Ein Gespenst geht um in Ostasien. Zwar ist der Nationalismus in diesem Teil der Welt nie so in Misskredit geraten wie in Europa, namentlich in Deutschland, aber in jüngster Zeit tritt er verstärkt in Erscheinung, und zwar in allen wichtigen Ländern der Region. Es sind nicht nur die rauen Winde der Globalisierung, die ein stärkeres Beharren auf dem Eigenen hervorrufen.

Was sind die Ursachen?

In Nordostasien, wo der Nationalismus besonders stark auffällt, speist sich das Ressentiment aus verschiedenen Quellen. In China mischt sich Stolz auf den nicht zu übersehenden Fortschritt mit dem noch immer vorhandenen Gefühl, die Welt sei China wegen der erlittenen kolonialen Kränkung etwas schuldig.

Hinzu kommt wachsender Unmut über Amerika, dessen Markt man braucht, dessen arrogante Bevormundungen aber auch von Kritikern der chinesischen Regierung als unerträglich empfunden werden. Ein Land, das andere mit Krieg überzieht und in dem ein Sturm zum Zusammenbruch der Zivilisation führt, will China und dem Rest der Welt sein Modell der Zivilisation aufzwingen. So sehen es Chinesen, und das weckt ungute Erinnerungen, provoziert Widerstand, der Chinesen die Größe ihrer Nation betonen lässt. Appelle an die Einheit der Nation sind eine Konstante der Politik Pekings, die in jüngster Zeit in Taiwan verstärkt Widerhall findet.

Auf der koreanischen Halbinsel ist die nationale Einheit ebenfalls ein beherrschendes Motiv. Für das nordkoreanische Regime war Nationalismus immer die Basis der Legitimation. Tatsächlich wurde Nordkoreas Anspruch, für ganz Korea zu sprechen, lange vom Volk akzeptiert, denn die nordkoreanische Diktatur war viel weniger eine sowjetische oder chinesische Marionette, als die südkoreanische eine amerikanische war. Das weiß man auch in Südkorea.

Dort ist der starke Antiamerikanismus unter dem heutigen demokratischen Regime noch stärker geworden, da die USA Koreas Wiedervereinigung nach Meinung vieler Südkoreaner nicht energisch genug unterstützen. Vielen südkoreanischen Politikern ist sie wichtiger als die von Washington vorrangig behandelte nukleare Frage und bietet den Kontext für Appelle an nationalistische Gefühle.

Nationalistische Töne werden immer öfter geduldet