Sie haben Ihr Abi mit 1,0 gemacht. Da muss man sich doch hier um Sie gerissen haben. Wieso studieren Sie in Stanford und nicht in Deutschland?

Mir gefällt das Prinzip der ganzheitlichen Bildung und des fächerübergreifenden Studiums – das geht an einem College deutlich besser als in Deutschland mit der sehr frühen Spezialisierung auf ein Fach. Ich wollte von Anfang an einen Bildungsgang haben, der mir aus den verschiedensten Bereichen – also den Naturwissenschaften, den Sprachen, den feinen Künsten – Bildung vermittelt. Das gibt es in Deutschland nicht. Hier gibt es das Fachstudium. Und meine Angst war, dass, wenn mir das Fach nicht gefällt, ich alles abbrechen und wieder von vorne anfangen muss.

Sie sind erst 18, da haben Sie doch genug Zeit!

Das ist doch Zeitverschwendung. In den USA belegt man im Freshman und Sophomore Year, also dem ersten und zweiten Collegejahr, im Wesentlichen allgemeinbildende Kurse, um eine Breite in seiner Erziehung zu erhalten. Im dritten Jahr erst geht man in seinem Fachgebiet in die Tiefe, da kann man sich festlegen. Wenn ich aber, sagen wir, meinen Bachelor in Biologie gemacht habe, kann ich damit ebenso an die Law School oder Business School gehen wie Medizin studieren.

Sie betonen die Breite der Bildung in den ersten zwei Collegejahren. Ist man als deutscher Abiturient damit nicht längst ausgerüstet?

Die Oberstufe ist mit dem College überhaupt nicht zu vergleichen. Die Intensität und das Tempo der Diskussionen sind einzigartig. In der Oberstufe hatte man eine abgehackte Sequenz von Themen. Hier hat man eine Synthese aus den verschiedensten Bereichen, man blickt auf einen Themenkomplex aus unterschiedlichen Perspektiven. Das fördert eine andere Art von fächerübergreifendem Denken, als das in der Oberstufe der Fall war.

Was meinen Sie mit Intensität?

Ich muss jede zweite Woche pro Kurs fünf bis sieben Seiten Hausarbeiten anfertigen. Man ist eigentlich permanent beschäftigt, in der Klasse, beim Essen, auf dem Zimmer. Diese permanente intellektuelle Betätigung kann man nicht mit dem Studium an einer deutschen Uni vergleichen.

Was begeistert Sie sonst noch an Stanford?

Mich beeindruckt besonders das Konzept von einer Elite, die das Etikett »Elite« nicht braucht. Mir ist noch kein Professor oder Student begegnet, der damit angibt, dass man hier an einer Elite-Uni ist. Es ist selbstverständlich, ohne eine Legitimation für irgendetwas zu sein. Was ich darüber hinaus gut finde, ist die Einstellung, dass die Privilegien, die man hier genießt, auch verpflichten, vor allem zum Engagement für die Gemeinschaft.

Können Sie das näher erläutern?

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz, dass man etwas für die tut, die nicht so viel Glück haben wie wir. Es gibt unzählige Projekte. Ich mache bei einer Sache mit, die Spoon heißt. Abends, wenn keine Klassen mehr sind, gehen wir in Palo Alto dorthin, wo sich die Obdachlosen aufhalten, und verteilen Essen, das bei uns übrig geblieben ist. Ich betrachte das als wichtigen Teil meiner Erziehung.