Es war ein gewöhnlicher Arbeitstag, als mir der Direktor sagte, dass da eine Mutter sei, mit ihrer Tochter, die vorsingen wollte. Sie hatte sehr schöne Augen." Wenn Tatjana Lebed, Gesangslehrerin von Anna Netrebko, von ihrer Lieblingsschülerin zu erzählen beginnt, denkt man nicht an Belcanto, nicht an Läufe und Triller, sondern an Heiligenlegenden und an das Ikonenküssen in der Kasaner Kathedrale, an das Bekreuzigen, an das tiefe und demütige Verbeugen, an das Niederwerfen, mit der Stirn den Marmorboden berührend.

Draußen wirft die untergehende Sonne etwas Gold auf die Stadt, die Russinnen laufen hochhackig und verächtlich über zentimeterdickes Eis, und drinnen auf den Fluren der Musikfachschule Rimski-Korsakow lebt die Sowjetunion noch, in dem hellblauen Ölanstrich, in den vergilbten Fototafeln hoch dekorierter Veteranen und in der damenbärtigen Pförtnerin, die in ihrem Kabuff sitzt und mit strengem Gesicht über Spargelkraut und Usambaraveilchen wacht. Und über junge, ernsthafte Violinisten.