Aber auch Spezialisten wie der Kartenproduzent Giesecke & Devrient, die Bundesdruckerei oder der Terminalhersteller Wincor Nixdorf. Selbst Telekommunikationsunternehmen wie Colt hoffen auf ein gutes Geschäft. Und nicht zuletzt sehen Werbeagenturen, Grafiker und Druckereien ihre Chance. Schließlich müssen 80 Millionen Menschen mit Broschüren und Plakaten darüber aufgeklärt werden, welche Rechte und Pflichten sie im Umgang mit der neuen Karte haben. Allein deren Versand dürfte Unternehmen wie der Post enorme Zusatzeinnahmen bringen.

Doch wie es aussieht, kommen viele Anbieter in diesem Milliardengeschäft gar nicht zum Zuge. Denn sie haben vor allem einen Konkurrenten: die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Deren regionale Ableger verfügen über stattliche Computerzentralen, weil sie – unter anderem – mit den Ärzten abrechnen und schon heute Ansprechpartner für IT-Fragen sind. Nichts liegt also näher, als sich in dem Projekt Gesundheitskarte eine wichtige Rolle zu sichern; beispielsweise mit Software oder mit zentralen Diensten. »Wir wollen selbst gestalten und nicht gestaltet werden«, sagt Roland Stahl von der KBV.

Eigentlich sollten die Bundesbürger die Karte längst haben

Pablo Mentzinis vom Branchenverband Bitkom macht hingegen klar: »Nicht akzeptabel wäre es, wenn Einrichtungen der Selbstverwaltung mit eigenen Lösungen als Anbieter im Telematikmarkt auftreten.« Die hätten schließlich Insiderkenntnisse und damit deutliche Wettbewerbsvorteile. Gemeint ist unter anderem die KBV. »Die Aufgaben können weitgehend von der Industrie übernommen werden«, so Mentzinis. Das sieht Andreas Kassner vom Verband der Hersteller von IT-Lösungen für das Gesundheitswesen ähnlich: »Wir gehen davon aus, dass am freien Wettbewerb festgehalten wird und Monopole beim zukünftigen Betrieb und der Software-Entwicklung verhindert werden.«

Noch ist vieles nicht entschieden, noch ringen die Experten um die endgültigen Konzepte. Nicht einmal grundsätzliche Fragen sind geklärt, wie zum Beispiel: Welche Informationen werden überhaupt auf der Karte selbst gespeichert – oder stattdessen in Computern irgendwo im Netz abgelegt? In diesem Fall würde die Karte nur als Schlüssel für den Zugang zu den Datenpools dienen. Getestet wird nun beides. Das aber führt dazu, dass die Krankenkassen die vielen Millionen Karten erst kurz vor dem bundesweiten Startschuss in Auftrag geben können. Es sei denn, sie riskieren es, zigtausend Testkarten in den Müll werfen zu müssen. »Wenn das nicht klappt, bricht ein Chaos in den Arztpraxen aus«, sagt Anne Strobel vom AOK Bundesverband. BILD

Eigentlich sollten die Bundesbürger die Karte längst in den Händen halten. Zum 1. Januar 2006, so steht es im Gesetz, war der Start für das große Telematik-Projekt geplant. Doch das ging gründlich schief. Weil so viele unterschiedliche Interessen im Spiel sind, bremsten sich die Beteiligten immer wieder aus. Dabei hatten sich die Spitzenorganisationen des Gesundheitswesens, dazu zählen die Kassen, die Krankenhäuser, die Apotheken und die ärztlichen Organisationen, grundsätzlich schon Mitte 2002 auf ein gemeinsames Vorgehen geeinigt. Zunächst erstellte ein Industriekonsortium ein Konzept, dann folgte eines von Fraunhofer. Beide sind auf jeweils tausend Seiten nachzulesen und kosteten 7,4 Millionen Euro. Bewirkt aber haben sie wenig.