Eine Angst geht um unter den Diktatoren dieser Welt: die Angst vor der demokratischen Intervention. Serbien, Afghanistan und Irak - in allen drei Ländern haben menschenverachtende Despoten ihre Macht verloren. Regimewechsel wurden eingeleitet. Das Ziel ist die Demokratie. Noch ist sie in keinem dieser Länder etabliert, und schon droht die einzig verbliebene Supermacht mit weiteren Interventionen: Iran soll die Möglichkeit verwehrt werden, Atomwaffen zu bauen, Syrien von der Unterdrückung Assads befreit werden. Wir wollen die historische Aufgabe der Demokratie in Afghanistan und im Irak vollenden, damit diese Nationen den Weg für andere erleuchten können, kündigte US-Präsident George W. Bush vor zwei Jahren in seiner Rede zur Lage der Nation an.

Hinter diesen Worten steht eine von Präsidentenberatern wie Paul Wolfowitz und Richard Perle entwickelte Dominotheorie. Wandele sich der Irak zur Demokratie, dann infiziere er die ihn umgebenden Autokratien mit dem demokratischen Bazillus, und der Nahe und der Mittlere Osten würden zu einer Region der Demokratie und des Friedens werden. Auch ein Regimewechsel in Iran würde demnach dem ins Stocken geratenen Dominospiel neue Dynamik verleihen.

Interventionsszenarien gegenüber Teheran zeigen, dass die Misserfolge im Irak Amerikas Demokratisierungsoptimismus kaum gedämpft haben.

Wie realistisch ist eine solche missionarische Erwartung? Was wissen wir überhaupt über den Zusammenhang von Krieg und Demokratie? Zunächst einmal dies: Demokratien führen keineswegs weniger Kriege als Diktaturen, und häufig sind sie die Angreifer. Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung hat Demokratien sogar als besonders selbstgerecht und kriegerisch bezeichnet.

Noch nie hat eine demokratische Macht Galtungs Vorwurf auffallender beglaubigt als die USA unter George W.Bush.

Allerdings: Die Kantsche These, dass Demokratien nicht gegen Demokratien zu Felde ziehen, hat sich als außerordentlich robust erwiesen. Das Argument, dies sei alles nur ein Artefakt der bipolaren Ost-West-Konfrontation, ließ sich nach 1989 nicht mehr halten. Grundsätzlich gilt: Kriege zwischen Demokratien sind nicht mit deren grundlegenden Wertmustern vereinbar.

Außerdem verfügen Demokratien - anders als autokratische Regime - über mehr institutionelle Kontrollen und höhere prozedurale Hürden vor dem Kriegseintritt. Beide Argumente liefern eine belastbare Begründung für Kants Diktum. Wir alle kennen die spektakulären Demokratisierungserfolge nach dem Zweiten Weltkrieg. Die mörderischen Diktaturen des totalitären Nationalsozialismus und der Militärs in Japan haben sich nach der Kriegsniederlage rasch zu stabilen Demokratien gewandelt. Dies gilt auch für das faschistische Regime Mussolinis. Das Ende der griechischen Obristen 1974 nach dem Zypern-Abenteuer und die Niederlage der argentinischen Generäle im Falkland-Krieg bestätigen die These, dass Kriege häufig Geburtshelfer für Demokratien sind. Gegenbeispiele finden sich freilich auch: Panama 1989, Haiti 1994, Bosnien 1995. Im Kosovo, in Afghanistan und im Irak ist die Demokratiefrage noch längst nicht entschieden.