Fünfzig Jahre ist es her, da schrieb der Philosoph Günther Anders, die Technik habe ihren Charakter als Mittel zum Zweck verloren, sie enge den Entscheidungsspielraum der Gesellschaft radikal ein. Damals wurde noch vom »Atomzeitalter« gesprochen, die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki war in unmittelbarer Erinnerung und der Koreakrieg gegenwärtig. Die Angst vor der Entfesselung des Atoms war geboren. Am 26. April 1986 dann, vor zwanzig Jahren, fing Block IV des Reaktors im ukrainischen Tschernobyl Feuer. 20 Jahre nach Tschernobyl: Kunst-Graffiti zum Gedenken an das Unglück in der verlassenen weißrussischen Stadt Pripyat

Die radioaktiven Schwaden, die dem brennenden Meiler entquollen, brachten einer bis heute unbestimmten Zahl von Menschen den Tod. Und den Schrecken über Europa. Die fahrlässig zögerliche Informationspolitik der sowjetischen, aber auch westlicher Behörden, ebenso die Ungewissheit über die näheren Umstände des Unglücks verstärkten die Strahlenangst, die sich im Nu ausbreitete. Diese Faktoren allein erklären jedoch nicht, warum Tschernobyl ein Symbol wie Hiroshima wurde, trotz der um Größenordnungen geringeren Opferzahl.

Ereignisse sind oft nur im politischen Zusammenhang zu verstehen. In Tschernobyl schürzte sich ein Knoten der Entwicklungslinien jener Zeit. Der Ostblock war im Begriff, sich von innen her zu lockern, sich allmählich aufzulösen; Gorbatschow war bereits Generalsekretär der KPdSU. Im Westen wiederum hatte die Umweltbewegung dauerhafte Organisationsformen gebildet, in manchen Gesellschaftsschichten sogar die kulturelle Hegemonie erobert – und ihr Antisymbol waren die Kernkraftwerke, in den Augen der Kritiker geradezu die Materialisierung von Macht, Zentralismus, Profit, Bedenkenlosigkeit und willfähriger Wissenschaft. Anders als heute ging diese Bewegung aufs Ganze, sah die Bundesrepublik auf dem Weg in den Atomstaat und verstand den Kampf gegen diese Energietechnik als echten Widerstand. Für sie gab es einen direkten Zusammenhang zwischen der zivilen und der militärischen Nutzung der Kernenergie; es war die Zeit nicht nur der AKW-, sondern auch der Raketenangst.

Die damalige Bundesregierung reagierte auf das Unglück mit der Logik des Kalten Krieges: Östliche Meiler schlecht, westliche gut (so sahen es auch die Kommunisten, nur mit umgekehrten Vorzeichen). Das war zwar insofern nicht völlig falsch, als dass im Westen Ereignisketten wie die im Unglücksmeiler technisch ausgeschlossen waren. Aber eine Kernschmelze war auch hierzulande eine entfernte Möglichkeit. Viele Jahre hat es gedauert, bis die hiesige Industrie per Atomgesetz dazu verpflichtet werden konnte, für einen solchen Fall Vorkehrungen zu treffen, sodass er sich auf die Umwelt nicht nennenswert auswirkt.

Katastrophen können Katalysatoren sein. Die Epidemie des schwarzen Tods im Europa des 14.Jahrhunderts erschütterte den Glauben an die Institutionen, das Erdbeben von Lissabon 1755 entfremdete die Aufklärung von der Theodizee. Die historischen Wirkungen der Reaktorkatastrophe werden erst allmählich klar. Das Unglück von Tschernobyl hat zur Erosion des Vertrauens in die Wissenschaft beigetragen und überhaupt zum Verschwinden des technologischen Optimismus, in Deutschland sicherlich auch zu politischen Neuorientierungen bis hin zur rot-grünen Regierung, einschließlich des Ausstiegs aus der Kernenergie, der noch immer beschlossene Sache ist. Man vergleiche die Wirkungen von Tschernobyl mit denen der Chemiekatastrophe im indischen Bhopal, die sich zwei Jahre zuvor ereignet und weitaus mehr Todesopfer gefordert hatte – in den Geschichtsbüchern werden beide Ereignisse gleichwohl unterschiedlichen Rang einnehmen.