. Die amtlichen Daten sagen, dass männliche Neugeborene im Schnitt 76 Jahre alt werden und weibliche 81 Jahre. Männer, die bereits das 65. Lebensjahr erreicht haben – und damit die größten Lebensrisiken umschifften, die zum vorzeitigen Tod führen –, werden im Mittel sogar 81 Jahre alt, Frauen 85 Jahre. Demnach beziehen Männer im Schnitt 16Jahre Rente, Frauen knapp 20 Jahre lang. Mit diesen Daten könnte die Versicherungsbranche rechnen. Tut sie aber nicht.

Die amtliche Sterbetafel sei zu ungenau, argumentieren die Versicherungsmathematiker. Denn sie erfasse nichts anderes als die Versterbenden eines Jahres und deren Alter.

Der medizinische Fortschritt und die kontinuierlich steigende Lebenserwartung bleibe bei dieser Rechnung außen vor, so die Experten der Versicherungen. Ihre Organisation, die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV), entwickelt deshalb eigene Sterbetafeln, die diese Trends mit einbeziehen. "Es geht dabei auch um eine Unterscheidung zwischen der Gesamtbevölkerung und den Versichertenbeständen", sagt DAV-Geschäftsführer Michael Steinmetz, "das Statistische Bundesamt sammelt Daten quer durch alle Berufsgruppen und Standorte ein. Wir dagegen nur die Daten von Versicherten." Die werden laut diesen Sterbetafeln deutlich älter als der Normalbürger: Laut Prognose der aktuellen DAV-Rententafel von 2004 werden heute geborene Männer bereits 81 Jahre alt, Frauen 88 Jahre. Auch bei der erwarteten Rentenbezugsdauer kommen die Aktuare zu deutlich höheren Werten als das Statistische Bundesamt: Ihren Schätzungen nach beziehen heute 65-jährige Männer 24 Jahre lang Rente und Frauen sogar 27 Jahre lang. Und für eine Kundin Jahrgang 1975 rechnen die Aktuare schon mit einer Lebensdauer von 99 Jahren. Gehört sie dann noch zum Kreis der Akademiker oder ist sie sogar Beamtin, wird sie nach deren versicherungsmathematischen Berechnungen mit großer Wahrscheinlichkeit die 100 überspringen.

Im Prinzip ist nichts gegen derart optimistische Schätzungen einzuwenden. Doch sie bedeuten, dass die Branche Sicherheitspuffer bei der Berechnung ihrer Tarife einkalkuliert, die erheblich höher sind, als es laut Bundesamtsdaten nötig wäre. Also, dass Versicherungen ihre Kunden "vorsichtshalber" üppiger zur Kasse bitten – nur für den Fall, dass sie später länger leben, als es die amtliche Statistik vermuten lässt. Da die DAV-Tafeln außerdem nicht als Vorgabe, sondern nur als Mindeststandards für die Branche gelten, steht es den Versicherern sogar frei, in unternehmenseigenen Tafeln noch vorsichtiger zu kalkulieren und noch höhere Polster für die Beitragskalkulation einzurechnen.

Aber: Die extrem lebensbejahende Prognose der Versicherer gilt nur für künftige Rentenempfänger. Während die Produktanbieter für die Rentenversicherung nach zehn Jahren zuletzt 2004 eine neue Sterbetafel entwickelten, damit auf die steigende Lebenserwartung reagierten und sofort die Beiträge um rund 10 bis 20 Prozent in die Höhe schraubten, ließen sie bei der Lebensversicherung alles beim Alten. Rund 90 Prozent der deutschen Lebensversicherer – und das sind meist dieselben Unternehmen wie die Rentenanbieter – rechneten noch immer mit der DAV-Tafel aus dem Jahr 1994, bestätigt das Analysehaus Morgen & Morgen. Der Rest nutzt hausinterne Tafeln, die ähnlich alt sein dürften. Sie rechnen also mit Statistiken, laut denen die Menschen noch früher versterben und so eher zum Versicherungsfall werden. Es bedeutet ebenso: Sie gehen davon aus, dass ein und derselbe Mensch nicht so alt wird, wenn er eine Lebensversicherung abschließt, aber älter, wenn er eine Rentenpolice wählt. "Ich kann zwar erklären, wie es versicherungsmathematisch dazu kommt", sagt Römer, "aber im Grunde ist das absurd."

Zur Aktualisierung der Daten, die als Kalkulationsbasis für Lebensversicherungen dienen, sehen der DAV und der GdV aber keinen Bedarf. "Die Rentenversicherung als neues Produkt ist ein Thema, das brennt. Deshalb mussten wir da schnell fein justieren", verteidigt sich DAV-Chef Steinmetz, "die Lebensversicherung ist nicht mehr ganz so überholungsbedürftig." Der GdV erklärt offen, warum: "Während sich mit Erhöhung der Lebenserwartung die Sicherheitsmargen bei der Rentenversicherung verringern, erhöhen sich diese bei der Kapitallebensversicherung. Somit erscheint es nicht dringend angezeigt, die Sterbetafel für die Kapitallebensversicherung zu überarbeiten." Im Klartext: Angepasst wird nur, wo der Puffer für die Unternehmensbilanz kleiner wird.

"Überschüsse kann man künstlich erhöhen, indem man etwa bei den Rentenversicherungen mit einer deutlich höheren Lebenserwartung, als sie realistisch zu erwarten sind, kalkuliert", sagt der Versicherungsgutachter Peter Schramm. Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hatte in einer früheren Verlautbarung moniert, manche Sterbetafel "enthält Sicherheitsmargen, die vorsichtiger als erforderlich erscheinen". Aber das beeindruckt den DAV nicht, zumal die Aufsichtsbehörde ohnehin wenige Eingriffsmöglichkeiten hat. DAV-Chef Steinmetz: "Natürlich sind da Zuschläge drin. Aber die Aktuarvereinigung ist nicht angetreten, um Sachen vorzulegen, die ihr andere mit weniger Sachverstand um die Ohren hauen können. Kein Aktuar schlägt aus Lobbyinteressen etwas vor, was nicht vertretbar ist."

"Da hilft dem Verbraucher niemand mehr"

Sollten die Sicherheitsmargen in den Sterbetafeln zu hoch angesetzt sein, sagen GdV und DAV gern, kommen die daraus resultierenden Risikogewinne "zum weit überwiegenden Teil" den Versicherten zugute. Stimmt nicht, kontert Schramm. Laut Aufsichtsrecht müssen die Unternehmen zwar Zinsüberschüsse zu 90Prozent an die Versicherten ausschütten, von den Risikoüberschüssen aber (die anfallen, wenn weniger Schadensfälle eintreten als vorausberechnet) nur einen "angemessenen" Teil. BaFin-Sprecher Peter Abrahams legt das so aus: "Für uns bedeutet angemessen, dass Kunden in der Regel auch an Risikoüberschüssen zu mindestens 90 Prozent beteiligt werden müssen. Schreibt der Versicherer dem Kunden jedoch insgesamt mehr als 90 Prozent vom gesamten Überschuss gut, ist die Beteiligung an jeder einzelnen Überschussquelle letztlich nicht entscheidend."

Doch das Gesetz schreibt nicht vor, dass die Rentenversicherten an den Überschüssen aus zu vorsichtig angesetzten Sterblichkeiten zu beteiligen sind. "Hat ein Versicherer mit 20 Jahren Rentenzeit kalkuliert, stirbt der Rentner aber schon nach 18 Jahren, kann der Versicherer das Geld für sich verbuchen, muss es aber nicht als Risikoüberschuss ausweisen. Anders als in der Lebensversicherung gilt bei der Rentenpolice nicht der Tod als Risiko, sondern die Langlebigkeit", macht Experte Schramm das Problem deutlich. Der Branche gefallen solche Äußerungen gar nicht, der GdV und ein großes Versicherungsunternehmen wollten DAV-Mitglied Schramm per Beschwerde beim Berufsverband zum Schweigen bringen. Der befand aber letztlich, seine Aussagen seien teilweise überspitzt, "aber sachlich nicht falsch".

"Das wahre Problem für Verbraucher liegt allerdings woanders", sagt Römer. "Darin, dass Leute sich nicht auf die Zahlen verlassen können, mit denen Versicherer arbeiten. Die Anbieter unterliegen oft der Versuchung, mit geschönten Tafeln in den Vertrieb zu gehen und dem Kunden mit veralteten Tafeln eine Rente zu versprechen, die sie hinterher revidieren müssen. Das sind keine Einzelfälle mehr." Einige davon liegen seit der Umstellung der Rententafeln auf seinem Tisch. "Da hilft dem Verbraucher niemand. Letztlich müssen die Gerichte überprüfen, ob die Versicherer bei Vertragsschluss richtig gerechnet haben." Eine Instanz, die den Firmen bei den Sterbedaten vorab wirklich auf die Finger guckt, sieht er nicht. "Das können wir so nicht hinnehmen. Spätestens in eineinhalb Jahren müssen wir hier zu einer Lösung kommen." Wenn nicht, hat er bald noch ein paar Fälle mehr auf dem Tisch – denn Anfang 2007 ist auch der "Zieltermin" für eine DAV-Arbeitsgruppe, die eine neue Tafel herausbringen will.