Wenn ein ehemaliger Kanzlerberater aus der Deckung geht, verspricht das Einblicke in regierungsamtliche Weisheit. Geht es um Terrorismus, ist die Sache umso spannender. Wer wollte nicht wissen, was Gerhard Schröder über al-Qaida wusste? Solche Nabelschau bietet Guido Steinberg allerdings nicht. Sein Buch erzählt nicht einmal viel Neues. Darin liegt seine Schwäche. Seine Stärke liegt darin, dass es vieles neu erzählt.

Ein "alternatives Erklärungsmuster" des transnationalen Terrorismus will der Islamwissenschaftler und ehemalige Referent im Kanzleramt anbieten. Das ist untertrieben, denn Steinberg liefert zuvörderst eine viel genauere Erklärung des Phänomens al-Qaida als es der eilige Medien-Mainstream zumeist tut. Gilt diesem die Ausrichtung der Dschihadisten schlicht und einfach als "anti-westlich", so erinnert Steinberg daran, dass der Hauptgegner von Osama bin Laden und seinen Mudschahedin schon immer der "nahe Feind" gewesen sei. "Al-Qaida", definiert Steinberg, "ist eher die Summe vieler nationaler Gruppierungen, die sich in einer gemeinsamen Organisation die verbesserten terroristischen Arbeitsbedindungen der globalisierten Welt zunutze macht, um sowohl global als auch lokal zu agieren."

So sei es bin Laden zuerst und vor allem darum gegangen, sein Heimatland Saudi-Arabien von den "Ungläubigen" zu befreien. Sein Stellvertreter Aiman al-Sawahiri wolle bis heute Ägypten in einen Gottesstaat verwandeln. Und auch der irakische Terrorprinz Abu Musab al-Sarqawi "verfolgt weiterhin das Ziel, das jordanische Königshaus zu stürzen und Palästina zu ›befreien‹".

Think local, act global – das soll al-Qaida sein? Der 11. September, Madrid, Istanbul, London – waren all die gezielten Massenmorde an Westlern also nur Mittel zum Zweck, nur "Kollateralnutzen" im eigentlichen Krieg gegen die Apostaten im Mittleren Osten? Nicht nur, aber auch, sagt Steinberg. Zwar sei die Strategie der "Internationalisierung des bewaffneten Kampfes" innerhalb von al-Qaida vom Ende der neunziger Jahre an umstritten gewesen. Doch die Logik ist einleuchtend: Ziehen sich die USA aus der arabischen Welt zurück, fällt es leichter, die dortigen Regime zu stürzen. So führt, wenn man so möchte, die Organisation einen Krieg und einen Stellvertreterkrieg zugleich.

Steinberg ist nach den Bundestagswahlen als Mittelost-Experte zur Stiftung Wissenschaft und Politik gewechselt. Ihm fehlt es nicht an wissenschaftlicher Akkuratesse, wohl aber am Mut zur Lücke. Seine Liebe zum Detail ist gelegentlich ermüdend. Hingegen vermisst man Überlegungen, die in die Zukunft weisen. Al-Qaida, stellt Steinberg fest, sei heute weniger eine Organisation als vielmehr eine "ideologische Zentralstelle", die per Videos und Internet Blaupausen für "führerlosen Widerstand" in die Welt sende. Diese Analyse ist so richtig wie ausbauwürdig.

Denn sie wirft die bange Frage auf, ob junge Pakistanis in London oder junge Algerier in Madrid, die sich ebendiesem Widerstand anschließen, ob auch diese Generation noch zwischen einem nahen und einem fernen Feind unterscheidet. Oder ob die Tragik des künftigen Terrorismus nicht eher darin liegen könnte, dass Täter und Opfer so nah beieinander leben und sich doch so fern voneinander fühlen.