Nur eine neue Gesellschaft ist entstanden. Die heißt gematik, darf 2006 rund 33 Millionen Euro ausgeben. Getragen wird sie unter anderem von den Kassen und Ärzteorganisationen sowie den weiteren Akteuren im Gesundheitswesen. Eigentlich, und nun könnte die Sache ganz einfach werden, wäre sie für alles zuständig: für die Funktionstüchtigkeit der Technik, für deren Zulassung, für den Ausbau der erforderlichen Infrastruktur, für die reibungslose Einführung der Karte – und nicht zuletzt für die Sicherheit. Eigentlich.

Weil alles nicht richtig vorankam, verlor Gesundheitsministerin Schmidt im November vergangenen Jahres die Geduld. Sie ordnete an, man möge möglichst schnell mit den Tests beginnen. Die ersten laufen bereits – im Labor. Richtig ernst aber wird es Ende dieses Monats, wenn in auserwählten Regionen die Praxistests starten. Das Ministerium legte auch die konkreten Regeln dafür fest. Und das bedeutet: Die Verantwortung für das Mammut-Projekt liegt seit vier Monaten allein bei der Ministerin. Seither nimmt das glücklose Projekt zwar seinen verordneten Lauf. Viele Fragen aber seien »noch nicht abschließend geklärt«, räumt ein Sprecher des Ministeriums ein. Deshalb soll es demnächst eine »Änderungsverordnung« zur Rechtsverordnung geben.

Kein Wunder, dass bei der Einschätzung der Kosten die Zahlen weit auseinander driften. Während die Bundesregierung noch immer von 1,4 Milliarden Euro ausgeht, prognostiziert der Verband der Privaten Krankenversicherung satte 4 Milliarden Euro. »Wir werden unserer Verantwortung nicht gerecht, wenn wir der Schönrechnerei Vorschub leisten und nur deshalb an Zahlen festhalten, weil sie uns sympathischer sind als andere«, mahnt Klaus Detlef Dietz, der Geschäftsführer. Vorsichtiger äußert sich Doris Pfeiffer, die Vorsitzende des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen. Sie sagt: »Einige grundlegende Entscheidungen sind noch nicht getroffen, sodass Kostenschätzungen zum Teil auf Annahmen basieren.«

Vage sind auch die Spareffekte, auf die Protagonisten des Projekts hoffen. Eine Kosten-Nutzen-Rechnung ist zwar in Arbeit; Mitte des Jahres sollen die Ergebnisse vorliegen. Doch Insider rätseln, was bei dieser Rechnung mit so vielen Unbekannten herauskommen kann. Jörg Menno Harms, Vizepräsident des Branchenverbandes Bitkom, glaubt auf jeden Fall: »Jeder Tag, den wir verlieren, ist ein Tag zu viel.« Er fasst die Vorzüge der Karte so zusammen:

lWürde die Verordnung von Arzneimitteln komplett auf elektronischem Wege abgewickelt, könnten jährlich über 200 Millionen Euro gespart werden. Das soll das so genannte eRezept ermöglichen.

lDurch Missbrauch der heutigen Versicherungskarte entstehe ein Schaden von jährlich etwa einer Milliarde Euro. Durch die neue Karte samt Lichtbild würde es deutlich schwerer, sich unter fremdem Namen Leistungen zu erschleichen.