Er könnte über die 404 fliehen, die sechsspurige Autobahn, dann immer in Richtung Norden, dorthin, wo die Schornsteine am Horizont kratzen, das könnte gehen. Oder über den Parkplatz da vorne, zum Lake Ontario, und dann unauffällig in den Strom des Berufsverkehrs hinein, ginge auch. Aber warum, fragt sich Joshua Key in diesem Moment, parken dort unten zwei Polizeiautos? Und wieso treibt auf dem See dieses Schnellboot umher? Treibt umher, als patrouilliere es. Als suche es jemanden. Als suche es ihn, den Obergefreiten Joshua Adam Key, Deserteur der US-Armee, auf der Flucht seit – er muss jetzt kurz rechnen –, auf der Flucht seit 673 Tagen. Joshua Key, 27, kommt aus einer Kleinstadt in Oklahoma. Selbst in Toronto, wo er jetzt lebt, hat er Angst vor Verfolgung

Joshua Key, 27, verheiratet, vier Kinder, steht auf der Besucherplattform des CN-Tower, 447 Meter hoch über Toronto, jener kanadischen Stadt, die seine Rettung bedeutete vor der US-Militärpolizei, vor der Armee, vor dem Land, das er liebt und für das er in den Krieg zog. Er wollte den Ausflug an diesem milden Montagmorgen eigentlich genießen. Er wollte mit Brandi, seiner Frau, endlich mal abschalten. Aber das mit dem Abschalten ist nicht so leicht, wenn man 14 Monate lang im Untergrund gelebt und sich die Karten der großen Städte Amerikas eingeprägt hat wie Blaupausen und die Welt nicht mehr als Welt sieht, sondern nur noch als ein Labyrinth aus hunderttausend Fluchtwegen.

Vielleicht erklärt das, warum Key manchmal seltsame Dinge macht, warum er den durchsichtigen Glasboden der Plattform betritt und herumzuhüpfen beginnt. Er hüpft und hüpft, wie ein kleines, sorgloses Kind, unter ihm in der Tiefe glänzt der Asphalt in der Sonne. Er hüpft, als wolle er mit seinen 93 Kilo die Verankerung testen, bis seine Frau schreit: »Komm sofort da runter, Josh, du machst mir Angst!«

Aber Josh kommt jetzt nicht runter. Josh hat keine Angst. Wovor soll man Angst haben, wenn man 75 Häuser in Ramadi und Falludscha gestürmt hat und sah, wie Kameraden mit abgetrennten Köpfen von toten Irakern Fußball spielen? Wovor soll man da noch Angst haben, das soll ihm mal einer sagen. Das kann ihm nämlich keiner sagen, ihm nicht.

Es ist ein schöner, klarer Tag in Toronto und exakt acht Monate her, dass Joshua und Brandi Key mit ihren Kindern Zachary, 7 Jahre, Adam, 5, Philip, 3, und Anna, 1, an den Niagarafällen die Grenze nach Kanada überquerten, in einem verbeulten, voll gestopften Dodge Caravan, der Tank fast leer, im Portemonnaie noch knapp 40 Dollar. Aber zum ersten Mal, nach 8000 Kilometern und 421 Nächten in zwei verschiedenen Autos und zwölf verschiedenen Motels, empfanden sie einen Hauch von Sicherheit.

Das, was hinter ihnen liegt, ist der Stoff, aus dem sie in Hollywood in zehn Jahren Filme machen werden. Wenn der Irak-Krieg wie der in Vietnam als großes Scheitern in die Geschichte eingegangen sein wird. In dem Film geht es um einen einfachen, bibeltreuen Mann aus Oklahoma, der zum Vaterlandsverräter wird. Aber der Verräter besitzt jene Portion Kühnheit und Trotz, die Menschen zu Helden macht und selten anzutreffen ist in einer Armee, die bedingungslosen Gehorsam fordert. Und vor allem – das macht den Film interessant für Hollywood – erzählt er von der Größe einer Liebe, die alles niederringt, den Druck der Armee, den Verrat in der Familie, die Not auf der Flucht.

Die Liebe beginnt so, wie Liebe in den armen, ländlichen Ecken Oklahomas beginnt. Man kennt sich flüchtig von der Highschool der Kleinstadt Guthrie, der erste Flirt an einem Tisch in einem Imbiss, der Kaffee ist dünn und die Ketchup-Flasche sehr groß. Schönes Kleid, sagt Joshua. Danke, sagt Brandi. Ein Steak mit Zwiebelringen, sagt Joshua. Wie magst du dein Steak?, fragt Brandi. Well done, sagt Joshua. Well done merkt sich Brandi und zwei Stunden später seine Telefonnummer. Drei Wochen danach ziehen sie zusammen. Sie sind 18.

Drei Jahre später haben sie bereits zwei Kinder. Doch dann gibt es keine Arbeit mehr für ihn, den Schweißer, und sie, die Kellnerin, und so ziehen sie weiter nach Missouri, bis es keine Arbeit mehr gibt für ihn, den Schweißer, und sie, die Kellnerin, und weiter nach Wisconsin und schließlich zurück nach Oklahoma. Dort liegt die Arbeitslosenquote mittlerweile noch höher als zuvor, aber wenigstens ist der Himmel über ihren Köpfen der alte.

Allerdings erkennen sie, dass es zum Traum vom Familienglück auch die passende Realität geben muss. Dazu gehört eine Krankenversicherung, die sie nicht haben, und ein festes Einkommen, das sie nicht haben, und eine Perspektive, die sie noch nie hatten. Und da die Armee im Fernsehen, im Radio, auf der Straße großartige Perspektiven verspricht, lässt sich Joshua Key im Februar 2002 auf ein Gespräch mit einem Rekruteur ein.

Er will Computerfachmann werden, und tatsächlich bietet ihm die Armee eine Fülle von Jobs. Sie bietet ihm auch eine College-Ausbildung für die Kinder und seine Frau und Krankenversicherung auf Lebenszeit und obendrauf die Gewähr, nicht in den Krieg zu müssen. Der Rekruteur sagt: Falls ein Krieg ausbrechen sollte, wärest du der Allerletzte, der eingezogen wird, weil du so viele Kinder hast. Und überhaupt müsste das ein Krieg wie der Zweite Weltkrieg sein, sonst kommt einer wie du gar nicht in Betracht.

»Ich habe denen geglaubt«, sagt Joshua Key.

Er versteht damals nicht viel von Politik, aber der Dritte Weltkrieg steht nicht gerade vor der Tür, denkt er sich, auch wenn die Araber gerade Flugzeuge in die Türme geflogen haben. Skeptisch macht ihn nur, dass sie ihn drängen, sofort zu unterschreiben, am besten in derselben Minute. Später findet er heraus, dass die Armee ihn als bald dreifachen Vater nicht mehr hätte anwerben dürfen. Doch zu dieser Zeit hält er die Armee für eine Chance, sein Land liebt er sowieso, und reisen wollte er auch schon immer mal. Am 14. April 2002 verpflichtet er sich für drei Jahre.

Zwei Wochen später zieht die Armee Joshua Key zur Grundausbildung ein, nach Fort Leonard Wood, Missouri. »Nach wenigen Tagen nannten sie uns Kampftechniker«, sagt er, »und ich dachte, ich soll bloß Brücken bauen lernen.« Stattdessen lernt er, mit Minen umzugehen, wie man Militärfahrzeuge fährt und scharf schießt. Im Oktober 2002 wird er nach Fort Carson, Colorado, geschickt, 43. Combat-Engineer-Einheit, er trainiert Nahkampf in der Wüste. Zwei Wochen danach erfährt Key, dass er in den Irak soll. Er stellt seinen Platoon-Führer zur Rede. »Halt die Klappe, und verlass auf der Stelle mein Büro«, ist die Antwort. »Du bist kein Zivilist mehr, okay, du machst, was wir dir sagen, und Schluss.«

Joshua Key sah die Armee als Ausweg. Aber die Armee sieht sich als das, was sie ist: eine Kampftruppe.

Wenn Key von damals erzählt, schwebt noch immer Wut mit. Sein Gesicht ist verbissen, die Augen verschwinden in den Höhlen, manchmal mischen sich Fakten und Emotionen, das hänge mit seinem Trauma zusammen, sagt er dann und trinkt hastig seinen Becher Kaffee mit 14 Tüten Zucker, zupft an seiner Baseballkappe, und jetzt muss er erst mal eine Zigarette rauchen.

Key sitzt in seinem Versteck, einer Kellerwohnung in einem Szeneviertel von Downtown Toronto, anderthalb Zimmer für sechs Menschen, aber es ist ein Zuhause nach der langen Zeit in Motels. Er trägt eine graue Filzjacke mit 17 Anti-Bush-Stickern und ein T-Shirt mit der kanadischen Flagge drauf, auf dem Tisch steht sein Laptop, an der Wand vor ihm hängt das Hochzeitsfoto. Brandi hat Blumen und Kerzen dazugestellt. Key sitzt hier, weil ihm in Parks zu viele Menschen sind und in den Bars und er Angst hat vor all den Typen, die Kaffee trinken, den sie Latte nennen. Er passt hier so gut her wie Latte-Trinker nach Oklahoma.

Am 1. April 2003 erhält er seinen Einsatzbefehl, am 10. April verlässt Key zum ersten Mal in seinem Leben die USA. Über Deutschland und Kuwait gelangt er in den Irak. Trotz allem denkt er zu diesem Zeitpunkt noch, dass er seinem Land dient, dass er hier ist, um Terroristen zu vernichten, die seine Heimat angreifen wollen, und dass er in sechs Monaten wieder zu Hause sein wird.

Im Irak wechselt er 30-mal das Einsatzgebiet. Seine Einheit zieht in Ramadi ein und dann in Falludscha, in Habbanyia, Khaldiya und al-Khaim und wieder in Ramadi und Falludscha, weil die Aufständischen sich nicht an den Wunsch von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld halten, die Soldaten mit Blumen zu begrüßen. »In Ramadi haben wir die 82. Airborne getroffen, und uns wurde erklärt, dass wir nun die Stadt stürmen. Ich dachte, ich soll Brücken bauen oder Minen suchen, nun musste ich auch noch lernen, wie man eine Stadt einnimmt.«

Wie nimmt man eine Stadt ein? »Dein Herz pumpt wie verrückt vor Angst. Das erste Mal mussten wir es um vier Uhr morgens machen. Wir sind mit einem Zivilfahrzeug hin, das wir in der Nacht vorher gestohlen hatten. Du klopfst an die Tür eines Hauses, wenn keiner öffnet, bringst du vier Pfund Sprengstoff an, gehst um die Ecke und sprengst die Tür weg. Dann läufst du mit sechs Leuten rein, ich immer als Dritter, ich sollte Terroristen abknallen, falls der Erste und der Zweite beschossen werden (plötzlich fahren seine Hände durch die Luft, er zeigt, in welcher Türhöhe Sprengstoff angebracht wird, lacht unvermittelt, holt tief Luft, seine Miene erstarrt wieder), das alles passiert nur in Sekunden.

Dann bist du im Haus und gehst ins Wohnzimmer, holst alle männlichen Personen raus und verhaftest sie. Die Frauen und Kinder schreien dich wie verrückt an, weil wir diejenigen sind, die ihre Brüder, Väter, Männer holen. Die geben nicht der Bush-Regierung daran die Schuld, sondern dir. Du bist derjenige, der ein Gesicht hat.«

Wenn Zivilisten erschossen wurden, musste er ihre toten Körper aufreihen, damit die Verwandten sie leichter identifizieren konnten. »Du stehst dann neben Männern, die grundlos getötet wurden, und ihre Familien beweinen sie. Was soll man da sagen? Tut mir leid, dass das passiert ist? Mein Land entschuldigt sich dafür? Geht nicht. Also stehst du da und lächelst freundlich, als seist du überzeugt davon, das Richtige getan zu haben.«

In Fort Carson sitzt derweil Brandi, allein in dem kleinen Haus auf dem Stützpunkt mit inzwischen drei Kindern, und sorgt sich nicht. Joshua sagt am Telefon, es gehe ihm gut, er verteile Süßigkeiten an die irakischen Kinder, sonst sagt er nichts. Sie will auch nichts hören von diesem Krieg, schaltet den Fernseher nicht an und hört weg, wenn die anderen Frauen erzählen. Abends, bevor sie das Licht ausschaltet, betet Brandi für Joshua und küsst das Foto an ihrem Bett. Es ist ihr Hochzeitsfoto und zeigt einen pummeligen, unbekümmerten Joshua. Er ist der Mann, den sie liebt, der immer für sie da war, wenn Erinnerungen sie einholten aus der Zeit, als sie noch keine eigene Familie hatte, sondern eine Mutter, die ermordet wurde, als sie vier war. Der Vater war Trinker.

In Falludscha sieht Key die ersten Kameraden sterben. Wen, wie, wann, darüber spricht er noch heute nicht. Und dort sieht er auch zum ersten Mal diese großen Schilder. »Kill Americans« stand darauf. »Ich hatte das Gefühl, diese Schilder haben wir verursacht. Ich habe mir vorgestellt, wie es wäre, wenn die in unser Land eingefallen wären. Wir würden doch nicht anders reagieren. Meine Kameraden und ich haben viel darüber geredet. Wir hatten Angst, jeden Tag Angst um unseren Arsch. Vergiss all das Heldengeplapper. Du hast eine Scheißangst.»

Überraschenderweise wird ihm Heimaturlaub gewährt, nach sieben Monaten im Irak, in denen Key dachte, er komme hier niemals mehr weg, weil seine Vorgesetzten wissen, für wie falsch er diesen Krieg hält. »Von dem Zeitpunkt an war mir klar, dass ich nicht zurückgehen würde. Ich habe Freunde sterben sehen, vollkommen umsonst – wieso sollte ich dahin zurückkehren?« Aus dem Patrioten Joshua Key ist ein Mann geworden, der entsetzt ist über die zerstörerische Kraft des Krieges und die eigene Naivität.

Am 14. November 2003 verlässt er Bagdad. Es ist der zweite Flug seines Lebens, ein sehr, sehr langer Flug. Zeit für Fragen. Was wird Brandi sagen? Wird sie verstehen, wovon er redet? Was das bedeutet – Desertion? Er wird unehrenhaft aus der Armee entlassen werden, es wird noch schwerer, einen Job zu finden, als zuvor, die Kinder werden immerfort aufgezogen mit ihrem Vater, dem Verräter, dem Verlierer, und sie haben keine Krankenversicherung mehr und keine Aussicht aufs College, auf nichts, wofür er sich überhaupt gemeldet hatte. Wofür hatte er sich eigentlich gemeldet? Was ist übrig von den Versprechen dieses Rekruteurs in einer Einkaufshalle von Guthrie, dessen Namen und Gesicht er vergessen hat?

Brandi hat Angst, am meisten um die Zukunft der Kinder. Trotzdem versteht sie ihren Mann. Sie sieht, wie verändert er ist, am Flughafen erkennt sie ihn nicht einmal. Er ist abgemagert, benimmt sich komisch, er trinkt zu viel Bier. Er scheint zu leiden. Sie weiß zu diesem Zeitpunkt nicht, was ein Trauma ist, aber ihr Gefühl sagt ihr: Wenn Joshua in den Krieg zurückgeht, verliere ich ihn endgültig. Er schreit die Kinder ja jetzt schon den ganzen Tag an und sie im Schlaf, er, der sonst geduldigste Mann auf der Welt, stoisch und passiv. Sie beschließt, mit Joshua unterzutauchen. Es ist keine leichte Sache. Millionen illegaler Einwanderer machen das zwar tagtäglich, aber wie macht man das als amerikanischer Staatsbürger mit drei kleinen Kindern?

Joshua und Brandi Key haben zwei Wochen, um das herauszufinden, so lange dauert Joshuas Heimaturlaub. Für 600 Dollar kaufen sie einen Minivan und schaffen in 22 nächtlichen Fahrten ihren bescheidenen Besitz vom Stützpunkt Fort Carson in eine kleine Wohnung in Colorado Springs, in eine andere Welt. Eine Welt ohne Familie, ohne Freunde, ohne Schule, ohne Kontakt zu Nachbarn, ohne Zukunft. Die Fahrräder der Kinder müssen sie zurücklassen.

Vierundzwanzig Stunden nach Keys Verschwinden wird er als fahnenflüchtig gemeldet. Sechs Wochen später bekommt er einen Brief – die Post lässt er sich ordentlich nachschicken –, der ihn über seine Lage informiert: Fahnenflucht, Gefängnis, unter Umständen auch für die Frau. Laut dem Uniform Code of Military Justice, dem Strafgesetzbuch der Armee, steht auf Desertion gemäß Paragraf 885, Artikel 85, sogar die Todesstrafe, auch wenn sie praktisch nicht verhängt wird. Das weiß Key aber nicht. Er weiß nicht mehr, als ihm der Brief in seinen Händen erzählt.

Es ist höchste Zeit, zu handeln, beschließt Key. Er erinnert sich an die Ausbildung der Armee, Kapitel Terrorismusbekämpfung, wie verhalten sich Terroristen, wenn sie untertauchen müssen? Gehe in eine Stadt, nicht aufs Land, wo jeder dein neues Gesicht sofort bemerkt. Verhalte dich unauffällig, wechsle die Wohnung, dein Auto, vermeide Kontakt zu Fremden. Die großen Städte der Ostküste scheinen Key der Ausweg zu sein, New York, Philadelphia, Washington, Städte, die er nur von Fotos kennt. Seiner Mutter und seinem Stiefvater sagt er am Telefon nur, dass er nicht in die Armee zurückgeht. »Dann komm nach Hause«, sagt die Mutter. »Zu gefährlich«, antwortet er. »Verräter«, sagt sie, »schäm dich.« Key legt auf. Er ahnt, dass sie ihn auch an die Armee verraten wird, weil sie die Liebe zum Vaterland höher einstuft als die zu ihrem Sohn.

Wieder müssen die Keys Sachen zurücklassen, die Kommode, die Brandi so gerne mochte, der Fernseher stand darauf. Den Fernseher selbst. Die Fotoalben, die Küchenanrichte und der Sessel von Brandis Großmutter kommen mit. Die Sachen sind bis heute eingelagert.

Die Fahrt ins Ungewisse beginnt an einem milden Wintertag im Januar 2004. Nur die Lügen sind abgesprochen: Wir haben uns mit der Familie verkracht und suchen einen Neuanfang, werden sie sagen, sollte jemand fragen. »Wir suchen Arbeit«, sagen sie den Kindern, »wir haben kein Geld.« Joshua steuert den kleinen gemieteten Umzugswagen, Brandi den roten Chevrolet Camaro 70, einen Sportwagen, den sie zur Tarnung für 100 Dollar gegen den Minivan eingetauscht haben, mit den Kindern, der Kleidung, Windeln und genug Essen für ein paar Tage.

Sie stoppen nur, um Benzin zu kaufen. Sie bezahlen bar, nie mit Kreditkarte, um keine Spur zu hinterlassen, Key weiß, wie die Armee Deserteure sucht, alle Daten ans FBI weitergibt und durch den Computer laufen lässt. Die Nächte verbringen sie auf Parkplätzen an der Autobahn in dem Sportwagen, Joshua und Brandi auf den zurückgeklappten Vordersitzen, die Großen auf der Rückbank, der Jüngste schläft auf der Fußmatte. So geht es gut zwei Wochen. Sie wissen zunächst nicht recht, wohin sie sollen, Baltimore ist ihnen zu klein, Aldentown zu ländlich, New York zu groß. Irgendwann entscheiden sie sich für Philadelphia, 1,7 Millionen Einwohner, die Stadt ist groß genug, um unterzutauchen, aber nicht so groß, um sich zu verlieren, auch wenn manche Menschen hier Chinesisch und Russisch sprechen und lauter verschiedene Hautfarben haben und im Imbiss Hummus und Kimchi angeboten werden, Dinge, von denen sie noch nie gehört haben.

»Es war ein Kulturschock«, sagt Key. »Es war eine Welt, die wir in Amerika nicht vermutet hätten. Wir sind eben vom Land.«

Ein Motel am Stadtrand im Nordosten, 35 Dollar die Nacht, der Teppich fleckig, das Bad verschimmelt, wird die erste Station. Die Kinder halten es für ihr neues Zuhause. Brandi findet einen Job in einem griechischen Restaurant, der Chef stellt keine Fragen, zwölf Stunden Arbeit pro Tag für ein armes Leben in einem gammeligen Motel. Eine Wohnung wäre nicht einmal halb so teuer, aber das Risiko, dass ein Vermieter ihre Sozialversicherungsnummer in den Computer tippt, ist zu groß. Als nach einigen Wochen der Motelier wissen will, was sie hier eigentlich mit drei Kindern machen, gehen sie. Es folgen viele Motels in den Vorstädten von Philadelphia, deren Namen sie sich gar nicht erst merken, weil sie sie wenige Wochen später schon wieder verlassen werden.

In Oklahoma wird Joshua Key inzwischen gesucht. Das FBI taucht bei seinen Eltern und Brandis Vater auf, doch keiner weiß etwas über den Verbleib des doch so zuverlässigen, keineswegs politischen, schon gar nicht rebellischen Paars. Auch Brandi werde ins Gefängnis kommen, drohen die FBI-Agenten, und die Kinder ins Heim. Die Verwandten versprechen, die Armee sofort zu verständigen, sollten sie etwas hören. Familie, schön und gut, aber hier geht es um die Zukunft des Landes und den Schutz vor Terroristen. Wenn Key anruft, stets von öffentlichen Apparaten aus, reden sie auf ihn ein. »Wie ich es erwartet habe«, sagt Key, »meine Familie besteht nur aus bibelfesten, Bush-treuen Patrioten. Ich war ja selbst so. Wir in Oklahoma sind so.«

Das Leben in wechselnden Motels wird zur Belastung. Key zieht die Vorhänge zu, meidet Parks und Supermärkte und öffentliche Plätze überhaupt. Blickt Brandi heute zurück, staunt sie selbst über ihren Mut und ihre Belastbarkeit. »Wir haben von Tag zu Tag gelebt«, sagt sie. »Wir wollten einfach nicht ins Gefängnis.« Sie ist eine fröhliche Frau mit langen braunen Haaren und blauen Augen, die selbstverständlich ihre Strass-Ohrringe mit Antikriegsbuttons kombiniert, die sie zwei Jahre zuvor noch für pubertär gehalten hätte. »Hätten wir gewusst, dass wir 14 Monate in Amerika unterwegs sein werden, wären wir nie untergetaucht.«

Während die Kinder fernsehen, sitzt Key über den Stadtkarten seines Atlas und markiert Fluchtwege. Zunächst nur für Philadelphia, schließlich auch für Boston, Richmond, Savannah, Miami, Los Angeles, Houston und Seattle. Hat er davon genug, zählt er sein Wechselgeld, baut kleine Türme mit Münzen, lässt sie zusammenfallen und baut sie wieder auf, bis der Abend kommt und die Träume bringt. Fast jede Nacht träumt er vom Krieg und durchlebt die Häuserkämpfe und sieht Leichen. Einmal würgt er seine Frau im Schlaf. Sie befreit sich und rüttelt ihn wach. Mit Kissen baut sie von jetzt an einen Schutzwall zwischen ihn und die Kinder. Ein anderes Mal reißt er den Ventilator aus der Decke, die Nachbarn alarmieren die Polizei wegen Ruhestörung, Brandi kann sie mühsam abwimmeln. Am nächsten Morgen erinnert sich Key an nichts.

Im März, sie sind gerade mal zwei Monate unterwegs, wird Brandi wieder schwanger, das vierte Kind. Sie muss den Job aufgeben, und nun muss Key raus, sie haben keine andere Wahl. Er findet einen Job als Schweißer in einer Fahrstuhlfabrik, er muss seine Sozialversicherungsnummer angeben, aber zu seinem Glück gibt die Fabrik sie nicht weiter. Key rechnet trotzdem täglich damit, dass die Militärpolizisten auf seine Steuernummer stoßen und ihn abführen. Sieht er Polizisten auf der Straße, dreht er ab und fährt in die nächste Auffahrt, schaltet das Licht aus und wartet, bis sie verschwunden sind. Jeden Tag nimmt er einen anderen Weg zur Arbeit, er kennt 38 verschiedene Routen.

Ob die Fahnder je intensiv nach Joshua Key gesucht haben, ist fraglich. Zwar haben FBI-Agenten seine Spur verfolgt, »aber für eine längerfristige Verfolgung fehlt uns die Kapazität«, sagt Dee McVitt, Armeesprecherin für Fort Carson. »Anfangs suchen wir aktiv, danach können wir die Namen nur noch durch den Computer laufen lassen.« Martha Rudd, eine Sprecherin im Pentagon, sagt, dass die Sache mit den Desertionen ohnehin von den Medien hochgespielt sei. Ende April 2005 seien 1432 Soldaten fahnenflüchtig gewesen, 1000 weniger als im Jahr zuvor, der Krieg im Irak erhöhe die Zahl nicht im Geringsten, im Gegenteil, die Soldaten stünden hinter dem Krieg. Die meisten Deserteure würden ohnehin nach Tagen oder maximal Wochen zurückkehren. Joshua Key und die paar anderen in Kanada seien Ausnahmen.

Am 27. Dezember 2004 kommt Anna zur Welt. Brandi ist allein in einem Krankenhaus im Nordosten Philadelphias und gibt als Familienstand ledig an. Das Sozialamt trägt die Kosten für die Geburt. Doch Anna hat eine schwere Infektion. Sie soll drei Monate in der Klinik bleiben. Key ist kurz davor, aufzugeben. Er sucht Hilfe, kauft sich einen Laptop. »Hilfe« und »Deserteur« sind die ersten Wörter, die er ins Internet eingibt, und es kommen Antworten. Er ist nicht der einzige Deserteur. Es gibt viele, sieben befinden sich in Kanada und werden von einem Anwalt namens Jeffrey House vertreten. House führt Klagen gegen die US-Armee und argumentiert, dass die Soldaten in einen gegen internationales Recht verstoßenden Krieg geschickt wurden. Der erste Fall ist mittlerweile in Berufung, »und Berufung gibt es nur mit Aussicht auf Erfolg«, sagt House. Er selbst ist im Vietnamkrieg desertiert und nach Kanada geflohen. Den Keys rät er: »Kommt nach Kanada, ich helfe euch, aber lasst erst euer Baby gesund werden.«

Wieder tauschen sie das Auto, den Sportwagen gegen einen Minivan und packen ihn voll. Am 8. März 2005 erreichen sie in einem Schneesturm die kanadische Grenze. Brandi sitzt am Steuer. Wohin wollen Sie?, fragt der Beamte. Nach Toronto, zu Freunden. Wie lange? Knappe Woche. Warum haben Sie so viel Gepäck? Sie sehen doch, wir haben vier Kinder. Der Beamte winkt die Familie durch, ohne auf die Papiere zu schauen.

Im Morgengrauen des 8. März erreichen sie mit abgefahrenen Sommerreifen das eisige Toronto am Lake Ontario. »Es gibt hier so viele Autobahnen«, sagt Joshua. »Und Hochhäuser«, sagt Brandi. »Das Wasser da rechts, ist das ein Meer oder ein See?« Sie irren herum. Michelle Robidoux, eine Aktivistin der War Resisters Support Campaign, der Kampagne zur Unterstützung von Kriegsdienstverweigerern, erklärt ihnen zwei Stunden lang am Handy den Weg zur bereitgestellten Wohnung, anderthalb Zimmer, ein Bad. »Wie die die Straße raufgeschlittert sind auf ihren Sommerreifen, und es lag hoch Schnee, das vergesse ich nie«, sagt Robidoux, eine schmale blonde Frau, die sich seit 20 Jahren für Bürgerrechte einsetzt. »Ich habe schon viele Leute unterstützt, die in der Klemme saßen. Aber wir haben hier eine sechsköpfige Familie, es wirft mich immer wieder um, dass die es im Untergrund geschafft haben.«

Nach 14 Monaten endlich ein eigenes Zuhause und ein geregeltes Leben. Sie ziehen wieder die Gardinen auf, wie Menschen das tun, sie gehen wieder Einkaufen, wie Menschen das tun, die Kinder gehen wieder zur Schule, wie Kinder das tun. Doch seinen argwöhnischen Blick legt Key nicht ab. Wieso gucken mich die Leute an? Wer sind die Nachbarn, warum blicken sie streng, und warum steigt der Polizist auf der anderen Straßenseite nicht aus seinem Wagen? In einem Supermarkt am Stadtrand von Toronto – die Einkaufszentren in der Innenstadt sind ihm zu voll – hat Key zum ersten Mal Wahnvorstellungen: Er glaubt, er befinde sich in einem Basar in Bagdad.

»Joshua ist ein anderer Mann geworden«, sagt Brandi mit ernstem Gesicht, »und das wird so bleiben. Du kannst lernen, mit einem Trauma umzugehen, aber ablegen kannst du es nicht.« Flashback, Trauma, Begriffe, von denen sie vor wenigen Monaten noch nie gehört haben, gebrauchen sie nun genauso selbstverständlich wie ihre Mikrowelle. Endlich gibt es Hilfe, Normalität, einen Therapeuten, Michelle Robidoux organisiert alles. Nur auf die Arbeitsgenehmigung warten sie bis heute. Fragt man sie nach der Höhe ihrer Sozialhilfe, antwortet Key: »Wir reden nicht gerne darüber, dass wir unterstützt werden müssen. Wir sind jung, wir könnten arbeiten.«

Joshua und Brandi Key leben fortan von Spenden und Vorträgen, die Key hält. Vor Gewerkschaftern, Schülern, Studenten. Er spricht von seinen Erlebnissen im Irak und von der Schuld, die er empfindet, aber dass man ihn nicht verdammen möge, er sei Teil eines Systems gewesen, von dem er sich distanziere und das er für falsch halte. Er tritt selbst in Moscheen auf und entschuldigt sich für das Unheil, das er und seine Männer angerichtet hätten. So sieht er das. Da steht dann ein junger vierfacher Familienvater, der aus der Unterschicht kommen mag, der unpolitisch gewesen sein mag, aber nun packend erzählt und scharf analysiert. Und manchmal weint.

Nach sechs Monaten in einem Szeneviertel von Toronto zieht Joshua Key mit seiner Familie auf eine kleine Insel vor Vancouver, zurück aufs Land, wohin sie wieder wollten, er, der Schweißer, und sie, die Kellnerin. Key kann viel aushalten, aber nicht gerade das Szeneviertel einer Metropole. Er hofft auf einen legalen Status als Kriegsflüchtling, auf Einbürgerung, auf einen Job als Schweißer. Laut Gesetz könnte Kanada ihm dies gewähren, aber das würde zu einem großen Streit mit den USA führen. Er wirft die Frage auf: Ist der Krieg falsch? Es ist die Frage, die die Bush-Regierung vehement dementiert.

Ist eine Rückkehr in die USA je vorstellbar? »Ja. Ich gehe sogar in den Knast«, sagt Joshua Key, »aber erst, wenn auch Bush angeklagt wird. Wegen Vaterlandsverrat und Meineid und Völkermord.«