Literatur ist so etwas wie ein Sack voller Frösche. Der Sack kann fein sein oder aus Leinen, er kann alt sein oder neu, er kann bunt sein oder grau. Wichtig ist, dass in dem Sack ein paar Frösche herumhüpfen. Also setzt der Schriftsteller sich hin und schaut den Sack an und beschreibt, wie es aussieht, wenn in dem Sack ein paar Frösche herumhüpfen.

Er kann sie auch rauslassen, die Frösche, aber dann sind sie womöglich alle schnell weg. Er darf nur auf keinen Fall draufhauen, auf den Sack mit den Fröschen, sonst bewegt sich bald nichts mehr. Leider passiert das sehr oft. Leider haut in den meisten Fällen der Schriftsteller auf den Sack.

Kurt Vonnegut hat ein paar Romane geschrieben, in denen die Frösche besonders wild und besonders wahnsinnig herumhüpften. Sein berühmtester Roman ist Schlachthof 5, der von der Bombardierung Dresdens erzählt, sarkastisch, verwundert, feuerhell. Dann hat er ein paar Romane geschrieben, wo er die Frösche aus dem Sack ließ, und sie liefen ihm davon, was auch recht lustig anzusehen war, doch irgendwie kam dabei kein richtiger Roman mehr zustande. Aber immerhin eine fulminante Mischung aus Autobiografie, Erfindung und Weltphilosophieren wie Zeitbeben, sein, wie er sagte, letztes Buch, das eigentlich davon handeln sollte, wie die Welt die neunziger Jahre noch einmal durchleben muss, nur weil jemand den falschen Knopf gedrückt hat – und das doch vor allem davon erzählte, wie dieses Buch nie geschrieben wird, weder von Kilgore Trout, dem Alter Ego Vonneguts, noch von irgendjemand sonst.

Und jetzt das: Vonnegut hat noch einmal ein Buch veröffentlicht, Mann ohne Land, verstreute Betrachtungen, die sein Verleger gekonnt montiert hat zu einem weiteren weisen, witzigen Abschiedsbuch – und Vonnegut hat darin das Schwierigste und Schönste gemacht, was ein Schriftsteller tun kann: Er ist dorthin gegangen, wo die Frösche herkommen. Er hat den Ursprung gesucht von all dem Irrsinn, den wir Gegenwart nennen. Und hat dabei den Urgrund seines Schreibens gefunden.

Wie alle Moralisten ist Kurt Vonnegut zuerst einmal Pessimist. Er liebt die Menschen genug, um sie lächerlich zu finden. Er liebt die Welt genug, um sie vergnügt in den Untergang zu schicken. Er liebt das Leben genug, um sich gut gelaunt nach dem Tod zu sehnen. "Falls ich je sterben sollte, Gott behüte, soll dies der Spruch auf meinem Grabstein sein: Der einzige Beweis, den er für die Existenz Gottes brauchte, war Musik."

Einstweilen aber, so schreibt er, will er die Brown & Williamson Tobacco Company auf eine Milliarde Dollar verklagen. Die Firma stellt die filterlosen Pall-Mall-Zigaretten her, die er raucht, seit er 12 ist, und seit vielen Jahren versprechen sie direkt auf der Packung, ihn endlich umzubringen. Vonnegut ist aber 83, und er lebt immer noch. "Vielen Dank, ihr miesen Ratten. Das allerletzte, was ich jemals wollte, war am Leben zu sein, wenn die drei mächtigsten Menschen auf dem ganzen Planeten Bush, Dick und Colin heißen."