China und Indien sind den Austausch gewohnt. China übernahm einst den Buddhismus von Indien. Indische Herrscher schickten ihre Gelehrten zum Studium der Gesundheits- und Erziehungssysteme nach China. Später aber durchbrachen die Kolonialmächte den historisch engen Kontakt. Es folgte eine lange Zeit gegenseitiger Entfremdung. Die Kolonialmächte spielten Indien und China nach Belieben gegeneinander aus, damit einher ging der wirtschaftliche Niedergang. Noch im Jahr 1820 bestritten China und Indien zusammen 50 Prozent der Weltwirtschaft, 1950 waren es nur noch 8 Prozent. Beide Länder gaben dem Kapitalismus die Schuld an ihrer Misere, sie suchten sozialistische Alternativen. Große Euphorie herrschte, als sich die Staatsgründer, Mao Tse-tung und Jawaharlal Nehru, nach der Unterzeichnung eines Vertrages über die friedliche Koexistenz 1954 in Peking trafen.

Die Neutralität blieb aber eine Illusion. Nach der blutigen Niederschlagung tibetischer Aufstände vertrieb die Volksarmee 1959 den Dalai Lama nach Indien. Und 1962 gewannen Maos Truppen einen kurzen, aber heftigen Grenzkrieg, der in der älteren Generation Indiens bis heute unvergessen ist. Erst das Ende des Kalten Krieges und die Wucht der Globalisierung befreiten China und Indien aus der gegenseitigen Isolation. Zunächst ließ China die wirtschaftlichen Schranken fallen, dann mit einiger Verzögerung Indien – angetrieben von den Visionen Deng Xiaopings und Manmohan Singhs, die beide das Scheitern der sozialistischen Pläne erkannten. Seither wachsen  beide Volkswirtschaften kräftig, bilateralen Handel und Kulturaustausch eingeschlossen. blu