lIn Deutschland würden jährlich rund 100000 Patienten in Krankenhäuser eingeliefert, weil sie eingenommene Medikamente nicht vertrügen. Ließe sich das durch entsprechende Verfahren vermeiden, würden rund 400 Millionen Euro jährlich eingespart und Leiden vermindert. Selbst Leben könnte gerettet werden. Nach offiziellen Angaben sterben in Deutschland jährlich rund 16000 Menschen, weil verordnete Medikamente nicht zueinander passen. Harms: »So einfach es klingt, die medizinische Versorgung ist schlechter, als sie sein könnte«, weil die Beteiligten oft nicht ausreichend informiert seien.

Wie die Patienten zu ihrem Recht kommen, ist noch gar nicht klar

Die meisten Neuerungen, wie beispielsweise die Dokumentation von Arzneimitteln, sind allerdings freiwilliger Natur. »Nur beim geringsten Hauch von Misstrauen«, sagt Klaus Detlef Dietz, »werden die Patienten ihr Einverständnis zur Speicherung verweigern.« Diese Sorge treibt viele um. Deshalb betonen alle Befürworter des Projekts selbst ungefragt, dass der Patient »Herr seiner Daten« sei. Wenigstens darauf haben sich alle Gesellschafter der gematik verständigt.

Tatsächlich hat auch der Gesetzgeber entsprechende Vorsorge getroffen. Die extra geschaffenen Paragrafen scheinen wasserdicht (siehe Risiken und Nebenwirkungen). »Nahezu vorbildlich«, lobt sogar der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar. Allerdings: Ob die Patienten über die gespeicherten Informationen tatsächlich selbstbestimmt verfügen können oder gar ein Daten-GAU droht, hängt ganz davon ab, welches Technikkonzept zum Einsatz kommen wird. Bei Hardware, Software und beim Ausbau des Netzes rivalisieren ganz unterschiedliche Ideen. Selbst Fachleute streiten dabei über hoch komplexe Sicherheitsfragen. Einmal falsch konzipiert oder wegen programmierter Zeitnot zu lasch geprüft – und schon entstehen gefährliche Sicherheitslücken. Dann aber wäre der Datenschutz das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt steht.

Noch liegen nicht einmal alle Spezifikationen fest, also jene technischen Finessen und Regeln, nach denen alles funktionieren muss. Sie werden am Ende viele Aktenordner füllen und sind nicht nur für die Chipkarten wichtig, mit denen sowohl die Patienten als auch die Ärzte ausgestattet werden; sie steuern auch Lesegeräte und die so genannten Konnektoren. Das sind kleine Kisten, die den Zugang zum Netz und den Transport der heiklen Daten sicherer machen und die künftig in jeder Praxis und allen Krankenhäusern stehen sollen.

Was aber wird eigentlich getestet, wenn konkret oft noch gar nicht feststeht, welche Technik zum Zuge kommt? »Um die Prozesse zu beschleunigen, wird zu Beginn der Feldtests mit Komponenten gearbeitet, die eine vorläufige Zulassung bekommen«, sagt Dirk Drees, der technische Chef der gematik. Und was bedeutet das für die Sicherheit? »Qualität geht vor Schnelligkeit«, betont Doris Pfeiffer, die Vertreterin der Kassen. Abwarten. Das Projekt Toll Collect lässt nichts Gutes ahnen.