Therapie mit Muttergöttin

Freud entdeckte ich als Achtzehnjähriger. Aufgewachsen in der Provinz, war ich nach Ahmadabad gekommen, um in dieser großen Stadt, die eng mit Gandhi und dem indischen Unabhängigkeitskampf verbunden war, mein Ingenieurstudium aufzunehmen. Ich wohnte bei der jüngeren Schwester meiner Mutter, Kamla, die in der psychologischen Abteilung eines Forschungsinstituts arbeitete. Kamla führte nicht nur ein eigenständiges Leben, was für eine Inderin damals ungewöhnlich war, sondern nahm sich ganz offen einen verheirateten Mann als Liebhaber, womit sie die erzkonservative Gesellschaft von Ahmadabad schockierte. BILD

In Kamlas großer Bibliothek stieß ich auf Freuds Traumdeutung und die Psychopathologie des Alltagslebens und machte die ersten Schritte in die westliche Gedankenwelt. Ich kann nicht behaupten, dass ich alles verstand, was ich so begierig verschlang. Doch ich spürte, dass ich von meinen indischen Vorstellungen mit all ihren romantischen Mythen und göttlichen Wundern sanft zu einer radikalen Weltanschauung geführt wurde, in der, wenn man nur genau genug hinschaute, alle Götter auf tönernen Füßen standen. Erst jetzt, mit zunehmendem Alter, und obwohl ich Freuds ironischer Lebensbetrachtung noch immer treu bin, sehe ich den Handel, auf den ich mich in meiner Jugend einließ, mit wachsender Distanz.

Natürlich – wie konnte es anders sein – faszinierte mich, dass die Sexualität in Freuds Theorien eine so große Rolle spielte. Aber ich entdeckte auch die Themen Individualität und Individuum – eine fremde Frucht für einen jungen Mann, der in den Traditionen von Großfamilie und Kaste herangewachsen war, erfüllt von der Vorstellung, das größte Glück liege in der harmonischen Integration in die Familie und die Gemeinschaft und darin, dass der Mensch nur als Teil einer solchen Gemeinschaft in den Fluss des Lebens steigen und ein erfülltes, aktives, spontanes Leben führen kann. In Freuds Schriften begegnete ich einer Gesellschaft, in der (nach meiner Vorstellung) das »heroische« Individuum zu Hause war, das frei von gesellschaftlichen Zwängen und familiären Erwartungen und Bindungen seinen innersten Bedürfnissen und Neigungen folgt. Es war diese Karikatur des reifen Menschen, die meine jugendliche Fantasie erregte.

Die Freudsche Lehre kam schon früh nach Indien. Die Indische Psychoanalytische Gesellschaft, 1922 gegründet, wurde in die Internationale Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen, noch ehe der organisierten Psychoanalyse in den meisten europäischen Ländern diese Anerkennung zuteil wurde. Dass die Zahl der indischen Psychoanalytiker seit mehr als 80 Jahren bei etwa 30 liegt, steht auf einem anderen Blatt.

Die Gründe für die Stagnation der Psychoanalyse in Indien sind nicht schwer zu erraten. Freud selbst hat auf einige der kulturellen Schwierigkeiten hingewiesen, die ein europäisches Produkt wie die Psychoanalyse im indischen Umfeld haben könnte. Indische Vorstellungen, etwa der Mystizismus (besser gesagt: dessen romantischer Blick auf die Realität) waren der indirekte Anlass für Freuds Schrift Das Unbehagen in der Kultur, die er als Reaktion auf einen Brief von Romain Rolland verfasste. Rolland, der seinerzeit die Bio–grafie des bengalischen Mystikers Ramakrischna schrieb, hatte Freud gebeten, ihm seine Ansichten über das mystische Erleben, das »ozeanische Gefühl« mitzuteilen. Freud erklärte sein Verhältnis zu Indien ziemlich eindeutig: »Ich versuche nun unter Ihrer Führung in das indische Jungle einzudringen, von dem mich bisher hellenische Maßliebe – σωφροσύνη –, jüdische Nüchternheit und philiströse Ängstlichkeit in irgendeinem Mengungsverhältnis ferngehalten haben.« Wo wurde "Die Traumdeutung" wann veröffentlicht? Klicken Sie auf das Bild und folgen Sie dem Feldzug von Sigmund Freud - rund um den Globus! BILD

Bei meinen Reisen in Europa und den Vereinigten Staaten werde ich oft gefragt, ob Psychoanalyse überhaupt möglich sei in einer traditionellen nichtwestlichen Gesellschaft, die sich in ihren Familienstrukturen und in ihren religiösen und kulturellen Werten so sehr vom bürgerlichen Westen unterscheidet, wo die Psychoanalyse entwickelt wurde. Ich gebe nicht die einfache Antwort, dass indische Analytiker in westlich-modernen Inseln wie Delhi, Bombay, Kalkutta und Bangalore praktizieren. Dort, unter den Angehörigen der Ober- und oberen Mittelschicht, gibt es genügend viele Patienten, die das Freudsche Bild vom Menschen und von den Ursachen seines Leidens akzeptieren und den Analytiker als ihren Verbündeten betrachten, der ihnen helfen soll, ihre Individualität zu verwirklichen.

Therapie mit Muttergöttin

Ich weiß, dass der Frager wissen will, welche Bedeutung die Psychoanalyse für die Mehrheit der Inder hat, die in ihrer Kultur tief verwurzelt sind. Daher antworte ich: Ja, das traditionelle Indien ist in der Tat sehr anders. In Indien spielt die Großfamilie eine viel größere Rolle als die Kleinfamilie, Muttergöttinnen sind wichtiger als ein Vatergott, der Mensch gilt nicht als Individuum mit einer eigenen Persönlichkeit, sondern als inter- und transpersonales Geschöpf. Außerdem gibt es wesentliche Unterschiede zwischen dem traditionellen Indien und dem modernen Westen, was die Vorstellung von einem erfüllten Leben angeht. Meine Erfahrung mit traditionellen indischen Patienten sagt mir aber, dass Psycho–analyse möglich ist. Man muss nur »die erforderlichen Anpassungen vornehmen«, wie jener indische Astrologe erklärte, als man ihn fragte, wie er Horoskope stelle, wo doch neue Planeten entdeckt worden seien, die in seinem überkommenen System nicht existierten.

Manche dieser Anpassungen betreffen die Theorie. Der indische Analytiker muss erkennen, dass einige psychoanalytische Vorstellungen von psychischer Reife, sozialem Verhalten, »positiven« oder »negativen« Lösungen von Entwicklungskonflikten und Komplexen (wie etwa dem Ödipuskomplex), die meist als universelle Wahrheiten daherkommen, tatsächlich Ausdruck von Erfahrungen und Wertbegriffen des europäischen Bürgertums sind.

Andere Anpassungen beziehen sich eher auf technische Aspekte. Beispielsweise wird in der traditionellen indischen Kindererziehung und in den sozialen Beziehungen Wert auf ein enges, symbiotisches Miteinander gelegt. Was der indische Patient vom Analytiker erwartet – Mitleid und Interesse, Wärme und Anteilnahme –, entspricht eher dem, was er von einem Guru erwartet, als dem westlichen Arzt-Patienten-Verhältnis. Ein indischer Analytiker, der seine Patienten behalten will, kann solche kulturellen Erwartungen nicht ignorieren, sondern muss seine therapeutische »Neutralität« innerhalb dieser Parameter gestalten.

Bei vielen traditionell orientierten indischen Patienten ist die Psychoanalyse aber vor allem deshalb möglich, weil sie, ebenso wie die Patienten im Westen, eine psychologische Modernität besitzen. Diese Modernität ist nicht mit historischer Modernität zu verwechseln, und sie ist auch nicht das Ergebnis der europäischen Aufklärung. Psychologische Modernität heißt, dass der Einzelne erkennt, dass er ein eigenes, komplexes Bewusstsein besitzt.

Es ist die Erkenntnis (und sei sie noch so vage, widerwillig oder konfliktbeladen), dass es subjektive Gefühle und Empfindungen (wie Zorn, Neid und Habgier) sind, die Leiden verursachen, und dass das eigene Bewusstsein helfen kann, gestörte Gedanken und Gefühle im Zaum zu halten und zu bearbeiten.

Traditionsbewusste Hindus würden dem zustimmen und darauf verweisen, dass menschliches Leiden durch die fünf Hauptleidenschaften Geschlechtstrieb, Zorn, Habsucht, Schwärmerei und Egoismus verursacht wird. Auch ein Buddhist würde das Leiden auf innere Ursachen zurückführen, auf Wahrnehmungstrübungen infolge von Angst, Habgier und Neid, die allesamt Ausdruck von Festhaltenwollen sind. Ob im traditionellen Indien oder im modernen Westen – die Psychoanalyse ist nur bei »psychisch modernen« Menschen möglich, denen klar ist, dass nicht externe Kräfte (ein zorniger Gott, ein böser Geist, das Karma eines früheren Lebens), sondern sie selbst die Quelle und die potenziellen Heiler ihres seelischen Leidens sind.

Therapie mit Muttergöttin

Es gibt jedoch eine Schwierigkeit. Für den traditionellen Inder ebenso wie für den modernen westlichen Patienten, der einen Psychoanalytiker aufsucht, ist Introspektion der Königsweg zur Überwindung von seelischen Problemen. Aber die traditionellen indischen Methoden, die verschiedenen psycho-philosophischen Meditationsschulen, sind nicht dasselbe wie die Selbsterforschung, die in der Psychoanalyse gefordert wird. Die Psychoanalyse, eine abendländische Wissenschaft, stützt sich auf die introspektiven Elemente der späthellenischen Philosophie, in der sich das Selbst durch die aktive Betrachtung des eigenen Lebens definierte, wie dies in der sokratischen Formel des »Erkenne dich selbst« zum Ausdruck kommt.

Die Inder, genauer gesagt die Hindus, kennen eine ähnliche Formel – atmanam vidhi (»Erkenne dein Selbst«), doch das Selbst (atman) unterscheidet sich wesentlich von dem, was Sokrates darunter versteht. Es ist ein metaphysisches, kein biografisches Selbst, losgelöst von Zeit und Raum und daher ohne die lebensgeschichtliche Dimension, die der Kern der Psychoanalyse ist.

Ein traditioneller Inder ist daher psychologisch modern, aber er muss nicht psychologisch bereit im psychoanalytischen Sinne sein. Ganz abgesehen von den introspektiven Fähigkeiten, die der einzelne Patient, ob Europäer oder Inder, mitbringt, muss also die biografische Introspektion erlernt werden, sodass ein indischer Analytiker zunächst sehr viel didaktischer vorgehen wird als sein westlicher Kollege. Und wenn sich sein Patient immer wieder sträubt, den Weg zum biografischen Selbst zu beschreiten, kann sich der indische Analytiker jedes Mal mit dem Gedanken trösten, dass Freud selbst den Beruf des Psychoanalytikers als einen von drei unmöglichen Berufen bezeichnet hat. Allerdings wird er Freuds Worte kaum mit der gleichen befreienden Ironie verwenden können.

Aus dem Englischen von Matthias Fienbork

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