Ein passender Ort, um ein guter Deutscher zu werden. Der »Klub Geselligkeit« von 1965 hielt in diesem Raum seine Treffen ab, später kam der »Club Gemütlichkeit von 1975« hinzu. Beide haben ihren Vereinsstolz als rote Fahne an der Wand hinterlassen. Eine Handarbeitsgruppe stickt und strickt sich durch die Nachmittage, und die Naturfreunde schreiten von hier aus »Hand in Hand durch Stadt und Land«. Deutsche Leitkultur in ihrer kleinbürgerlichen Variante versammelt sich in den Räumen der Arbeiterwohlfahrt (AWO) von Neumünster. An diesem Morgen jedoch erkunden in dem holzgetäfelten Clubraum 18 Männer und Frauen die deutsche Sprache und die Grundlagen der Demokratie. Not, Liebe oder Ehrgeiz hat sie einst in die schleswig-holsteinische Kleinstadt verschlagen. Schüler der 10. Klasse einer Ganztagesschule in Hamburg St. Pauli bereiten im Unterricht gemeinsam Döner zu. Die Hamburger Schule wurde mehrfach für ihre gute Integrationsarbeit mit ausländischen Schülern ausgezeichnet BILD

»Guten Tag, mein Name ist Zübeyde Keltek*. Ich komme aus der Türkei. Und wie heißen Sie?« – »Guten Tag, mein Name ist Sonja Abdykarimow. Ich komme aus Kasachstan. Was arbeiten Sie?« Aus 15 Nationen stammen die Kursteilnehmer, ein ehemaliger Profifußballer aus Nigeria ist dabei, eine Erzieherin aus Lettland, ein Radiotechniker aus der Ukraine. Einige sind erst seit kurzem in Deutschland wie die junge Philippina, andere wie die Türkin mit Kopftuch leben schon seit Jahren in Neumünster.

Grammatik und Vokabeltests, Anreize und Zwang

600 Stunden Deutsch, 30 Stunden Staatsbürgerkunde sind das Pensum, zu dem Deutschland seit Anfang vergangenen Jahres alle Zugewanderten verpflichtet. Die »Integrationskurse« bilden das Herzstück des Einwanderungsgesetzes. Nach vier Jahrzehnten Immigration sind sie der erste bundesweite Versuch, aus Fremden Bürger zu machen – mit Grammatikübungen und Vokabeltests, Anreizen und Zwang. Hier soll sich zeigen, was beide Seiten für die Integration aufzubringen bereit sind: der deutsche Staat an Geld und Fantasie, die Zugewanderten an Lerneifer und Interesse für ihre neue Heimat.

Eine ganze Menge, muss die erste Zwischenbilanz heißen. Rund 115000 Ausländer haben laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Nürnberg im vergangenen Jahr einen Kurs besucht. Die zuvor vom Bund organisierten Sprachschulungen erreichten gerade einmal ein Sechstel dieser Teilnehmerzahl. Als der Innenausschuss des Bundestages vor zwei Wochen verschiedene Anbieter der Integrationskurse befragte, war die Meinung einhellig. »Im Vergleich mit früheren Angeboten ist das ein Quantensprung«, sagt die CDU-Abgeordnete Kristina Köhler. »Es ist unverantwortlich, dass wir so etwas nicht schon Jahre früher gemacht haben.«

Zwar hagelte es Kritik im Detail an den Lehrgängen. Ihr Niveau sei für viele Migranten zu hoch, die Bezahlung der Sprachlehrer zu niedrig, die Organisation bürokratisch. Auch deshalb, so ist zu vermuten, haben erst rund die Hälfte der Kursberechtigten mit dem Lernen begonnen. Den Ausländern selbst jedoch ist kaum Desinteresse vorzuwerfen. »Das Angebot hat voll eingeschlagen«, berichtete Manfred Bosl von der Münchner Initiativgruppe Interkulturelle Begegnung und Bildung den Abgeordneten. Gerade die Mischung aus Chance und Pflicht komme bei vielen Migranten an, sagt Barbara John, langjährige Ausländerbeauftragte Berlins. »Viele sagen mir: Endlich wird uns einmal etwas zugetraut!«

Sechs Integrationskurse bietet die AWO in Neumünster an, 40 Bewerber stehen auf der Warteliste. Die Kieler Kollegen könnten ab sofort drei neue Schulungen beginnen. Doch es fehlt an Räumen und einheitlichen Gruppen. Die Deutschpflicht erfasst die nach Neumünster eingeheiratete Analphabetin aus Kurdistan ebenso wie den exilierten Professor aus Iran. »Die kann man nicht in einem Kurs zusammenwerfen«, sagt Lehrerin Malgorzata Kurzynska. Einige kleinere Sprachanbieter machen das, mit schlechten Ergebnissen. Bei der AWO achte man auf die Unterschiede, versichert Kurzynska, eine gebürtige Polin mit Germanistikdiplom. Viele der Deutschtrainer in den Integrationskursen sind selbst Migranten, hier bringt sich ein Teil der Einwanderungsgesellschaft selbst die Sprache seiner Zukunft bei.