Das Wattenmeer ist eine besondere Gegend. Kinderstube von Scholle und Hering, Zwischenstation des internationalen Vogelzuges, Lebensraum von Seehunden – und Lagerstätte von Kohlenwasserstoff. Von Erdöl, jenem Saft, der so kostbar ist wie nie zuvor. Mitten aus dem flachen Wattwasser ragt deshalb eine künstliche Insel auf, eine Fabrik, dazu bestimmt, den heimischen Vorrat anzuzapfen. Zwei- bis dreitausend Meter unter dem Grund der See lagert die schwarze Flüssigkeit, eingeschlossen in mikroskopisch feinen Poren einer Schicht aus Sandstein. Auf ein Gewicht von weit mehr als 100 Millionen Tonnen sollen es die unzähligen Tropfen bringen. Das Vorkommen namens Mittelplate sei »bedeutend«, ein »Ölfeld mit Zukunft« – und zwar das einzige in Deutschland, sagen RWE Dea und Wintershall, die Unternehmen mit der Lizenz zum Ölbohren. Wo Energie verbraucht wird, entsteht Wärme. Eine Infrarot-Kamera macht sie sichtbar. Mehr Wärmebilder finden Sie in unserer Galerie! BILD

Zwei Autostunden östlich der Ölquelle, in Hamburgs öder City Nord, hat die RWE Dea Aktiengesellschaft, die Betriebsführerin des Konsortiums, ihre Zentrale. In der großzügigen Eingangshalle flimmert eine elektronische Schrifttafel. Sie zeigt den aktuellen Dax, den Kurs der RWE-Aktie und den Preis der Ölsorte Brent. Weit mehr als 60 Dollar kostet ein Fass à 159 Liter; RWE holt die Menge für weniger als ein Drittel aus dem Gestein unter dem Meeresgrund. »Für 15 bis 20 Dollar sind wir in der Lage, wirtschaftlich zu fördern«, sagt Thomas Rappuhn, Vorstandsmitglied des Unternehmens.

Das Wattenmeer – für RWE ist es ein Öldorado. Tatsächlich ist es insgesamt nicht mehr als ein Tröpfchen, was Deutschlands größte Quelle dazu beiträgt, Deutschlands Öldurst zu stillen. Mehr als 100 Millionen Tonnen verbrannten im vergangenen Jahr vor allem in Automotoren und Heizungen; aus Mittelplate kamen knapp 2,2 Millionen Tonnen. Und das ist schon erstaunlich genug. Denn nur modernste Technik erlaubt es überhaupt, Öl aus dem Wattenmeer zu fördern – und das bisher ohne Verschmutzung des sensiblen Ökosystems.

Vom sieben Kilometer entfernten schleswig-holsteinischen Festland aus und von der stählernen Kunstinsel im Wasser ist das Vorkommen erschlossen worden. Spezialisten lenkten den Bohrmeißel senkrecht und horizontal, trieben ihn durch den Büsumer Salzstock, um schließlich jene Gesteinsschicht zu erreichen, deren Minihohlräume den Schmierstoff der Moderne bergen. Mehr als neun Kilometer lang sind die ausgedehntesten Bohrungen, ein weltweiter Spitzenwert. Die Ölmänner im Wattenmeer sind an die Grenze des technisch Machbaren gegangen; auf natürliche Grenzen sind sie trotzdem gestoßen.

Als Mitte der achtziger Jahre die Förderung im Wattenmeer begann, war es noch Eigendruck, der das Öl zum Bohrloch und nach oben trieb. Doch diese Zeiten seien längst vorbei, sagt Uwe Rudolphi, der Fördermeister auf der Bohrinsel. Nun müssen Spezialpumpen den begehrten Saft zutage fördern. Schon länger lässt Rudolphi auch Wasser in das ölführende Gestein injizieren; es soll die Öltropfen in Richtung Bohrloch drücken. Kein Wunder, dass in Rudolphis Bohrkeller, dort, wo das Flüssige aus der Tiefe die Plattform erreicht, auch wieder Wasser ankommt. Selbst die beste Bohrung, A11, enthält bereits 30 Prozent davon. »Leider«, sagt Rudolphi – aber A11 sei immer noch besser als andere Bohrungen, denen Öl nur als »Fettauge« auf einer wässrigen Flüssigkeit entströme.

Trotzdem: 16 Millionen Tonnen Öl haben RWE Dea und Wintershall bereits gehoben, weitere 40 Millionen Tonnen sollen es noch werden. Nur zwei Kleinigkeiten trüben die schöne Aussicht: Trotz aller Raffinesse beim Bohren wird das meiste Öl bleiben, wo es ist, nämlich im Boden. Und die jährliche Förderung wird sinken, laut Produktionsprognose schon bald. Von 2008 an geht es bergab. Offen ist nur, wie schnell.

Das Schicksal, das Deutschlands vermeintlicher »Ölquelle mit Zukunft« bevorsteht, haben die Ölquellen anderer Länder schon hinter sich. Die argentinischen und die kolumbianischen, die ägyptischen und die tunesischen, die norwegischen, die britischen, die der USA und einer Reihe anderer Länder. Sie alle haben ihr Fördermaximum überschritten – und es ist nur eine Frage der Zeit, bis Peak Oil, so der neudeutsche Begriff für die unvermeidliche Zeitenwende, die weltweite Ölförderung ereilt. Erdöl, die weltweit wichtigste Energie, wird es zwar auch danach noch geben. Aber die jährliche Förderung, eine ganz neue Erfahrung, wird nicht mehr steigen, sondern sinken. Erdölgeologen behaupten, dass es so weit ist, wenn ungefähr die Hälfte der weltweiten Ölvorräte ausgebeutet ist: Depletion mid-point läutet den Anfang vom Ende der Öl-Ära ein.

Die Forschungsabteilung der Deutschen Bank, nicht bekannt für Alarmismus, widmete den »Energieperspektiven nach dem Ölzeitalter« schon eine eigene Untersuchung. »Die Zeichen mehren sich«, heißt es in der Studie, »dass bereits sehr viel früher als bisher erwartet mit einer physischen Verknappung bei Erdöl gerechnet werden muss.« Sehr viel früher? Bisher suggeriert die Ölreichweite, der Quotient aus Reserven und jährlicher Förderung, Versorgungssicherheit für rund 40 Jahre. Tatsächlich werde Öl bereits vorher »drastisch knapp«, heißt es in der Deutsche-Bank-Studie, tatsächlich seien schon vorher »Verteilungskämpfe« zu erwarten, »starke Preisreaktionen und volkswirtschaftliche Verwerfungen« inklusive. Die schönste Zeit der »Ölparty« sei vorüber, sagt Josef Auer, Autor der Studie.