Ein »verzogenes Kind. Wenn man seine Wünsche nicht erfüllte, erlitt es Wutausbrüche und warf mit spitzen Gegenständen.« Kein Feigling dann im Leben, aber: »ein Rüpel« und »brutal diktatorisch«.

Solchermaßen porträtiert wird der italienische Dirigent Arturo Toscanini in Norman Lebrechts Buch Der Mythos vom Maestro, der letzten historisch angelegten Publikation über große Dirigenten. Sie stammt vom Anfang der neunziger Jahre. Darin hatte Lebrecht sich vor allem ein Ziel gesetzt: Er wollte die meisten Maestros vom Pult herunterholen, indem er mit viel gossip angereicherte Geschichten erzählte. An deren Ende kam heraus, dass die Dirigenten von Arthur Nikisch bis Esa Pekka Salonen teilweise schon hoch begabte Künstler (gewesen) sind, aber oft auch nur erschreckend normale Menschen, mühsam entlangbalancierend über den Abgründen der Gewöhnlichkeit.

Wolfgang Schreibers Ansatz ist ein anderer. Von Beginn an nämlich verfügt sein Buch Große Dirigenten, das auf eine Rundfunkserie aufbauen kann, über einen Ton, der sich nie vom Verständnisvollen entfernen mag. Schreiber ist kein Richter, sondern vielmehr ein Hörer und Beobachter, dem über Jahrzehnte hinweg in den Konzertsälen als Musikkritiker für die Süddeutsche Zeitung nicht die Bewunderung für Musiker, Musik und was beide mit uns machen abhanden gekommen ist. Nicht zufällig wird eine Episode wiedererzählt, die andere überhört hätten. Es ist die Erinnerung daran, wie der Ungar Ferenc Friscay, ehemals ein »Ingenieur der Töne«, wie Schreiber prägnant charakterisiert, nach langer Krankheit Anfang der sechziger Jahre mit dem Symphonieorchester des SDR liebenswürdig gründlich Smetanas Die Moldau probt. Friscay erklärt den wichtigsten Aspekt des Stückes, die Vaterlandsliebe, einen ganz bestimmten Geigeneinsatz – und dann bricht aus ihm heraus, was die Musik eben auch erzählt. »Wie schön ist es, zu leben«, sagt Friscay. »Es ist wirklich schön, zu leben.«

Schreibers Grundthese ist, dass es schön ist, zu hören. Eigenheiten der vorgestellten Dirigenten werden abseits musikbiografischer Details behutsam skizziert und jederzeit respektiert. »Groß allein aber nenne ich die, die kraft ihres Herzens groß waren«, zitiert Schreiber Beethoven im Kapitel über Fritz Busch. Das wird eine Art Leitmotiv und schließt selbst ausgewiesene Egozentriker wie Toscanini ein, die zunächst einmal in ihrer Phänomenalität begriffen werden. Schreiber konstatiert (in diesem Fall auf einen Filmmitschnitt bezugnehmend), dass Toscanini einerseits »provoziert« und Musiker als »Dummköpfe« beschimpft, andererseits weiß: »Er braucht sie und liebt sie auf seine Weise«, was dann doch ein bisschen übermoderat erscheint.

Schreibers Buch geht ausdrücklich nicht chronologisch vor. Das sorgt für einige Abwechslung beim Lesen, denn es hat durchaus seinen Reiz, wenn die »Zeitgenossen der Zukunft«, als da wären Pierre Boulez, Kent Nagano, Hans Zender und Bruno Maderna, direkt vor dem Artikel über Wilhelm Furtwängler zu stehen kommen. Zusammenfassendes über Kapellmeister im besten Sinne (Hans Knappertsbusch, Eugen Jochum) kontrastiert auffallend mit den vorangegangenen Betrachtungen über Lorin Maazel und James Levine, die zu Recht unter »Stardirigenten« rubriziert werden.

Wer lesen kann, erkennt unschwer Schreibers Präferenzen heraus. Claudio Abbado, dem ehemaligen Chef der Berliner Philharmoniker, gehört viel (auch ideologisch bedingte) Sympathie, und natürlich werden Carlos Kleiber und Sergiu Celibidache gepriesen, wie überhaupt die »München«-Fraktion unter den Dirigenten stark repräsentiert ist. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing! Unpersönlicher werden die Würdigungen beispielsweise, wenn es um eine DDR-Ikone wie Franz Konwitschny geht, was ein wenig schade ist. Zudem wären CD- respektive DVD-Hinweise nützlich gewesen. Davon abgesehen: Wer Wolfgang Schreibers kundiges Buch gelesen hat, fühlt sich recht eigentlich animiert, Sergiu Celibidaches Einladung zu folgen. Wann immer jemand Genaueres zu seinen Prinzipien wissen wollte, verwies dieser auf die einzige Möglichkeit, den Dirigenten (und die Musik) wirklich zu begreifen. »Kommen Sie«, sagte Celibidache, »auf unsere Probe.«