Andris Piebalgs ist erbost. Es sei unglaublich, wie schlecht die europäischen Märkte vernetzt sind, schimpfte der lettische EU-Energiekommissar kürzlich. Um den Strompreisanstieg in Europa zu bremsen, setzt er auf mehr Wettbewerb: Ausländische Konkurrenten sollen alteingesessenen Energieversorgern ordentlich einheizen.

Deutsche Verbraucher dürfte das freuen. Schließlich ist die Vormacht der Großen Vier hierzulande trotz Strommarktliberalisierung ungebrochen: RWE, E.on, Vattenfall Europe und EnBW kontrollieren direkt oder über Beteiligungen 80 Prozent der Stromerzeugung - mit steigender Tendenz. Die Übertragungsnetze im Höchst- und Hochspannungsbereich liegen gar vollständig in ihrer Hand. In diesem Umfeld sehen sich die Energieversorgungsunternehmen (EVU) nicht eben zu niedrigen Preisen gedrängt.

Einige Kraftwerke in Tschechien zum Beispiel produzieren Strom zu Kosten, die unter denen deutscher Anlagen liegen. Darum würde der größte tschechische Stromversorger CEZ gern mehr Energie in die Bundesrepublik verkaufen. Doch dafür muss die Elektrizität über die Grenze. Und das ist kompliziert, denn die Kuppelstelle für den grenzüberschreitenden Stromtransport ist ein Flaschenhals. Wer dort Strom durchleiten will, muss beim jeweiligen Konsortium der Netzbetreiber beider Seiten vorab ein Stück der begehrten Grenzübergangskapazität ersteigern, entweder ein Jahr, einen Monat oder 24 Stunden im Voraus. An der deutsch-tschechischen Grenze ist der Flaschenhals besonders eng, und die Nachfrage steigt. Die Auktionspreise haben sich hier seit 2002 jedes Jahr fast verdoppelt. Vom erhofften Gewinn aus dem Geschäft bleibt am Ende nichts, sagt Hanns Hannich, Geschäftsführer von CEZ Deutschland.

Manchmal fließt der Strom unvermittelt in die falsche Richtung

Der Engpass zwischen der Oberpfalz und Westböhmen ist in Europa nur einer von vielen, die Stromnetze der Staaten sind weitgehend autark. Der Geschäftsführer des Düsseldorfer Stromhandelshauses Statkraft Markets, Torsten Amelung, vergleicht das Stromnetz eines Landes mit einem Bottich.

Die einzelnen Stromerzeuger lassen Wasser einfließen, gleichzeitig lassen Unternehmen und Haushalte Wasser abfließen. Die Kunst des jeweiligen Netzbetreibers bestehe nun darin, den Wasserspiegel im Behälter, also Netzfrequenz und -spannung, durch Kraftwerks- und Lastmanagement konstant zu halten.

Bislang waren in diesem System keine ausgedehnten, länderübergreifenden Elektrizitätsflüsse vorgesehen, beispielsweise von skandinavischen Wasserkraftwerken zu niederländischen Gemeinden. Zwar sind die Bottiche seit jeher untereinander verbunden. Allerdings nur mit vergleichsweise dünnen Röhrchen. Diese Kuppelstellen ermöglichen es bei Kraftwerksausfällen, Frequenz und Spannung mit Hilfe aller anderen Kraftwerke in Europa konstant zu halten. Für einen üppigen Stromhandel aber sind sie nicht gemacht.