Gretchens Geschichte beginnt in Föhrenheim, einem kleinen Ort, der irgendwo nach Bayern hineingedacht ist, und sie beginnt mit einem großen Ereignis: Gretchen kommt in die Schule. Doch Gretchen ist kein Kind unserer Tage, sie ist eine Sechsjährige des vorletzten Jahrhunderts, und das macht ihre Einschulung so spannend und fremd. Als ich selbst klein war, ist Das erste Schuljahr eines meiner Lieblingsbücher gewesen, und heute gehört es zu den Lieblingsbüchern meiner Tochter. Als sie eingeschult wurde, las ich ihr Gretchens Abenteuer vor und dann wieder und wieder und noch mal. BILD

Das Buch ist das Erstlingswerk der heute zu Unrecht vergessenen Autorin Agnes Sapper. Sie wurde 1852 in München geboren, und Das erste Schuljahr (es wurde 1894 veröffentlicht) war ihr Debütroman. Später erreichte sie eine große Bekanntheit mit dem Kinderbuch Die Familie Pfäffling, das vom Alltag einer ständig in Geldnöten steckenden, aber herzensguten Musikerfamilie handelt.

Der Umgangston, der in Gretchens Familie herrscht, ist ähnlich herzlich und warm wie der bei den Pfäfflings. Doch Gretchen hat keine Geschwister, sie ist ein bevorzugtes Einzelkind. Ihr Vater scheint ein gut situierter Beamter zu sein und gehört offenbar zur Föhrenheimer Oberschicht. Entsprechend verhält Gretchen sich in der Schule. Hemmungslos beschenkt sie ihre Klassenkameraden und lädt alle zu sich ein. Meisterhaft und ergreifend schildert Agnes Sapper – als Gegenentwurf zu Gretchens Unbeschwertheit – das Leben jener Kinder, die es weniger glücklich getroffen haben. Da ist zum Beispiel die kleine Luise, die sich kaum mehr in die Schule traut, weil sie ihre Tafel zerbrochen hat und ihre Eltern kein Geld haben für eine neue. Da ist der Schäfer-Hans, ein Sozialwaise, dessen Bruder kriminell geworden ist und der bei seiner tauben Großmutter im Schäferhüttchen leben muss. Da ist der kleine Spanier Felix Acosta, dessen Eltern gestorben sind und der von einem Zirkus in Föhrenheim zurückgelassen wird.

Für die Rettung all dieser Kleinen gibt es keine Behörden, keine Sozial- oder Jugendämter und keine Therapeuten. Es bleibt Privatpersonen, insbesondere aufmerksamen und freundlichen Lehrern, überlassen, für das Überleben solcher Kinder – derer sich heutzutage staatliche Förderprogramme und spezialisierte Institutionen annehmen – zu sorgen und ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Lehrer zu sein ist der wichtigste Beruf der Welt – das wird bei der Lektüre deutlich. Mit Anteilnahme und Tiefe schildert Sapper Kinderschicksale des ausgehenden 19. Jahrhunderts – alles weit weg von oberflächlichen Bedürfnissen vieler heutiger Grundschüler, weit weg von Gameboys, Markenmode und Haribo.

Aber auch für Gretchen kommt die Stunde des Erwachens. Die Familie zieht in die Großstadt (wohl München) um, und die Eltern schicken sie auf das anspruchsvolle "Töchterinstitut von Fräulein von Zimmern". Der Schulwechsel bedeutet einen Himmelssturz für das Kind. Gretchen ist nicht länger der umschwärmte Mittelpunkt der Föhrenheimer Grundschule, sondern bloß eine Landpomeranze, die für ihre hochnäsigen Klassenkameradinnen aus gutem Hause zum Ziel des Spottes wird. Der zweite Teil des Buches ist deshalb noch spannender als der erste. Gretchen muss sich durchbeißen – durch den schwierigen Schulstoff und durch die Ablehnung der Klasse. Und sie gerät obendrein in einen schlimmen Verdacht, der sich erst zum Ende des Buches aufklärt.

Agnes Sapper hat später einen Fortsetzungsroman für Gretchen geschrieben: Gretchen Reinwalds letztes Schuljahr. Er spielt etwa zehn Jahre nach der Einschulung und befasst sich am Beispiel Gretchens mit der Erziehung junger Mädchen zu kompetenten Ehefrauen. Während diese Fortsetzung heute altbacken wirkt, ist Gretchens Einschulungsgeschichte immer noch von zeitlosem Charme. Ein ungeheures Vertrauen in den guten Kern der Menschen wird darin spürbar: Aus jedem Kind kann auch unter den schlechtesten Bedingungen etwas werden, wenn es nur jemanden gibt, der sich ihm zuwendet.