Was bisher geschah: Der NDR brachte dieser Tage das Porträt eines Bild- Kolumnisten, und darüber berichtete Spiegel online. Darüber wiederum ärgerte sich der Geschäftsführer des Berliner Radios rs2 und sagte: "Ein Medium berichtet über ein Medium über ein Medium." Er sagte dies im Tagesspiegel.

Wenn es dieser den Vorgang jetzt aufspießenden Glosse gelänge, einen dermaßenen Hammer zu landen, dass, sagen wir, der Focus darauf so reagierte, dass die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Feuilletonaufmacher daraus fabrizierte, der dann zum Diskussionsthema bei Sabine Christiansen würde, dann hätten wir die Selbstreferentialität der Medien in achtfacher Potenz, und das wäre wirklich toll. Man kann ja mit Fug und Recht sagen, dass Journalismus, wie weiland Mörikes Lampe, erst da Größe erlangt und wirklich zur Kunst wird, wo er sich in schöner Freiheit von aller Faktenschwere löst und jenem Gegenstand sich widmet, worin er wahrhaft sich auskennt – nämlich sich selber. Oder, wie Mörike sagt: "Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst."

Der Leser glaubt ja oft irrigerweise, der Journalist schreibe allein für ihn. Das ist aus mehreren Gründen gar nicht möglich. Erstens kann das für die zwei oder drei Euro kein Leser im Ernst verlangen. Zweitens weiß der Journalist gar nicht, wer "der" Leser ist. Die wenigen Leser, die er in der Regel kennt, sind ebenfalls Journalisten, und deren Urteil allein zählt für ihn. Wer wäre befugter, die Qualität eines Blattes zu beurteilen, als der Profi? Gute Zeitungen werden für gute Journalisten gemacht, und der Leser hat seinen Gewinn insofern, als er vieles aus dem Leben der Journalisten erfahren kann. Das ist wahrlich interessant genug und gut und gerne zwei bis drei Euro wert.

Wir wechseln jetzt nicht das Thema, wenn wir auf folgende Reuters-Meldung hinweisen: Jedes Jahr gehen im internationalen Flugverkehr etwa 30 Millionen Gepäckstücke verloren, von denen allerdings, das ist die gute Nachricht, die allermeisten wieder auftauchen. Die schlechte Nachricht: Jedes Jahr verschwinden 200.000 Taschen und Koffer endgültig. Unwiederbringlich. Nehmen wir mal an, jeder Koffer habe eine Breite von x, eine Länge von y und eine Höhe von z Zentimetern, dann ergibt sich daraus ein Volumen, das etwa dem Inhalt des Steinhuder Meeres entspricht. Die drängende Frage lautet natürlich: Wohin verschwinden all diese Koffer? Erklärt sich so der Anstieg der Meeresspiegel?

Mit den Lesern nun verhält es sich ganz ähnlich. Auch sie verschwinden oft ganz spurlos, lautlos. Ihnen gelte unser Mitgefühl! So wie jeder verschwundene Koffer nicht allein in seinem Eigentümer, sondern in jedem empfindenden Menschen ein Gefühl solidarischer Trauer weckt, so ist der unbekannte Leser, an den er sich nicht wendet, die unerreichbare Sehnsucht eines jeden, der schreibt.