»Alle Menschen sind Ausländer, fast überall«, spottete einst ein jugendkultureller Slogan gegen Fremdenfeindlichkeit. Tempi passati. Nun gibt es Schwarz-Rot, und gestritten wird über Integration. Wie sagt der Koalitionsvertrag so trefflich? »Um die Bedeutung der Verleihung der deutschen Staatsangehörigkeit für den Integrationsprozess zu betonen, soll das Bekenntnis des Einzubürgernden zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung in den Verleihungsakt einbezogen werden.«

Inzwischen hat sich dieses »Bekenntnis« in eine Kultur-Dressur mit Fangfragen zu abweichendem sexuellen Verhalten gesteigert. Und das Schauspiel des Berliner Ehrenmord-Prozesses, mit seinem nach gesundem Volksempfinden ärgerlich milden Urteil gegen die Familie Sürücü, dramatisiert noch einmal die Figur des integrationsunwilligen Ausländers. Der Innenminister formulierte schon zuvor ins Blaue, dass man denen, die »keinen Integrationswillen zeigen, keine weiteren Aufenthaltstitel zubilligt, geschweige denn sie einbürgert«. Daraus hat der Berliner Innensenator jetzt die Konsequenz gezogen und die Familie Sürücü zur Ausreise aufgefordert. Dazu passt die Äußerung eines Exhistorikers und Bild -Publizisten jüngst im Philosophischen Quartett: Die Deutschen hätten sich in der Multikulti-Phase eben nicht ernst genommen und die »hier lebenden Ausländer« auch nicht. Damit sei nun endlich Schluss.

So wird ganz nebenbei das Nachdenken über die rassistische Quelle der deutschen Katastrophe des 20. Jahrhunderts als unverantwortlicher Ausfluss der »Spaßgesellschaft« diffamiert. Offenbar sind wir wieder wer. Und auch der »integrationsunwillige Ausländer«. Der nämlich ist jemand, den wir auch schon lange kennen: der Sündenbock. Dieser wurde nach den Berichten des Alten Testaments zur Buße für die Verfehlungen der Gesellschaft in die Wüste gejagt. Ein Opfer, das keines war. Denn der Sündenbock entlastet die Gesellschaft von der Frage nach ihrer Sünde.

Unser »Sündenbock« entlastet uns von der Frage nach der Natur der Gesellschaft, der sich der »Integrationsunwillige« vermeintlich verweigert. Er entlastet von der Einsicht, dass wir ihm weder Arbeit noch Auskommen bieten können, da wir sie nicht einmal unseren eigenen Kindern bieten. Er entlastet von der Frage, was uns dazu trieb, vor über vierzig Jahren die Probleme der spätindustriellen Gesellschaft mit der schlechtesten aller Möglichkeiten zu lösen: durch die Anwerbung kurzfristig billiger Arbeitsmigranten. Er entlastet von dem Eingeständnis, dass die Werte, die ihnen wichtig sind, bei uns keine Chance haben: Familie und Solidarität.

Rocco und seine Brüder hieß der Film, mit dem Luchino Visconti 1960 die Zerstörung einer sizilianischen Familie durch die Integration in die ökonomisierte Moderne Norditaliens vorführte. Liebe und Fürsorglichkeit tauscht die Familie Rocco gegen trügerische Karrieren in der Leistungsgesellschaft. Dafür brauchte sie nicht einmal eine neue Sprache zu lernen.