Die Art und Weise, in der das prekär gewordene Leben in Deutschland öffentlich wahrgenommen und verhandelt wird, verhält sich in vielem spiegelbildlich zur Debatte um die "Neue Bürgerlichkeit". Im einen Fall sucht die von Abstieg bedrohte Intelligenz Zuflucht beim Habitus einer untergegangenen Schicht, im anderen erklärt sie sich (wie vor einigen Wochen im Berliner Stadtmagazin Zitty) in vorauseilender Bereitschaft zu "urbanen Pennern". Der ebenso stigmatisierende wie heroisierende Begriff umschreibt den Sachverhalt, dass das Anforderungsprofil für Journalisten, Web-Designer, Künstler sich radikal geändert hat. Der Kulturarbeiter von heute ist ein Dienstleister, der die Entgrenzung von Arbeit und Freizeit als Bereicherung erfahren und unablässig dazulernen muss. Doch selbst wenn seine Soft Skills (die Summe seiner kommunikativen und organisatorischen Fähigkeiten) überdurchschnittlich entwickelt sind, kann er mit einem festen Arbeitsplatz nicht rechnen. Deshalb lungert er mit dem Laptop in Cafés oder schlecht geheizten Ladenwohnungen herum, wo er Projekte vorantreibt, während das Geld dazu oft noch von den Eltern kommt.

Von einer "Zerstörung der Mittelschichten" spricht der italienische Soziologe Sergio Bologna in seinen unlängst publizierten Thesen zur neuen Selbständigkeit. Bologna fasst die neuen Dienstleister als Zwitterwesen zwischen Arbeitnehmer und Unternehmer. Neben ihrer betrieblichen Anbindung fungieren sie zugleich als Investoren, die kulturelles Kapital in die modernen, dezentralisierten Unternehmen einbringen, die ihrerseits damit das Investitionsrisiko nach außen verlagern. Weil die Produktzyklen aber immer kürzer werden, das Tempo am Arbeitsmarkt sich weiter erhöht, weil die persönlichen Netzwerke, aus denen die kreativen Impulse stammen, zugleich eine objektive Konkurrenz darstellen und der Mythos der "Kreativbranchen" die dabei auftretenden Widersprüche nur notdürftig kittet, erlebt sich der Einzelne im Alltag oft nur als dauergestresste Monade.

Für die jungen urbanen Freiberufler ist diese Erfahrung besonders bitter, waren es doch, historisch gesehen, die Mittelschichten, die durch praktizierte Alternativen zur Norm zugleich die Gesellschaft modernisierten. Das Leben in der großen Stadt, es enthielt stets das Versprechen, etwas Besseres zu finden als den Muff von 1000 Sofakissen, und die 68er-Generation ist das Paradebeispiel dafür, wie sich durch soziales Experimentieren auf Dauer Machtpositionen erobern lassen. Wer sich heute nach der Schule in seine Risikobiografie entlassen sieht, muss den Eindruck gewinnen, die Protestgeneration hätte mit der Arbeit auch noch die Utopien aufgebraucht. Selbst die Popmusik, einst weithin hedonistisch gestimmt, kennt mittlerweile bittere Töne. "Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?", fragt die Berliner Band Britta auf ihrer neuen Platte, die sie kürzlich in einem Kreuzberger Konzertsaal vorstellte. Kuschelig war’s, trotz der Kälte draußen, man konnte hinterher bei Bier und Energy-Drinks den Stand der eigenen Verarmung diskutieren – und blieb doch unter sich. In gebührender Entfernung, rund um den tristen U-Bahnhof, standen die echten urbanen Penner.

Der große Schulterschluss der Prekarisierten? Daran scheinen die Aktivisten des Euro Mayday selbst nicht ganz zu glauben. Denn obwohl einzelne Gruppen die Rolle der Migranten hervorheben, die als Bürger mit unsicherem Aufenthaltsstatus zweifellos zu den Spitzenprekarisierten gehören, haben arbeitslose Jungakademiker wenig mit unausgebildeten Burger-Bratern, arabischen Vorstadtjugendlichen oder osteuropäischen Sexarbeiterinnen gemeinsam. Es sind die Mittelschichten, die beim Euro Mayday tonangebend sind, Menschen wie Sophie Feyder und Gilles Bouché von der Praktikantenorganisation Génération précaire oder Ambra und Manu aus Turin, zwei Medienaktivistinnen, die in einem Interview auf der Mayday-Homepage von Sambagruppen und vom Kult um den heiligen Precario erzählen. Aus der Diversität soll die Kraft kommen. Und doch stellt sich die Frage, wie es weitergeht, wenn die Demonstration am 1. Mai vorübergezogen sein wird.