Er könnte über die 404 fliehen, die sechsspurige Autobahn, dann immer in Richtung Norden, dorthin, wo die Schornsteine am Horizont kratzen, das könnte gehen. Oder über den Parkplatz da vorne, zum Lake Ontario, und dann unauffällig in den Strom des Berufsverkehrs hinein, ginge auch. Aber warum, fragt sich Joshua Key in diesem Moment, parken dort unten zwei Polizeiautos? Und wieso treibt auf dem See dieses Schnellboot umher? Treibt umher, als patrouilliere es. Als suche es jemanden. Als suche es ihn, den Obergefreiten Joshua Adam Key, Deserteur der US-Armee, auf der Flucht seit – er muss jetzt kurz rechnen –, auf der Flucht seit 673 Tagen. Joshua Key, 27, kommt aus einer Kleinstadt in Oklahoma. Selbst in Toronto, wo er jetzt lebt, hat er Angst vor Verfolgung

Joshua Key, 27, verheiratet, vier Kinder, steht auf der Besucherplattform des CN-Tower, 447 Meter hoch über Toronto, jener kanadischen Stadt, die seine Rettung bedeutete vor der US-Militärpolizei, vor der Armee, vor dem Land, das er liebt und für das er in den Krieg zog. Er wollte den Ausflug an diesem milden Montagmorgen eigentlich genießen. Er wollte mit Brandi, seiner Frau, endlich mal abschalten. Aber das mit dem Abschalten ist nicht so leicht, wenn man 14 Monate lang im Untergrund gelebt und sich die Karten der großen Städte Amerikas eingeprägt hat wie Blaupausen und die Welt nicht mehr als Welt sieht, sondern nur noch als ein Labyrinth aus hunderttausend Fluchtwegen.

Vielleicht erklärt das, warum Key manchmal seltsame Dinge macht, warum er den durchsichtigen Glasboden der Plattform betritt und herumzuhüpfen beginnt. Er hüpft und hüpft, wie ein kleines, sorgloses Kind, unter ihm in der Tiefe glänzt der Asphalt in der Sonne. Er hüpft, als wolle er mit seinen 93 Kilo die Verankerung testen, bis seine Frau schreit: »Komm sofort da runter, Josh, du machst mir Angst!«

Aber Josh kommt jetzt nicht runter. Josh hat keine Angst. Wovor soll man Angst haben, wenn man 75 Häuser in Ramadi und Falludscha gestürmt hat und sah, wie Kameraden mit abgetrennten Köpfen von toten Irakern Fußball spielen? Wovor soll man da noch Angst haben, das soll ihm mal einer sagen. Das kann ihm nämlich keiner sagen, ihm nicht.

Es ist ein schöner, klarer Tag in Toronto und exakt acht Monate her, dass Joshua und Brandi Key mit ihren Kindern Zachary, 7 Jahre, Adam, 5, Philip, 3, und Anna, 1, an den Niagarafällen die Grenze nach Kanada überquerten, in einem verbeulten, voll gestopften Dodge Caravan, der Tank fast leer, im Portemonnaie noch knapp 40 Dollar. Aber zum ersten Mal, nach 8000 Kilometern und 421 Nächten in zwei verschiedenen Autos und zwölf verschiedenen Motels, empfanden sie einen Hauch von Sicherheit.

Das, was hinter ihnen liegt, ist der Stoff, aus dem sie in Hollywood in zehn Jahren Filme machen werden. Wenn der Irak-Krieg wie der in Vietnam als großes Scheitern in die Geschichte eingegangen sein wird. In dem Film geht es um einen einfachen, bibeltreuen Mann aus Oklahoma, der zum Vaterlandsverräter wird. Aber der Verräter besitzt jene Portion Kühnheit und Trotz, die Menschen zu Helden macht und selten anzutreffen ist in einer Armee, die bedingungslosen Gehorsam fordert. Und vor allem – das macht den Film interessant für Hollywood – erzählt er von der Größe einer Liebe, die alles niederringt, den Druck der Armee, den Verrat in der Familie, die Not auf der Flucht.

Die Liebe beginnt so, wie Liebe in den armen, ländlichen Ecken Oklahomas beginnt. Man kennt sich flüchtig von der Highschool der Kleinstadt Guthrie, der erste Flirt an einem Tisch in einem Imbiss, der Kaffee ist dünn und die Ketchup-Flasche sehr groß. Schönes Kleid, sagt Joshua. Danke, sagt Brandi. Ein Steak mit Zwiebelringen, sagt Joshua. Wie magst du dein Steak?, fragt Brandi. Well done, sagt Joshua. Well done merkt sich Brandi und zwei Stunden später seine Telefonnummer. Drei Wochen danach ziehen sie zusammen. Sie sind 18.

Drei Jahre später haben sie bereits zwei Kinder. Doch dann gibt es keine Arbeit mehr für ihn, den Schweißer, und sie, die Kellnerin, und so ziehen sie weiter nach Missouri, bis es keine Arbeit mehr gibt für ihn, den Schweißer, und sie, die Kellnerin, und weiter nach Wisconsin und schließlich zurück nach Oklahoma. Dort liegt die Arbeitslosenquote mittlerweile noch höher als zuvor, aber wenigstens ist der Himmel über ihren Köpfen der alte.

Allerdings erkennen sie, dass es zum Traum vom Familienglück auch die passende Realität geben muss. Dazu gehört eine Krankenversicherung, die sie nicht haben, und ein festes Einkommen, das sie nicht haben, und eine Perspektive, die sie noch nie hatten. Und da die Armee im Fernsehen, im Radio, auf der Straße großartige Perspektiven verspricht, lässt sich Joshua Key im Februar 2002 auf ein Gespräch mit einem Rekruteur ein.

Er will Computerfachmann werden, und tatsächlich bietet ihm die Armee eine Fülle von Jobs. Sie bietet ihm auch eine College-Ausbildung für die Kinder und seine Frau und Krankenversicherung auf Lebenszeit und obendrauf die Gewähr, nicht in den Krieg zu müssen. Der Rekruteur sagt: Falls ein Krieg ausbrechen sollte, wärest du der Allerletzte, der eingezogen wird, weil du so viele Kinder hast. Und überhaupt müsste das ein Krieg wie der Zweite Weltkrieg sein, sonst kommt einer wie du gar nicht in Betracht.

»Ich habe denen geglaubt«, sagt Joshua Key.

Er versteht damals nicht viel von Politik, aber der Dritte Weltkrieg steht nicht gerade vor der Tür, denkt er sich, auch wenn die Araber gerade Flugzeuge in die Türme geflogen haben. Skeptisch macht ihn nur, dass sie ihn drängen, sofort zu unterschreiben, am besten in derselben Minute. Später findet er heraus, dass die Armee ihn als bald dreifachen Vater nicht mehr hätte anwerben dürfen. Doch zu dieser Zeit hält er die Armee für eine Chance, sein Land liebt er sowieso, und reisen wollte er auch schon immer mal. Am 14. April 2002 verpflichtet er sich für drei Jahre.

Zwei Wochen später zieht die Armee Joshua Key zur Grundausbildung ein, nach Fort Leonard Wood, Missouri. »Nach wenigen Tagen nannten sie uns Kampftechniker«, sagt er, »und ich dachte, ich soll bloß Brücken bauen lernen.« Stattdessen lernt er, mit Minen umzugehen, wie man Militärfahrzeuge fährt und scharf schießt. Im Oktober 2002 wird er nach Fort Carson, Colorado, geschickt, 43. Combat-Engineer-Einheit, er trainiert Nahkampf in der Wüste. Zwei Wochen danach erfährt Key, dass er in den Irak soll. Er stellt seinen Platoon-Führer zur Rede. »Halt die Klappe, und verlass auf der Stelle mein Büro«, ist die Antwort. »Du bist kein Zivilist mehr, okay, du machst, was wir dir sagen, und Schluss.«