DIE ZEIT: Sehen sich die professionellen Helfer als Helden?

Thea Bauriedl: Es gehört viel Kraft, Mut und Konfliktfähigkeit dazu, um diese schwierige Arbeit zu leisten. In meinen Augen rechtfertigt das schon die Bezeichnung Helden. Sie selbst sehen sich wohl nicht so. Auch das öffentliche Bild der professionellen Helfer ist ambivalent. Wenn Sie zum Beispiel daran denken, wie lange Zeit die Berufsbezeichnung »Sozialarbeiter« regelrecht ein Schimpfwort war – besonders im politischen Raum. Erst in letzter Zeit sieht man wieder deutlicher, dass man Menschen braucht, die sich direkt in den sozialen Brennpunkten unserer Gesellschaft engagieren. Und die niedrige Bezahlung in vielen sozialen Berufen hebt natürlich auch nicht gerade das Prestige.

ZEIT: Aber wird das nicht ausgeglichen durch den enormen Respekt, den diese Menschen genießen?

Bauriedl: Ich wäre da vorsichtig. Mit dem Respekt für die Helfer ist es ein wenig wie mit dem Respekt für Putzfrauen. Man respektiert sie, soweit man sie braucht, aber man wollte nie selbst eine Putzfrau sein. Über den Status in der Gesellschaft entscheidet immer noch die Macht, die jemand besitzt. Helfer arbeiten zumeist an Brennpunkten der Ohnmacht. Deshalb identifiziert die Öffentlichkeit sie oft mit diesen Gefühlen – in den Augen der Öffentlichkeit scheint es so, als würden sie sich anstecken an der Ohnmacht der Menschen, um die sie sich kümmern.

ZEIT: Was ist dran an der geläufigen Warnung vor dem Helfersyndrom?

Bauriedl: Die Gefahr ist durchaus real. Das Bedürfnis, anderen zu helfen, gehört zu den schönsten und wichtigsten menschlichen Impulsen. Problematisch wird die Sache, wenn Helfer beginnen, davon zu leben, dass andere von ihnen abhängig sind. Sie versuchen dann, den anderen das zu geben, was sie selbst brauchten. Das kann zur Abhängigkeit der Helfer von der Bestätigung durch ihre Klienten führen – und eine solche Abhängigkeit kann eine Form der Sucht sein.

ZEIT: Aber auch persönlich stabile, gut ausgebildete Profis in diesem Berufsfeld leiden oft unter seelischer Auszehrung. Warum ist die Burn-out-Gefahr so groß?