Montserrat Caballé

Seit langer Zeit schon habe ich einen kleinen Freund: einen Tumor in meinem Kopf. Er wurde vor 20 Jahren in New York entdeckt. Die Ärzte gaben mir damals maximal noch drei Jahre. Eine Untersuchung in Spanien brachte das gleiche Ergebnis. Ich fuhr nach Zürich, zu einem der besten Radiologen der Welt. Er bestätigte den Befund. Aber er wollte mich nicht operieren. Er sagte: Es könne sein, dass es sich legt. Nur die Zeit könne das zeigen. Man behandelte mich mit Laserstrahlen. Dann haben wir gewartet. BILD

Anfangs gab es jeden Monat eine Folgeuntersuchung, dann alle drei Monate, dann alle sechs Monate, schließlich jedes Jahr. Das ist jetzt 20 Jahre her. Das bedeutet: Er war nicht bösartig. Deshalb nenne ich den Tumor meinen Freund. Einen Freund, den man ein bisschen im Auge behalten muss.

Seitdem ist das Leben für mich ein noch größeres Geschenk als zuvor. Ich bin jeden Tag dankbar, weil ich weiß, wie beschenkt man schon allein damit ist, zu existieren. Natürlich sollen wir da sein, sollen wir leben. Aber wir dürfen es nicht einfach als gegeben nehmen.

Meine Lebensenergie entspringt nicht dem Willen, sondern der Liebe. Liebe ist die größte Kraft. Es gibt keine größere. Liebe zur Welt, zu den Menschen, zur Musik. Liebe zu allem. Da zu sein, Liebe zu fühlen, zu versuchen, Verständnis zu haben, auch wenn man dich nicht immer versteht.

Wenn du jemandem eine Freude machst, einem Kind zum Beispiel, und du schaust ihm dabei in die Augen und siehst darin das Glück leuchten – das ist das Größte, was ein Mensch als Dank erfahren kann. Es gibt keine größere Belohnung, als zu geben.

Ich glaube, das gibt nicht nur mir Kraft, sondern jedem Menschen. Wenn er nur die Augen schließt und in sich hineinschaut. Das ist kein Traum. Das ist das Leben. Es ist da. Aber nicht, um ständig darüber zu grübeln. Wir müssen heute leben. Für das Morgen. Und es ist ein Genuss, diesem Weg weiter zu folgen. Weiter zu dienen.

Ich habe das Gefühl, wir sind nicht ohne Grund hier. Sondern für etwas: um Gutes zu tun. Und natürlich bin ich dankbar und gläubig. Vielleicht sogar etwas zu viel für heutige Verhältnisse. Manchmal habe ich das Gefühl, nicht mehr ganz zeitgemäß zu sein.

Ich hatte in meinem Leben viele Träume. Privat und im Beruf. Ich trenne das. Mein Mann Barnabé und ich haben immer davon geträumt, nach Hawaii zu reisen. Vom ersten Tag an. Immer, wenn wir zusammen in Südamerika gesungen haben, sagten wir: Eines Tages machen wir 14 Tage Urlaub und fliegen nach Hawaii. Das ist leider nie passiert. Jetzt sind wir zu alt dafür, und es gibt andere Träume für uns. Kleiner und alltäglicher. Die Träume für mein privates Leben haben sich fast alle verwirklicht. Auch in meiner Karriere habe ich mir sehr viele erfüllt. Nicht alle, aber ich kann mich nicht beklagen. Trotzdem wollen mein Mann und ich nicht nur dasitzen und singen.

Montserrat Caballé

Mein großer Traum ist es, eine Opernschule zu gründen. Ich hätte gern ein Haus oder eine Villa, in der sich verschiedene Räume mit Meisterklassen von jungen Sängern befinden. Nicht nur für eine, sondern für fünf oder zehn Gruppen. Mit einem großen Saal, in dem eine Seite wie eine Bühne ist, wo man Kulissen aufbauen kann, damit die Sänger dort im Bühnenbild stehen und ihre Rollen einstudieren könnten.

Es gibt so viele fantastische junge Stimmen. Sie werden nicht genug unterstützt und bekommen zu wenige Chancen. Ich weiß noch, wie schwer es für mich war. Ich habe immer versucht, jungen Sängern zu helfen. Bei einigen ist es mir auch gelungen, und ich habe ihnen zu einer Karriere verholfen. Und es gibt einen internationalen Gesangswettbewerb in Andorra und Spanien, der meinen Namen trägt. Viele Sänger sind dadurch hinaus in die Welt gekommen. Das freut mich sehr. Aber es ist nur ein kleiner Beitrag.

Die jungen Leute mögen noch so tüchtig sein – sie haben meist nicht die Möglichkeit, sich einen Repetitor zu leisten. Oder eine Musikhochschule zu besuchen. Das ist nur sehr wenigen vorbehalten. Um diesen Leuten zu helfen, braucht man Geld. Ich weiß das, weil wir einige Sänger unterstützen. Das ist nicht billig. Das Klavier, der Sprachunterricht, alles, was dazugehört. Das kann man für einige wenige machen. Aber es gibt so viele. Darum sage ich: Wenn jemals eine Schule existieren sollte, wie ich sie mir erträume, dann sollten die Schüler dort ihre Ausbildung nicht bezahlen müssen. Sie sollte vollkommen gratis sein.

Meine Sängerakademie wäre eine Universität des Lernens und des Lebens, wo man versteht, wie man die Komponisten studieren muss und wie man die verschiedenen Ausdrucksweisen aus verschiedenen Jahrhunderten interpretiert. Manchmal hat man tolle Sänger, die singen alles ganz genau. Aber: Ob Haydn oder Beethoven, ob Puccini oder Verdi – es ist immer das Gleiche. Sie haben nicht gelernt, die Nuancen der verschiedenen Stile zu erkennen. Wenn ein Sänger singt, wie er will, dann ist es egal, welche Musik darunterliegt. Er macht seine Allüren, seine Koloraturen – das ist Exhibitionismus. Das hat nichts zu tun mit der musikalischen Welt, der wir dienen sollten.

Jeder Komponist ist eine eigene Persönlichkeit, die man nicht verletzen darf. Man muss ihr folgen. Der Komponist ist der Hauptdarsteller. Wir formen nur sein Werk. Wir dürfen es nicht verraten. Wir sollen sein Werk an das Publikum weitergeben. Das wird heute kaum noch gelehrt. Das wäre mein Traum: dass ich den Jungen etwas davon hinterlasse. Etwas, das ihnen hilft, der Musik zu dienen. Ich würde gern meine Erfahrung weitergeben. Ich weiß, auch andere Kollegen würden das tun. Aber – wo? Auf der Straße kann man das nicht machen. Ich weiß, dies ist ein Traum, der mit einiger Sicherheit nicht in Erfüllung gehen wird. Ich habe einfach nicht das Geld dafür. Ich bin ja kein Tenor.