Was wäre eigentlich so toll daran, wenn wir uns alle einig wären? Nicht nur Christen und Muslime, nicht nur Rechte und Linke, Nietzscheaner und Marxisten, sondern auch Tänzer und Tanzwissenschaftler, gestriegelte Ballettenthusiasten und struppige Tanztheaterpuristen? Die Integrationsdebatte lebt von einer Kulturkampfhysterie, deren schreckliche Kehrseite eine Friede-Freude-Eierkuchen-Diktatur der nivellierten Unterschiede ist. Nie mehr streiten! Immer schön übereinstimmen!

Wie deprimierend Konsensbildung sein kann, weiß jeder, der sich schon einmal über eine Juryentscheidung für das beste Theaterstück, die beste Komposition, die beste Choreografie geärgert hat. Stets und mit mathematischer Folgerichtigkeit gewinnt ja das Gemäßigte. Nie etwas extrem Komisches oder Schräges. Am letzten Osterwochenende, beim 20. Internationalen Wettbewerb für Choreographen in Hannover, hat sich wieder gezeigt, dass selbst eine hochkarätige Expertenjury nur den größten gemeinsamen Nenner aufs Siegerpodest heben kann - in diesem Fall einen zaghaft provokativen Männer-Pas-de-deux aus Israel. Das Frauen-Trio aus Schweden hingegen, das mit rohen Eiern und Popkorn um sich schmiss, Hustkonzerte rappte und mit Operngeste eine nicht ganz ernst gemeinte Theaterschweinerei anrichtete, kam auf Platz zwei. Lässt sich Konsens nur ohne kaputte Eier herstellen?

Das war die Frage, die sich auch beim Tanzkongress Deutschland eine Woche später im Berliner Haus der Kulturen der Welt stellte. Die Bundeskulturstiftung wollte unter dem Motto Wissen in Bewegung möglichst viele Spartenvertreter zusammenbringen. Aber wozu? Sollten hier die schönen alten Gegensätze zwischen Ballettromantik und Kontaktimprovisation, Stadttheater und freier Szene, den Erben Petipas und den Jüngern William Forsythes, wegdiskutiert werden? Würden sich am Ende die versammelten Tänzer, Tanzpädagogen, Sportmediziner, Feldenkrais-Gurus, Kulturpolitiker, Kognitionsforscher an den Händen fassen und in jenes verständnisinnige Selbstfindungsgehopse verfallen, das der Liedermacher Funny van Dannen beschreibt: Und dann hol ich aus der Truhe meine Eurhythmie-Schuhe und bewege mich sehr elegant?

Müssen wir mehr wissen oder lieber mehr tanzen?

Der Tanz als immer noch gering geschätzte, im Fördermittelkrieg oft unterlegene Kunstrichtung müsste eigentlich besonders anfällig sein für falsche Solidarisierungszeremonielle. Doch schon der Eröffnungsabend im Haus der Kulturen bewies, dass Absolventen konträrer Schulen sich auch verständigen können, ohne sich zu verbiegen. Sasha Waltz, die Pionierin des Berliner Freistils, hatte für Vladimir Malakhov, den Intendanten des Berliner Staatsballetts, ein viertelstündiges Solo choreografiert. Malakhov kommt auf die Bühne, springt lässig ein paar Grandes Jetées, hat aber offenbar keine rechte Lust auf seine üblichen Rollen, auf Schwanensee oder Onegin. Er setzt sich auf den Fußboden, zieht die Ballettschläppchen aus, schwarze Socken an.

Und dann zelebriert der russische Star eine Paradevorstellung in modernem Ausdruckstanz. Er tanzt das Zerrissene, Bruchstückhafte, der glatten Schönheit Überdrüssige. Er tanzt den desillusionistischen, gegen die Normierung des Körpers gerichteten Impuls. Die Abkehr vom Publikum. Das Ringen mit dem Raum. Aber er tanzt nicht wie ein Gralshüter der Klassik, der beweisen will, dass er auch anders kann, sondern als hätte er endlich die angemessene Form für sein geballtes Ausdrucksvermögen gefunden.

In einem Interview vor der Premiere hatte Malakhov erzählt, wie er Sasha Waltz in der Theaterkantine getroffen und zu ihr gesagt habe: Ich möchte ein Stück von dir! Das klang sehr pathetisch, ein bisschen wie: Ich möchte ein Kind von dir. Aber im Nachhinein, wenn man das Solo gesehen hat, riefe man den beiden Antipoden am liebsten zu: Wir möchten ein richtiges Stück von euch! Wieso hat ein stilistischer Cross-over-Gag solch eine Wirkung?