Tamás Blénessy ist ein Koloss hinter dem kleinen Tisch, auf den er die Arme stützt, ein Mann von 120 Kilo. Noch sind die Stuhlreihen vor ihm leer. Auf jedem Stuhl liegt eine Broschüre, 60 Seiten dick. Blénessy hat in der Nacht zuvor bis frühmorgens am Kopierer gestanden, damit die Hefte rechtzeitig fertig sind an diesem Tag, an dem Potsdam sich schon wieder anschickt, sich einlullen zu lassen, nachdem es kurz wachgerüttelt worden war. Das darf nicht geschehen, findet Blénessy. Irgendwer muss die Wahrheit sagen, sein Gesicht in die Kameras halten, auch wenn er sein Leben riskiert. Es ist der Student Tamás Blénessy, der sich das traut, 25 Jahre alt, und er ist ziemlich allein. Bushaltestelle Lerchensteig: Der Asylbewerber Enest wird zu Boden geschlagen BILD

Fünf Tage nach dem Überfall auf den Deutsch-Äthiopier Ermyas M., der seitdem im Koma liegt, hat Blénessy Zeitungen, Nachrichtenagenturen und Fernsehsender in den Saal eines Kulturzentrums geladen. Mit vier anderen Studenten hat er alle Taten von Potsdamer Rechtsextremisten seit 1992 aufgelistet, aus Polizeiberichten, Zeitungsartikeln. Die Extremisten werden immer gewalttätiger, belegen die Zahlen. In Potsdam pöbelten und prügelten sie voriges Jahr 24-mal; die Polizei zählt etwas weniger Vorfälle. Auch bundesweit nimmt rechtsextreme Gewalt drastisch zu, 2005 um mehr als 20 Prozent – nach offizieller Statistik. In Potsdam gibt es eine organisierte rechte Szene mit mindestens 200 Aktiven, so sieht es Blénessy. Sie machten Jagd auf Schwarze, Ausländer und Linke, auch wenn viele Potsdamer das nicht glauben wollten.

Blénessy gähnt. Er hat nur zwei Stunden geschlafen. Die Pressekonferenz müsste längst beginnen, aber es sind erst zwei Besucher da. Am Nachmittag werden sich die Potsdamer zu einer Kundgebung gegen Ausländerfeindlichkeit versammeln, der Bürgermeister hat dazu aufgerufen. Blénessy behagt das nicht. Sie wollen nur ihr Gewissen beruhigen. Sie wollen nicht sehen, wie es steht um ihre Stadt.

Blénessy begrüßt die Besucher, jetzt sind es zehn. Er verliest die Zahlen. Neben ihm sitzt ein weiterer Student, aber es ist Blénessy, der sich fotografieren und filmen lässt. Voriges Jahr wurde er selbst angegriffen, bewusstlos geschlagen, ein Freund schwer verletzt. Die Geschichte das Überfalls ist sein bestes Argument. Noch besser als die Broschüre, die Zahlen. "Die Tat am Sonntag war kein Zufall", sagt er. "In dieser Stadt ist niemand sicher. Die Politik dreht den Kopf weg." Blénessy ist der Held der jungen Linken in Potsdam.

Er nimmt seinen Rucksack und tritt auf die Straße, schwarz gekleidet. Die Stadt ist eine Insel des Wohlstands in Brandenburg. Seit fünf Jahren lebt Blénessy hier, einer von 146000 Einwohnern, 16000 Studenten. Er ist in Eberswalde geboren, Sohn eines Ungarn und einer Deutschen. In der Schule nennen sie ihn Gulaschfresse, er lernt sich zu wehren. In Potsdam beginnt er Politik und Jüdische Studien zu studieren. Er kandidiert für die linke Liste des Studentenausschusses. Organisiert Proteste gegen Aufmärsche von Neonazis. Bekommt Drohbriefe. Fotografiert in Gerichtsfluren die Besucher eines Prozesses gegen Rechte. Bald darauf fliegt nachts ein Stein in ein Fenster seiner Wohnung.

Blénessy läuft schwerfällig durch die Masse der Fußgänger, als wäre er jederzeit bereit, jemanden mit seinen 120 Kilogramm aus dem Weg zu räumen. Er kennt Ermyas M. vom Sehen, traf ihn auf Studentenpartys. "Ein freundlicher, offener Typ", sagt er; M. lebt seit 20 Jahren in Deutschland. Die Angreifer haben ihn "Nigger" genannt, bevor sie ihn schlugen. Trotzdem hat Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm angezweifelt, dass die Täter Rechtsextreme gewesen sind. Das macht Blénessy wütend. Er geht eine breite Geschäftsstraße entlang, bis zu einem Döner-Imbiss. Hier, auf dem Bürgersteig, wurde er vorigen Sommer überfallen. Blénessy setzt eine schwarze Sonnenbrille auf.

Der Platz der Einheit am Rand des Potsdamer Zentrums ist eine unwirtliche Rasenfläche, von zwei sich kreuzenden Betonrinnen durchzogen. Nur ein paar Punks sitzen hier nachmittags herum, trinken Bier. Auf einem Betonblock hockt ein Schwarzer, eine Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen. Er sagt, er sei als Asylbewerber in Luckenwalde gemeldet, dürfe den Landkreis eigentlich nicht verlassen. Er lebt trotzdem bei seiner Freundin in Potsdam. Heute wird er zur Kundgebung gehen. Für wen ist sie da, wenn nicht für ihn?

Der 27-Jährige nennt sich Enest, so will er in der Zeitung heißen. Als er vor vier Jahren nach Deutschland kam, gab er an, er stamme aus Kamerun. Am 6. August 2005 stand er mit Freunden an einer Bushaltestelle, Asylbewerber wie er, einer hatte ein deutsches Mädchen dabei. Ein paar Männer begannen sie zu beschimpfen. Enest ging dazwischen. Sie schlugen ihn nieder, traten ihn. Dann stiegen sie seelenruhig in den Bus; niemand griff ein. Enest verbrachte eine Nacht im Krankenhaus. Bald stehen die Männer vor Gericht.

"Was wollten die? Ich bin auch ein Mensch."