Als russischer Muttersprachler wird man oft gefragt, ob Joseph Brodsky (1940 bis 1996) in der Tat ein so großer Dichter sei. Hinter dieser Frage steckt eine andere, nämlich: Wie stark sind Brodskys Ruhm und Erfolg durch seine Bilderbuchbiografie – Verbannung, tragische Liebe, Exil und, als Krönung, den Nobelpreis (1987) – und deren politischen Mehrwert zu Zeiten des Kalten Krieges beeinflusst? Wenn ein Leser nur mit Übersetzungen vorlieb nehmen muss, will er – und zwar zu Recht – wissen, ob sich die Mühe lohnt, hinter den Interpretenstimmen die des Originals zu erraten. Deshalb allem voran: Ja, Brodsky ist trotz seiner Bilderbuchbiografie ein hervorragender Autor. Die umfangreiche Gedichtauswahl – nun zum zehnten Todestag des Dichters erschienen –, ist eine tolle Sache und war schon lange fällig.

Eine andere oft gestellte Frage gilt dem Status Brodskys in der heutigen russischen Literaturszene. Die Antwort lässt sich nicht kurz, in wenige Worte fassen. Die einen sehen in ihm den "letzten Klassiker", andere lehnen ihn gerade wegen dieser Kanonisierung ab. Oft sind seine Epigonen zugleich seine heftigsten Gegner. Brodsky fand eine eigenartige Intonation, der viele russische Lyriker bis heute verfallen sind. Er schuf eine Sprachgestik, mit welcher es sehr einfach scheint, Gedanken zeitgemäß und expressiv zu formulieren, Alltagsbeobachtungen zu zeichnen, sich der Liebe zu besinnen. Viele Epigonen zweiten Grades, die Epigonenkinder, bedienen sich dieser Gestik ganz unbewusst, als public domain sozusagen.

Die Fülle an Zitaten, Namen und historischen oder mythologischen Andeutungen in seinen Texten kann einen an der Unmittelbarkeit der westlichen Gegenwartslyrik erzogenen Leser irritieren und zu dem Verdacht verleiten, Brodsky sei ein allzu "kulturbeladener" Autor, der seine Bildung elegant in Verse zu verpacken wisse. Die Beziehung Brodskys zur Weltkultur ist aber eine ganz andere: von wegen kalte Eleganz – es ist eine brüllende Leidenschaft! Diese Leidenschaft ist nicht die schon häufig bemühte "Sehnsucht nach Weltkultur" eines Mandelstam. Brodsky war ein Raubtier der Poesie. Er nahm sich – auch mit Gewalt, soll heißen: ab und an die Zusammenhänge missachtend – alles, was ihm ins Gedicht passte, was ihn auf kürzestem Weg zum wirksamen Bild brachte. Ossip Mandelstam war ein verlorener (Stief-)Sohn der Weltkultur, der zurück nach Hause wollte, Joseph Brodsky ein Barbar, der sie zu erobern suchte.

Brodsky gehört der ersten Generation an, die aus der tiefen sowjetischen kulturellen Lethargie der fünfziger Jahre erwachte und aufstand. Bekannt ist, dass, bevor Anna Achmatova den jungen Wilden den Sesam in die russische Moderne öffnete, Brodsky und seine Freunde kaum eine Vorstellung davon hatten, was hinter dieser Tür verborgen und aufbewahrt war. Wissbegier und die Fähigkeit, aus allem zu lernen, halfen Brodsky, der nach der siebten Klasse die sowjetische Schule mit schlechten Noten verlassen musste, sich in kürzester Zeit tragfähige Brücken zu den so eröffneten Welten zu bauen. Mit ungeheurer Intensität gewann er den Baustoff für diese Brücken, wo er nur konnte. So stieß er (wie er sagte: "wie alle") auf den Namen John Donne im Motto zu Hemingways damals modischem Wem die Stunde schlägt. Verblüfft begab er sich auf die Suche nach Spuren des Urhebers (was bei weitem nicht "alle" taten), bis er dessen Predigten und Gedichte fand, las, übersetzte und zum Stoff für eigene Dichtung machte. Brodskys berühmte Große Elegie an John Donne (1963) ist ein riesiges Gedicht von kühner Struktur. In den ersten 92 Zeilen werden die Gegenstände aufgelistet, die John Donne in der nächtlichen Ruhe umgeben. In den darauf folgenden 32 Zeilen wird gefragt, wer da in der Stille weine. Brodsky erzählte in einem Interview: "Als ich die erste Hälfte schrieb, wusste ich noch nicht, wie es weitergehen würde… Ich verstand, dass ein Mensch solche Fragen in der Nacht hören kann… Aber von wem sie kommen, das verstand ich nicht. Plötzlich hatte ich es, und es passte wunderbar in einen fünffüßigen Jambus: ›Nein, ich bin’s, deine Seele ist’s, John Donne.‹ Daraus entstand die zweite Hälfte des Gedichtes."

In den restlichen 84 Zeilen spricht die Seele zu John Donne und dem Autor des Gedichtes, der einerseits von außen und von oben schaut und andererseits eine engere Perspektive als John Donne, bei dem er lernen will, hat. Brodskys künstlerisches Verfahren ähnelt einem Erkenntnisprozess. Nicht umsonst betonte Brodsky mehrfach, dass das Dichten eine ungeheure Beschleunigung des Empfindens, des Denkens sei.

Brodsky hinterließ sehr viele Gedichte. Hundert davon liegen in der größtenteils aus Neuübersetzungen bestehenden Ausgabe vor. Die Auswahl ist repräsentativ, die chronologische Folge der Gedichte gibt eine gute Vorstellung von der Entwicklung der Motive und deren Wiederholung, die von der Bedeutung des einen oder anderen Themas zeugt. Wer also will, kann zugreifen und den intellektuellen und sinnlichen Abenteuern eines der größten Lyriker des 20. Jahrhunderts folgen.