Mit diesem T-Shirt vermarktet sich Oliver Kahn – als grimmige Maske

Eine Woche später rief er an. »Oliver Kahn hier«, sagte Oliver Kahn mit dieser Stimme, die man schon tausendmal im Radio und Fernsehen gehört hat, knarzig und gepresst, als entweiche mit jedem Wort ein wenig jenes »Drucks«, von dem Kahn so häufig spricht. Im Hintergrund rauschte es, der Torhüter schien im Auto zu sitzen, was seinem Anliegen zusätzliche Dringlichkeit verlieh. Es geschieht auch in einem Reporterleben nicht oft, dass ein Mensch von solcher Prominenz von sich aus anruft. Wenn doch, bedeutet das entweder Ärger, oder man soll instrumentalisiert werden. In diesem Fall geschah beides. Denn Kahn sagte, dass er leider kein Wort des Interviews, das wir kürzlich geführt hatten, freigeben könne. Ja, doch, es sei so geredet worden, wie es nun aufgeschrieben sei, alles authentisch, nur dürfe das niemand lesen. Nicht vor seinem Karriereende, das müsse man verstehen.

Dann legte Kahn auf. Er antwortete fortan auf keine Mail mehr, am Telefon ließ er nur noch den Anrufbeantworter sprechen. Oliver Kahn war wieder hinter seiner Oliver-Kahn-Fassade verschwunden. Das war am 31. März. Im Jahr 2005.

Es ist, als habe Kahn damals bereits geahnt, gefürchtet, wie es für ihn ausgehen würde – und was der Deutsche Fußball-Bund am Freitag als »top-aktuelle Info« ins Internet stellte: Jens Lehmann wird bei der WM im Tor stehen . Welch profaner Satz. Was für eine dürre Mitteilung als Abschluss eines dramatischen Schauspiels: Mit Amtsantritt im Sommer 2004 hatte der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann einen »Torwartkrieg« ausgerufen (zumindest nannte ihn manch aufgeregte Zeitung so), hatte zwei damals schon 34 Jahre alte Männer noch einmal in eine Art Bewerberrolle gezwungen, Oliver Kahn und Jens Lehmann – beide sollten erst kurz vor der Fußballweltmeisterschaft im Heimatland erfahren, wer das Tor der Nationalelf hüten dürfe.

Am Ende war es eine leichte Entscheidung: Kahn schien von Tag zu Tag zu altern, fast hörte man ihn ächzen und knirschen; Lehmann hingegen wirkte juvenil und freudig wie noch nie. Kahn hatte erst vor einigen Tagen, im Bundesligaspiel gegen den 1. FC Köln, erneut einen sehr erreichbaren Ball ins Tor fliegen lassen; Lehmann hingegen blieb mit Arsenal London in der Champions League zum achten Mal in Folge ohne Gegentor, das ist Rekord in diesem Wettbewerb. Ausgerechnet der Druck-Mensch Kahn schien Klinsmanns Druck nicht gewachsen zu sein.

Wie nach einer Bundestagswahl werden nun Experten gefragt. Einer ist Winfried Schäfer, der Kahn schon als A-Jugendlichen beim Karlsruher SC betreute und heute sagt, die Entscheidung gegen seinen Freund habe »ein Geschmäckle«, weil sie in dessen schwächstem Moment gefallen sei. Im Raum steht der Eindruck, Klinsmann habe nur auf den geeigneten Moment gewartet, um jenen Torwart zu benennen, den er von Anfang an favorisierte und der womöglich wirklich der Bessere für die junge deutsche Auswahl ist. Dann wäre Kahn einer derjenigen, der die genauen Regeln des Spiels nicht kannte, in dem über ihn entschieden wurde. Es wird verdächtigt, gegrätscht und nachgetreten. Doch man kann ins Meinungsgetöse dieser Tage hinein eine stille Geschichte des Verstummens erzählen. Die Geschichte des Interviews, das Kahn zurückzog, obwohl er darin nur er selbst gewesen ist.

Eine Stunde lang geht es um »Angst« und »Schwäche« – keine Kahn-Wörter

Eigentlich wird in den Medien über einen solchen Vorgang nicht berichtet. Bevor eine Zeitung ein Gespräch abdruckt, ist es üblich, es dem Befragten vorzulegen, Frage für Frage, Antwort für Antwort. Manchmal werden dann Zitate entschärft, doch nur selten zieht der Interviewte ein ganzes Gespräch zurück. Wie nahezu jeder deutsche Fußballprofi hat auch Oliver Kahn einen Manager, der ihn beispielsweise in der Frage berät, wann er welchem Medium was zu sagen hat, um Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen, sie bestenfalls zu steuern. Bei Kahn macht das die Playce AG. Ein Jahr lang wurde sporadisch wegen des Gesprächs verhandelt, um ein neues gerungen. Zwischenzeitlich ist man sich als Journalist leider nicht zu schade, sich der Argumente der Öffentlichkeitsarbeiter zu bedienen und zu schreiben: »Unterschätzen Sie die öffentliche Wirkung der ZEIT nicht.« Als Kahn vor einigen Wochen im Kampf um den Platz im Tor erstmals in die Defensive geriet, teilten seine Berater plötzlich mit, dass man eventuell doch noch vor der WM… Ein Wochenende und einen Fehler von Kahn später hieß es dann, dass sich der Torwart bis auf weiteres nicht äußern werde und dass er auch das alte Gespräch weiterhin nicht freigebe.

Soll man nun warten, bis man ein neues Interview bekommt, bis man komplett ins Kalkül eines Medienmanagers passt? Oder ein Porträt verfassen, das die Vorgeschichte verschweigt?

Vielleicht erzählt die Geschichte eines zurückgezogenen Gespräches mehr, als ein zurechtgeschliffenes transportieren kann. Zum Beispiel, dass man in einem Archiv der nicht gedruckten Interviews mehr Wahrheit fände als in jenem der gedruckten. Vielleicht erzählt die Geschichte im Fall des Oliver Kahn aber auch, wie ein Mensch, der ins Zentrum einer Meinungsschlacht geraten ist, selbst immer unmündiger wird, sich zumindest so fühlt. Im Nachhinein belegt sie jedenfalls, dass Klinsmanns Torwartduell womöglich zwar die Leistung eines Sportlers fördert, den Menschen aber quält.

So diskutierte das Fußballland über Kahn und Lehmann, analysierte Reflexe auf der Linie, das Abfangen von Flanken, die Strafraumbeherrschung – doch kaum jemand fragte, ob Klinsmanns Strategie nicht etwas war, das die Deutschen für sich selbst ablehnen: ein zutiefst neoliberaler Führungsstil, mit dem man seine Angestellten im Ungewissen über ihre Zukunft belässt.

Ein grauer Donnerstagmorgen im März 2005. Oliver Kahn, damals 35, siegt sich mit dem FC Bayern wieder mal der Meisterschaft und dem Pokalsieg entgegen und hat zum Interview nach München eingeladen. Einer der Pressesprecher seines Clubs hat Ort und Zeit gemailt, Bar Italia in Grünwald, um acht Uhr früh, noch vor dem Training. Heute, da alles zum Symbol geworden ist um diesen Torwart, denkt man: Vielleicht war sogar das eine dieser Kahnschen Kraftdemonstrationen, ein Nachweis von Disziplin und Willensstärke. Ein Interview auf leeren Magen.

Kahns Wohnort Grünwald wirkt abweisend, am Straßenrand graue, hohe Mauern, vergitterte Einfahrten. Limousinen reißen Regengischt aus dem Asphalt. Die Bar Italia ist geschlossen, karges Mobiliar ruht im Dunkel. Acht Uhr, Auto für Auto zieht vorbei. Dann rauscht ein dunkler Audi A6 Kombi heran, und man weiß: Das ist er. Ein getöntes Fenster senkt sich, es erscheint Kahns Fernsehgesicht. Die Nummer 1, der Titan, King Kahn, all die Attribute. Der Champions-League-Sieger, Weltpokalsieger, Vizeweltmeister, dreimalige Welttorhüter. Ziemlich viel »Welt…« auf einmal. Kahn sieht das dunkle Restaurant und fragt: »Hat zu?«

»Hat zu.«

Die Beifahrertür schwingt auf. »Steigen Sie ein. Wir fahren woandershin.«

Kahn sitzt ganz in Creme im Wagen, seine Kleidung bietet kaum Kontrast zu Haar und Haut. Er trägt schmale Schuhe, helle Hosen und eine Jacke im Bolero-Schnitt. Am Lenkrad sitzt das Klischee des Oliver Kahn, und das Klischee gibt Gas. Wortkarger Small Talk, zwei Minuten später hält Kahn vor einer Bäckerei mit Café, vertrautes Hallo, ein ruhiger Ecktisch ganz hinten. Anders als in Fernsehinterviews am Spielfeldrand sucht Kahn direkten Blickkontakt.

Es beginnt ein Gespräch über Schwächen und Angst. Eine Stunde lang. Am Ende sitzt das Klischee Kahn nicht mehr mit am Tisch.

DIE ZEIT: Herr Kahn, sind Sie sicher, heute morgen die Kaffeemaschine ausgemacht zu haben?

Oliver Kahn:

ZEIT: Die Haustür ist richtig zu?

Kahn:

ZEIT: Sie gehen schon manchmal zurück und gucken, ob Sie wirklich abgeschlossen haben?

Kahn:

Sogar die Antworten auf diese banalen Fragen hat Kahn nicht freigegeben. Deshalb dürfen in diesem Artikel nur die Fragen stehen – und auch nur jene, aus denen sich nicht die vorangegangene Antwort erschließen lässt. Jede Zeile ist mit dem Rechtsanwalt der ZEIT abgestimmt. Der so genannte Torwartkrieg beschäftigte am Ende also prophylaktisch auch Juristen, das ist ebenso absurd wie wahr.

Mit welchen Erwartungen bittet man um ein Gespräch mit Oliver Kahn? Man sitzt einem Menschen gegenüber, der schon Hunderte Interviews gegeben hat. Fragt man im Archiv nach Kahn-Gesprächen, hat man schnell einen dicken Stapel Papier auf dem Schreibtisch liegen. Doch alles, was Kahn sagt, lässt sich auf einem Blatt komprimieren: »Druck«, »Herausforderung«, »Perfektion«. Oliver-Kahn-Wörter. Deshalb ist ein Interview mit Kahn auch eine »Herausforderung«: Jeder weiß, dass da mehr ist. Dass da ein Mensch sitzt mit einem Sportlerleben von, wenn man so will, shakespeareschen Ausmaßen. Und dies, wenn man noch mal so will, gebündelt in einer einzigen Weltmeisterschaft, jener im Jahre 2002 – verblüffenderweise der einzigen WM, bei der Kahn je gespielt hat. In der Rückschau, die immer ein wenig zugespitzt ist, liegt es im Sommer 2002 fünf Spiele lang nahezu ausschließlich an Kahn, dass die deutsche Nationalelf nicht verliert – im Finale gegen Brasilien dann liegt es auch fast ausschließlich an ihm, dass sie nicht gewinnt, weil Kahn in der 67. Minute einen Schuss von Rivaldo nicht festhält und Ronaldo kalt lächelnd das 1:0 erzielt. In diesem Moment komprimiert sich nicht nur eine ganze Karriere, sondern Fußballphilosophie: Die Brasilianer leben von ihren Stürmern, die Deutschen verlassen sich auf ihre Torhüter. Keinem haben sie so sehr vertraut wie Kahn, und Kahn war das bewusst. »Selbst wenn er nur im Gras liegt, scheint er irgendetwas Wichtiges, Vorentscheidendes zu tun«, hat der Spiegel schon vor der WM 2002 geschrieben. Nachher wurde alles noch bedeutsamer.

Ist das Lust oder Last? Und wie findet man aus dieser Rolle heraus, wenn sie denn Last wäre?

ZEIT: Wie groß ist Ihre Angst, im Alter von 35 Jahren nur noch den Status quo wahren zu können, den Niedergang hinausschieben zu müssen?

Kahn:

ZEIT: 2002 haben die Boulevardzeitungen Sie als »Titanen« gefeiert, und es schien, als hätten Sie selbst auch daran geglaubt.

Kahn:

ZEIT: Gab es Zeiten, in denen eine Parade nicht mehr eine Parade war, sondern ein Symbol? Der Beleg, »Titan« zu sein?

Kahn:

Oliver Kahn wird diesen Artikel, falls er ihn liest, wohl als Affront verstehen, als Angriff auf seine Ehre. Dabei ist er das Gegenteil. Er soll zeigen, wie wenig jemand wagen konnte, der gewinnen wollte im aufgeregten Fußballdeutschland. Wie wenige Schwächen jemand eingestand, der dachte, nur mit einer Demonstration der Stärke Erfolg zu haben.

Da es erlaubt ist, zu berichten, worum es im Interview nicht ging: Nicht einmal kritisiert Kahn Klinsmann. Nicht einmal erwähnt er Lehmann. Dafür antwortet er auf die Frage, ob es in seinen Nächten einen Albtraum gebe, der mit seiner Torwartrolle zu tun hat. Auf dem Tonband ist Kahns Stimme zu hören, die noch immer überraschend hell für diesen Körper wirkt, für diese mit Bedeutung überladene Person, zu der das Organ von Bruce Low viel besser passen würde. Manchmal lacht Kahn, aber es ist nicht sein meckriges Lachen vom Spielfeldrand, wenn ein Reporter wieder gefragt hat, was dieses 1:0, 0:0 oder 0:1 denn nun bedeute. Es ist ein selbstironisches Lachen. Kahn hat einfach geredet. Er hatte vergessen, die Mauer zu stellen. Nachher glaubte er, dass das ein Fehler gewesen sei.

Ein Jahr später, in den vergangenen Tagen, trug Oliver Kahn auffallend häufig eine schwarze Baseballkappe. Sie beschattete sein Gesicht, war Schutz und Statement – »Kahn« war darauf gestickt und die »1«, als sei das ein Fakt, eine Symbiose. Ottmar Hitzfeld, der Kahn beim FC Bayern sechs Jahre lang trainiert hat, sagt heute: »Kahn war immer die Nummer eins. Er ist es nicht gewohnt, infrage gestellt zu werden. Deshalb war in diesem Zweikampf die psychologische Ausgangsposition nur für ihn schwierig.« Druckte ein Fußballmagazin ein Bild der Nationalmannschaft, nahm es bis zuletzt eines mit Kahn und nicht mit Lehmann. Malte ein Kind die deutsche Elf, zeichnete es im Tor ein blondes Wesen. »Kahn« war das Original, war tatsächlich Synonym für »Nummer 1« – umso unfassbarer muss für ihn sein, was jetzt geschah. Allein dass es Umfragen gab, die »Kahn oder Lehmann?« fragten. Und dass diese Umfragen nun kippten. In der Politik heißt so etwas Erdrutsch oder Dammbruch. Kahn konnte nicht so schnell reagieren, wie die Stimmung umschlug. Da reichten auch seine Reflexe nicht.

Dieser Monolith von Torwart wirkte plötzlich gestrig. Die Welt ist nicht mehr so eindeutig, wie Kahn sie in seinem Fall noch immer gern hätte. In Zeiten des Sowohl-als-auch, der Reform der Rechtschreibreform, der Großen Koalition der kleinen Schritte wirkte Kahn am Ende fast wie ein alter Alleinherrscher, dessen Palast schon umstellt ist, der aber Durchhalteparolen aus dem Fenster ruft, wenn er bis zuletzt auf seiner Homepage mitteilte: »Keine Diskussion, ich bin die Nummer eins.«

Kahns Auftritt im Internet ist eine der Fassaden, hinter die der Torwart sich zurückgezogen hatte, schon bevor die Entscheidung fiel. Wer www.oliver-kahn.de aufruft, wird mit »Erfolgsregeln« begrüßt, zum Beispiel mit der »No. 9 – Fehler dienen dazu, sich weiterzuentwickeln, Perfektion als Prozess zu begreifen«. Man kann auch T-Shirts bestellen. Die Motive zeigen immer wieder Kahns Gesicht. Es ist das Gesicht eines grimmigen Fußballritters. Selbstdarstellung und öffentliche Wahrnehmung sind dabei erstaunlich deckungsgleich: Wenn man sich Kahn vor Augen führt, fallen einem zuerst das Kinn ein, der Kiefer und die Stirn, all die Macht- und Abwehrsignale, die ein Gesicht zu bieten hat. Aber wo sind die Augen? Da sind nur Sehschlitze.

Es gab eine Zeit, in der Kahn versucht hat, seinen Panzer abzulegen. Das war die Phase, in der er sich ungefährdet fühlte, nach 2002. Er schrieb ein Buch, dass zwar den absolutistischen Titel Nummer eins trug, in dem aber auch von »Angst« die Rede war. Über seinen Ehrgeiz schrieb er: »Die Gefahr ist, dass Besessenheit einen Prozess der Selbstzerstörung einleitet. Oft ist er ziemlich weit fortgeschritten, bis man ihn wahrnimmt.« Der Süddeutschen Zeitung sagte er damals: »Ich wollte ein paar Erfahrungen niederschreiben, und mir war wichtig, dass die Menschen vielleicht sehen: ›Aha, der Oliver Kahn hat noch ein paar andere Facetten.‹ Anstatt immer nur den Kahn, der mit offenem Mund im Tor steht, brüllt und seine Kollegen würgt.« Der Zeit antwortete er in jenen Jahren auf die Frage, ob er auch mal grundlos glücklich sei: »Da bin ich auf der Suche.«

Kahn war immer Darwinist – jetzt ist er erstmals in der Rolle des Opfers

Zuletzt war er wieder der Kahn, der mit offenem Mund im Tor steht und brüllt. Die Frage ist, ob Kahn besser beraten gewesen wäre, sich nicht derart zu stilisieren, oder ob Jürgen Klinsmann ihn bewusst in eine no win- Situation gebracht hat: Präsentierte sich Kahn als der Fehlerlose, würde ihm trotzdem irgendwann ein Fehler unterlaufen, der dann umso schwerer wöge. Gäbe Kahn sich indes nicht ganz verbissen, könnte es heißen, er nähme die Situation nicht ernst. Jedenfalls hat der Bundestrainer in Kauf genommen, einen von zwei guten Torleuten zu demontieren. Er hat vor den Augen des Fußballvolks ein großes Drama eröffnet, bei dem von vornherein klar war, dass einer der beiden Kontrahenten verlieren würde – über das sportliche Maß hinaus. Ottmar Hitzfeld, unter dem Kahn seine besten Jahre hatte, sagt, er habe »eine andere Philosophie als Klinsmann. Der Druck, der auf einem Torwart lastet, ist ohnehin immens. Meine Philosophie war deshalb immer, den Torwart zu stärken.«

Natürlich ist Kahn in diesem Spiel nicht nur das Opfer. Er hatte, anders als Lehmann, die starke, laute Lobby des FC Bayern hinter sich und mit ihr die Bild- Zeitung, die jüngst bedauernd feststellte, wie viele Werbegagen Kahn entgangen seien, seit seine Position im Tor infrage stehe. Das Blatt servierte Klinsmann quasi die Rechnung.

Dabei hätte der frühe Kahn mit dem späten Kahn wohl kein Mitleid gehabt. Es gibt eine Aufzeichnung des Sportstudios im ZDF vom 10. November 1990 – das war der Tag, an dem die Karriere des Oliver Kahn begann. Sein damaliger Verein, der Karlsruher SC, spielte gegen den VfL Bochum, und Karlsruhes Torwart Alexander Famulla griff in der ersten Halbzeit zweimal daneben. Beim Stand von 1:1 kam ein Fernschuss von halbrechts, Famulla ließ ihn unerklärlicherweise durch. 1:2 zur Halbzeit, der Trainer wechselte Kahn ein, Famulla verließ noch während des Spiels das Stadion. In der ZDF-Aufzeichnung fragt ein Reporter den 21 Jahre alten Kahn, ob er sich vor dem Spiel habe vorstellen können, dass er nachher die neue »Nummer eins« sei. Kahn blickt auch damals schon ins Nichts und sagt: »Ja gut, wenn ich überlege, gestern hätte ich mir das durchaus vorstellen können, weil ich bis gestern eigentlich damit gerechnet habe, dass ich heut’ von Anfang an spiele.« Der Reporter fragt nach, wie es sich anfühle, wenn man durch das Leid des Konkurrenten in eine neue Rolle gerate. »Ja gut«, sagt Kahn, »ist sicherlich richtig, wir sind alle Kollegen, und das tut einem dann schon ein bisschen leid, aber das ist halt mal so in dem Geschäft.«

Kahns Mitspieler Stefan Wimmer, dritter Torwart beim KSC, hat dem Spiegel einmal erzählt, Famulla habe mit Kahn nicht auf einem Zimmer schlafen wollen. »Der hatte Angst, dass er ihm nachts das Kopfkissen aufs Gesicht drückt. Olli hat jeden, der Handschuhe anhatte, als Feind betrachtet.« Ein paar Jahre später sagte Kahn über Famulla: »Er hat am Ende die Nerven verloren.«

Solange Kahn sicher war, zu siegen, hat er Fußball nach den Regeln des Darwinismus gelebt. Jetzt muss er erfahren, welche Freude es den anderen bereitet, diese Regeln auf ihn anzuwenden: Immer wieder zeigt das Fernsehen seinen Fehlgriff gegen Köln – übrigens in der ersten Halbzeit, beim Stand von 1:1, ein Fernschuss von halbrechts, und Kahn lässt ihn unerklärlicherweise durch. 1:2, der Trainer wechselt Kahn zur Halbzeit aus, der verlässt noch während des Spiels das Stadion.

Wenn man Oliver Kahn dieser Tage im Fernsehen sieht, ist es, als wölbe sich seine Stirn langsam über sein Gesicht. Als schließe sich da ein Visier. »Der Olli braucht jetzt ein intaktes Umfeld«, sagt Winfried Schäfer, sein Mentor, der vor 16 Jahren Famulla zur Halbzeit aus- und Kahn einwechselte, »er braucht jetzt einen, der ihm ein neues Ziel gibt.« Vielleicht fährt er auch deswegen mit zur WM.

Vor einem Jahr, in Grünwald, schlenderte Kahn zu seinem Auto, langsam und entspannt. So kannte man ihn nicht. Zum Schluss hatte er noch erzählt, wie er sich das Ende seiner Karriere vorstelle, wann auch immer, warum auch immer.

ZEIT: Wie werden Sie ohne Ihren Sport leben können – ausgerechnet Sie, der Sie Ihren Körper über Jahre in Adrenalin gebadet haben?

Kahn:

Um diese Antwort ist es besonders schade. Aber man würde sich freuen für Oliver Kahn, sollte er sie wahr werden lassen.