Nishnij-Nowgorod

Bei Natalja Schukowa hängt ein Soldat vom Schrank herab. Verprügelt sieht er aus, wie mit zerschlagenen Gliedern. Die Arme und Beine der Puppe sind durch Draht mit dem Körper verbunden. Das Maskottchen der Organisation der Soldatenmütter in Nishnij-Nowgorod steht für Schukowas Hauptsorge in der Armee: die brutale Schikane durch Dienstältere, Großväterherrschaft genannt. Soldaten in einem tschetschenischen Armeelager beim Haareschneiden BILD

Schukowa bietet Rekruten und ihren Eltern Hilfe gegen einen Staat an, der seine Bürger über ihre Rechte lieber im Unklaren lässt. Im Beratungsgespräch nimmt die 59-Jährige schnell die tadelnde Strenge einer Volkslehrerin an, die der selbstverschuldeten Ahnungslosigkeit vieler Landsleute müde ist. »Wir müssen die Passivität und den Unglauben überwinden, etwas verändern zu können«, sagt sie.

Zwischen roten Aktendeckeln haben die Soldatenmütter das tausendfache Leid abgeheftet. Der Rekrut Alexej K. wird von Dienstälteren mit Stiefeln auf die Brust, die Nieren und den Adamsapfel geschlagen. Dann zwingen sie ihn, Zigaretten zu essen. Ein »Großvater«, so werden die Dienstälteren genannt, prügelt den Wehrdienstleistenden Jewgenij K. mit Fäusten und einem Schrubber zu Tode. Oft schlagen die Täter fachmännisch mit der flachen Hand oder einem um die Faust gewickelten nassen Handtuch vor allem auf die Beine, damit die Schädelbrüche selten sind und sie später behaupten können, der Verletzte sei hingefallen.

Manche Rekruten fliehen vor der Kameradenfolter in den Tod. Soldaten des Wachregiments des Kremls quälten einen Wehrdienstleistenden so lange, bis er sich die Pulsadern aufschnitt. Andere desertieren oder putzen sich tagelang nicht die Zähne, kratzen den Belag ab und injizieren ihn sich mit einer Spritze ins Bein. Sie hoffen auf Wundbrand und die Hospitalbaracke. Und wer die »Großväter«-Torturen durchgestanden hat, geht bei der Marterung der Nachfolgenden mit noch perverserer Fantasie vor.

Anfang des Jahres zwang der Fall des Andrej Sytschjow sogar Russlands Verteidigungsminister, die »Großväterherrschaft« wahrzunehmen. Dem 19-jährigen Rekruten mussten nach seiner stundenlangen Misshandlung durch betrunkene Dienstältere in der Panzerfahrerschule von Tscheljabinsk beide Beine und die Genitalien amputiert werden. Moskauer Zeitungen deckten weitere Gräueltaten in den Streitkräften auf. Die Redaktionen handelten vermutlich mit der Rückendeckung politischer Gegner von Minister Sergej Iwanow, der als Anwärter auf Wladimir Putins Präsidentenstuhl gilt.