Seit einem Vierteljahrhundert wird sie auf beinahe jeder akademischen Festveranstaltung beschworen: die Interdisziplinarität. Dazu steht in seltsamem Kontrast, dass bislang nur wenig Ergebnisse darüber vorliegen, was es denn eigentlich einbringt, wenn man mit ihr im Forschungsalltag Ernst macht. Faktisch führt sie ihr Dasein bisher hauptsächlich virtuell, nämlich auf immer wiederkehrenden Konferenzen, auf denen sich Philosophen, Mediziner, Physiker, Informatiker und Germanisten gelegentlich höchst verständnislos gegenübersitzen und sich, wenn sie wieder zu Hause sind, wechselweise darüber mokieren, dass die anderen noch spinnerter oder schlechter angezogen sind, als man ohnehin schon geahnt hatte.

Es sind aber nicht nur habituelle Hindernisse, die der unablässigen Forderung nach mehr Kooperation zwischen den Disziplinen entgegenstehen: Denn die Ausdifferenzierung der Disziplinen ist der Preis ihres spezialistischen Erfolgs; je tiefer man in ein Gebiet eindringt, desto esoterischer wird das begriffliche Instrumentarium, desto sophistischer das Spezialwissen und desto unzugänglicher von außen, worum es eigentlich geht. Der disziplinäre Fortschritt geht in die Tiefe, nicht in die Breite eines Forschungsgegenstands, und da daraus eine gewisse Sprachlosigkeit zwischen den Fächern entsteht, ist der Ruf nach Interdisziplinarität in den letzten Jahren sogar immer lauter geworden – ohne dass freilich klarer geworden wäre, was damit eigentlich gemeint sein soll.

Die Volkswagenstiftung hat vor einigen Jahren ein Förderprogramm aufgelegt, das vor allem Geisteswissenschaftler dazu ermutigen wollte, sich mit Medizinern, Ingenieuren oder Neurowissenschaftlern zusammenzutun, um "Schlüsselthemen" wie Gedächtnis, Bewusstsein, Willen und so weiter interdisziplinär zu erforschen. Dieses Programm, gedacht als Angriff auf den disziplinären Separatfrieden, führte in dem Fall, von dem hier berichtet werden soll, zu einer engen Kooperation zwischen einem Neurophysiologen – Hans Markowitsch von der Universität Bielefeld – und mir als Sozialpsychologen. In unserem Projekt zur Entwicklung des autobiografischen Gedächtnisses arbeiteten junge Kolleginnen und Kollegen aus der Literaturwissenschaft, der Neuropsychologie und der Soziologie zusammen.

Der Vortragsautismus nimmt je nach Fach unterschiedliche Formen an

Solch konkrete Arbeit ist höchst lehrreich, denn kaum eines der Probleme, denen man im wirklichen Forschungsleben begegnet, taucht jemals auf, wenn feierlich von "Interdisziplinarität" die Rede ist. Wer hätte sich je Gedanken darüber gemacht, dass die disziplinären Vorstellungen von einer "wissenschaftlichen Veröffentlichung" so voneinander abweichen, dass es fast unmöglich ist, gemeinsam einen Text zu verfassen? Für mich als Sozialwissenschaftler war es höchst befremdlich, noch die stumpfesten Hauptsätze, zu denen ich fähig war, von den Gutachtern eines Fachbeitrags als "episch breit" kritisiert zu finden, während im umgekehrten Fall Gutachter sozial- und geisteswissenschaftlicher Journale Phänomene wie die "zunehmende Reaktionsgeschwindigkeitsverminderung" für ziemlich absonderlich hielten.

Auch der Vortragsautismus nimmt je nach Fach unterschiedliche Formen an. Während auf naturwissenschaftlichen Konferenzen eine PowerPoint-Präsentation die nächste jagt, ohne dass man mehr als drei Minuten Zeit für Diskussionen hätte (die ohnehin für überflüssig gehalten werden), wird man in den Kulturwissenschaften gern mit 65-minütigen abgelesenen Vorträgen behelligt, in denen nuschelnde Referenten Dinge sagen wie diese: "Wie unter 4a bereits dargelegt wurde, ist die kantische Rationalitätskonzeption anders als von Habermas in der zweiten Bemerkung seiner ersten Auseinandersetzung mit Apel angedeutet, vielmehr…"

Schließlich die Demütigungsrituale: In den Neurowissenschaften finden akademische Exekutionen mangels Diskussionszeit kaum auf öffentlicher Bühne statt, sondern vor allem abends nach der Tagung; auf soziologischen oder historischen Kongressen dagegen wird einem Kollegen schon mal das Mikrofon entwunden, wenn man der Auffassung ist, sein Reflexionsvermögen reiche nicht ganz an das zur Debatte stehende Problem heran. Kurz: Die oft konstatierte Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen ist gar keine; es handelt sich viel eher um kulturelle Differenzen, die zwischen den Fächern bestehen und die es schwer machen, miteinander in Austausch zu kommen.