Holger Krawinkel ist ein Mann mit einem eindeutigen Ansinnen. Der Chef der Energieabteilung der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) will die Energierechnung der Deutschen »nachhaltig senken«. Als Mittel zum Zweck verlangt er mehr Wettbewerb unter den Energieanbietern – und Regeln, die energiefressende Geräte, Autos und Wohnungen vom Markt fegen. Wo Energie verbraucht wird, entsteht Wärme. Eine Infrarot-Kamera macht sie sichtbar. Mehr Wärmebilder finden Sie in unserer Galerie! BILD

Sein Ansinnen spricht der promovierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler seit Jahren geduldig in jede sich bietende Kamera – und fühlt sich dabei manchmal »wie der Hofnarr«. Weil nichts passiere, sagt Krawinkel. Und dass, obwohl Union und Sozialdemokraten in ihren Koalitionsvertrag geschrieben haben, die sicherste, klimaverträglichste und billigste Energiequelle sei mehr Energieeffizienz. Die Erkenntnis ist nicht einmal neu. Schon seit der ersten Ölpreiskrise Anfang der 1970er Jahre hat jede Regierung für mehr Effizienz getrommelt.

Die Realität hat das Werben kaum verändert. Inzwischen haben Produktentwickler einen Toaster mit Stand-by-Verbrauch erfunden. Inzwischen treibt jeder digitale Empfänger für terrestrisches Fernsehen die Stromrechnung um bis zu zehn Euro jährlich nach oben, fand die Stiftung Warentest heraus.

Auch sonst herrscht meistens Stillstand. Noch immer nutzen die Energieverbraucher kaum mehr als ein Drittel der ursprünglich eingesetzten Energie als Licht, Wärme oder zum Antrieb ihrer Fahrzeuge; den Rest beanspruchen Kraftwerke, Raffinerien, Motoren und alle möglichen anderen Energiewandler für sich. Solarthermische Anlagen sind immer noch nicht Pflicht für Hausbauer, geschweige denn Passivhäuser. »Mit dem Lasso einfangen« muss Kay Schulte vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) seine Fahrlehrer-Kundschaft, um sie zu motivieren, treibstoffsparendes Gasgeben zu lehren. Kein Wunder, die Nachfrage der Autofahrer fehlt. Obwohl Emnid-Umfragen belegen, dass trainierte Fahrer bis zu 30 Prozent weniger Benzin oder Diesel benötigen und zwölf Monate nach der letzten Trainingseinheit immerhin noch sieben Prozent einsparen, suchten sie »lieber eine billige Tankstelle als eine Fahrstunde«, sagt Schulte. Ganze 400 private Fahrer buchten 2005 in der Millionenstadt Berlin eine Energiesparlektion. Ohne Hilfe aber, sagt Peter Glowalla, Chef des Fahrlehrerverbandes von Berlin, nutze das sparsamste Auto nichts: »Ein schlechter Fahrer kann jedes 3-Liter-Auto mit sieben Litern fahren.«

Der Konsens über den Nutzen des Energiesparens ist offenbar so groß, dass darüber jahrelang versäumt wurde, Energieeffizienz nachdrücklich und konkret zu fördern. Millionen von Verbrauchern müssten überzeugt, Hunderte von Sparmöglichkeiten identifiziert und erschlossen werden. Wie mühsam das ist, davon zeugen auch die wenig durchschlagenden Informations- und Motivationskampagnen verschiedener Energie-Agenturen. »Nach zweieinhalb Jahren öffentlicher Kommunikation« freut sich etwa die Deutsche Energie-Agentur (dena) über »erste Ergebnisse im Hinblick auf Informationsstand und Verhalten« in den Haushalten. Nur – messbar sind die Energieeinsparungen bisher kaum.

Hierzulande obliegt es dem Wirtschaftsministerium, für mehr Energieeffizienz zu sorgen. Bis zum Sommer vergangenen Jahres war dafür allerdings nur ein Referat zuständig. Seitdem entwickeln immerhin insgesamt elf Beamte in zwei Referaten eine Effizienzstrategie. »Knochenarbeit« sei es, ein gewaltiges Vorhaben wie etwa das CO2-Gebäudesanierungsprogramm zu planen, heißt es im Wirtschaftsministerium. Die Bundesregierung will zwischen 2006 und 2009 jährlich 1,4 Milliarden Euro spendieren, damit mehr Häuser energetisch saniert werden. Die Referenten im Wirtschaftsministerium müssen sich nun um die Details kümmern – in Absprache mit den federführenden Kollegen aus dem Verkehrs- und Bauministerium. Werden wie bisher nur Eigentümer und Vermieter gefördert oder künftig auch Mieter? Wie wird möglichst unbürokratisch kontrolliert, ob tatsächlich eine effiziente Heizungsanlage eingebaut wurde? Viele Fragen sind zu klären, entschieden sei noch nichts.

Derweil hat der Brüsseler Energiekommissar Andris Piebalgs den heimlichen Energiefressern den Kampf angesagt. Piebalgs tourte dafür jüngst sogar einen Monat lang durch die EU-Mitgliedsländer, um jede einzelne Regierung davon zu überzeugen, von 2008 an über neun Jahre insgesamt neun Prozent weniger Energie zu verbrauchen. Bis zum 30. Juni 2007 verlangt der Lette den EU-Staaten nun »Energieeffizienzaktionspläne« ab. In ihnen soll detailliert aufgelistet sein, wie mehr Leistung aus jeder Kilowattstunde Strom, aus jedem Kubikmeter Gas und aus jedem Liter Öl zu holen ist, und zwar messbar. Aber Piebalgs’ Forderungen haben vor allem die Alarmglocken bei der Industrie läuten lassen. »Wettbewerbsverzerrend« seien Verpflichtungen zur Energieeffizienz, sagte jüngst Ludwig Georg Braun, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Mehr Effizienz könne allein durch bessere Informationspolitik erreicht werden.