Fantastische Gewinne und wachsende Angst– auf den Rohstoffmärkten passt das bestens zueinander. Energiekonzerne und Petrostaaten füllen ihre Kassen mit einer Geschwindigkeit wie nie zuvor. Und in einem rohstoffarmen Land wie Deutschland fragen sich Bürger und Unternehmen, wie lange sie sich Öl und Gas noch leisten können. Mehr als 70 Dollar für ein Barrel Öl, das klang noch vor wenigen Jahren wie ein apokalyptisches Szenario. Heute richtet sich die Welt darauf ein, dass der Preis pro Fass sogar weiter steigt. Erdölförderung in Russland - das aufsteigende Gas wird abgefackelt BILD

Parallel explodieren die Preise für Erdgas. Die Produzenten wissen um ihre gewachsene Macht – und nutzen das aus. "Wir machen uns mit neuen Märkten in Nordamerika und China bekannt", erklärte Alexej Miller, Chef des russischen Gasprom-Konzerns, vorige Woche den EU-Botschaftern in Moskau. "Die Konkurrenz um Energieressourcen wächst." Der russische Ölpipeline-Betreiber Transneft droht ebenso. Die kaum verklausulierte Botschaft lautet: Wenn die EU sich in der Energiepolitik nicht nach Moskaus Geschmack verhält, verkaufen die Russen ihre Energie eben an China.

Erpressung, Preistreiberei, Machtpoker – das alles gehört zu den Gepflogenheiten auf dem Energiemarkt. Nicht dass es unter Ölbaronen je höflich zuging. Im Öldorado Baku gehörte es vor 100 Jahren zum guten Ton, den Konkurrenten mit dem Revolver aus dem Feld zu schlagen. Doch welche Möglichkeiten hat ein Land wie Deutschland heute, um sich die ausreichende Versorgung mit Öl und Gas zu sichern? Schon ist in Berlin von einer neuen "Energieaußenpolitik" die Rede. Am Donnerstag dieser Woche trifft Kanzlerin Angela Merkel im sibirischen Tomsk den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Das künftige Verhältnis zum rohstoffreichen Russland wird für das rohstoffarme Deutschland zur Schlüsselfrage – politisch und ökonomisch.

60 Prozent der deutschen Energienachfrage werden heute durch Mineralöl und Erdgas gedeckt. Doch ausgerechnet von diesen beiden Energieträgern besitzen die Deutschen fast nichts. Die Erdgasvorräte in Niedersachsen, die immerhin noch 15 Prozent zur Versorgung beitragen, gehen zur Neige. Und Deutschlands größte Ölquelle, Mittelplate im Wattenmeer, steuert gerade einmal zwei Prozent zum Ölaufkommen bei. Was bleibt, sind schmutzige Braunkohle und teure Steinkohle.

Analysten wie Pete Stark, Vizepräsident des Consulting-Unternehmens IHS Energy, rufen bereits das "Zeitalter der Energieversorgungsangst" aus. Und der eigentlich für die Sicherheit der Versorgung zuständige EU-Energiekommissar Andris Piebalgs sagt: "Wir werden immer verwundbarer."

Es sind vor allem Staatsunternehmen, die beim weltweiten Geschäft mit Öl und Gas das Sagen haben. Auch das führt zu deutlichen Verzerrungen beim Preis. Gemessen am Marktmodell, sehe es bei den weltweit wichtigsten Energien "nicht gut aus", sagt Friedemann Müller, Ökonom und Energieexperte der regierungsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP). Tatsächlich sind die hierzulande bekannten – und wegen ihrer vermeintlichen Abzocke berüchtigten – Multis geradezu Zwerge im Vergleich zu den staatlichen Unternehmenskolossen aus den Öl- und Gasnationen.

ExxonMobil, BP, Shell & Co fördern gemeinsam 15 Prozent des weltweit produzierten Öls. Bezogen auf den Zugriff zu den Ölreserven, sind die privaten Unternehmen noch weiter abgeschlagen. ExxonMobil, der größte private Energiemulti, rangiert im Ranking des Fachblattes Petroleum Intelligence Weekly gerade einmal auf Platz 12; 20-mal mehr Öl steht dem saudischen Staatsunternehmen Saudi Aramco zur Verfügung. Der iranische Konzern NIOC, vollständig im Besitz des Teheraner Regimes, bringt es auf zehnmal mehr Reserven als Exxon. Über die Hälfte der Ölreserven sind in der Hand der vier größten staatlichen Ölkonzerne des Nahen Ostens. Ähnlich sieht es beim Zugriff auf Gas aus. Allein 40 Prozent der globalen Gasvorkommen liegen in der Hand von drei Staatsunternehmen: Russlands Gasprom ist die Nummer eins, gefolgt von Irans NIOC und Qatar Petroleum, dem Staatskonzern des kleinen Golfstaates.

Für alle gilt: Geschäfte sind gut, Staatsinteressen sind wichtiger.

Dazu kommt das Angebotskartell, zu dem sich sämtliche Länder des ölreichen Nahen Ostens und andere interessierte Nationen zusammengeschlossen haben. Die Opec, vor wenigen Jahren schon totgesagt, ist heute mächtiger denn je. Während die weltweite Nachfrage nach Öl seit dem Jahr 2002 eilends steigt, lässt die Ergiebigkeit der in den siebziger Jahren erschlossenen Vorkommen in der Nordsee schon wieder nach. Die logische Folge: Den wenigen noch ölreichen Nationen und ihren Staatskonzernen wächst automatisch Macht zu – derweil Investitionsbeschränkungen und Protektionismus die private Konkurrenz behindern.