China

Zhang Jiashu hat seinen Anorak über die Lehne des Schreibtischstuhls geworfen. So wirkt der Stuhl noch größer und er darin noch kleiner. Zhang trägt einen braunen Pullover und Jeans. »Ich mache hier nicht auf autoritär«, sagt er, »ich setze auf Vertrauen.« Sein Arbeitsstil unterscheide sich gründlich von der Art und Weise, wie in China gewöhnlich gearbeitet würde. Halb Software-Kultur, halb Siemens-Kultur, das bringe die Leistung, meint Zhang. Zhang Jiashu, 35, führt in Peking für Siemens ein Team von Software-Spezialisten. In Telefonkonferenzen spricht er mit Indien und München. Zwischen den Standorten gebe es keine Hierarchien, sagt er, »wir sind alle gleich« BILD

Er leitet für Siemens in Peking ein Team mit 60 Software-Spezialisten. Er weiß, dass er nicht der Typ ist, der auf den ersten Blick ernst genommen wird. Wie überhaupt Chinas Software-Industrie noch keinen besonderen Ruf genießt. Umso schneller kommt er zur Sache. Alles laufe bei seinem Job auf Englisch. Also habe man bei der Software-Entwicklung in Peking ein Problem: Die Chinesen sprächen nicht so gut Englisch wie die Inder. Doch die Chinesen seien flexibel. Jeden Abend käme jetzt ein Englischlehrer in sein Team. »Wir finden eben Lösungen. Wir sind keine Schafe«, zischt Zhang. Es bedarf nicht viel, damit er in Fahrt kommt. Er ist aufholbereit.

Er arbeitet im dritten Stock des neuen Pekinger Software-Parks auf den Wiesen nördlich des alten Sommerpalasts. Ein futuristischer Glasbungalow reiht sich hier an den anderen. Eine neue Software-Stadt soll entstehen. Zhang schaut aus dem Fenster und sieht auf dem Innenhof eine Gruppe indischer Kollegen. Sie bringen den Chinesen ihre Software-Lösungen bei. Auch Zhang hat häufig Gäste aus Bangalore oder entsendet Mitarbeiter dorthin.

»Bangalore kommt uns immer vor wie eine chinesische Provinzstadt, das gleiche Verkehrschaos, die gleichen schweren Lebensbedingungen«, sagt Zhang etwas von oben herab. Er hat einen Abschluss der Pekinger Eliteuniversität Tsinghua. Bei Siemens nahmen sie ihn 1997 mit Handkuss. Er blieb gern. Wurde immer gefördert, nahm er an Konferenzen und Weiterbildungen in Deutschland teil. »Die Firma ist wie mein zweites Zuhause«, sagt Zhang.

Er öffnet auf seinem Bildschirm eine Mail aus der Münchner Zentrale. Der Kollege Friedrich Grosse-Rhode schreibt an Zhangs Mitarbeiter Li und die Kollegin Aditya in Bangalore: »Lieber Li, entschuldige die späte Antwort. Liebe Aditya, meine Antwort gilt auch für das Bangalore-Team. Beste Grüße, Fritz.« So gehe das ständig hin und her, meint Zhang. Er halte wöchentliche Telefonkonferenzen mit München und Bangalore ab. Zwischen den Standorten gebe es keine Hierarchie. Egal, wer was mache, die Produkte seien auch für den Weltmarkt bestimmt. »Unser Standort ist einer unter Gleichen«, sagt Zhang. In München liegt die Koordination. Indien und China sind nach Deutschland die größten Siemens-Standorte in der Software-Entwicklung für Mobilfunktechnik. »Wir sind näher am Kunden und wissen besser, was auf dem Markt los ist.« Sein Vorteil: 400 Millionen Mobilfunknutzer zählt China heute, mehr als jedes andere Land. In Indien sind es 70 Millionen. Da sein Siemens-Bereich die Software für mobile Netzwerktechnik entwickelt, bedient Zhang in China die weltweit größte Kundschaft.

Die Arbeitslast sei gewaltig. Es gebe kein Zurücklehnen. Vorigen Monat habe sein Team jeden Abend bis 23 Uhr gearbeitet. Seinen jungen Mitarbeitern – Durchschnittsalter 28, er ist mit 35 Jahren der Älteste – täte das gut. Sie lernten viel und könnten der Firma viel geben. Er tue zudem sein Bestes, damit die Überstunden der Kollegen auch bezahlt würden. Klagen kenne er nicht. »Hier kommt mir keiner mit seinem Privatleben«, sagt Zhang. Die Monatslöhne für Universitätsabgänger lägen in seinem Team zwischen umgerechnet 800 und 900 Euro. Wer länger dabei sei, bekomme leicht das Doppelte. Das Einstiegsgehalt entspricht in etwa dem Zehnfachen des chinesischen Durchschnittseinkommens. Zhang ist ein Globalisierungsgewinner.