Es gibt keinen deutschsprachigen Reiseführer, aber dafür eine strenge Ermahnung des Auswärtigen Amts: Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt. Und weiter: Die Sicherheitskräfte der Regierung sind nicht in der Lage, landesweit Ruhe und Ordnung zu gewährleisten.

Noch drastischer klingen in der Reisewarnung die Sätze über die Hauptstadt Kabul: Nachts kommt es häufig zu Schießereien und Gewaltverbrechen. In Vororten und Seitenstraßen besteht auch tagsüber die Gefahr von Überfällen. Und doch gibt es - nicht nur unter risikobereiten Globetrottern - auch eine latente Sehnsucht, das verrufene, noch immer verminte Land am Hindukusch einmal mit eigenen Augen zu sehen.

Für einiges Aufsehen sorgte jedenfalls der Messestand, mit dem sich Afghanistan jüngst auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin als Reiseziel präsentierte. Die Neugier vor allem jüngerer Akademiker zwischen 30 und 45 Jahren hat uns erstaunt, sagt Alisha Ranjbaryan, Wirtschaftsattaché der afghanischen Botschaft. Doch es ist genau diese Generation der weltläufigen Nach-68er, für die Afghanistan immer gesperrt war, seit mit dem sowjetischen Einmarsch 1979 ein fast dreißigjähriger Krieg und Bürgerkrieg das Land heimsuchte. Jetzt hofft Ranjbaryan, der diese Jahrzehnte im europäischen Exil verbrachte, dass wir Touristen kein Kriegsland, sondern ein Kulturland zeigen können.

Dass das noch Zukunftsmusik ist, räumt auch der Diplomat ein, aber es ist eine Perspektive in drei bis fünf Jahren. Eine Perspektive einerseits für unerschrockene Studienreisende, andererseits für die wirtschaftliche Entwicklung des bitterarmen Landes selbst, das die Gelder für den Wiederaufbau auf internationalen Geberkonferenzen erbetteln muss. Denn außer Opium hat Afghanistan gegenwärtig nicht viel zu exportieren.

Wir müssen den Menschen dort eine Chance geben, aus eigener Kraft ehrlich Geld zu verdienen, sagt Thomas Helle. Tourismus, glaubt der Geschäftsführer der Rottenburger Unternehmensberatung Iltis, könne eine solche Chance sein. Helles Firma, die in der Hauptstadt Kabul seit vier Jahren eine Niederlassung unterhält und die Bundesregierung bei ihrer zivilen Afghanistan-Mission berät, finanzierte auch den Berliner Messestand und engagiert sich jetzt für einen touristischen Masterplan.

Bevor organisierte Reisegruppen das unbekannte Land am Hindukusch erkunden, muss sich allerdings nicht nur die Sicherheitslage verbessern. Außerhalb von Kabul und ein paar größeren Städten fehlt selbst die elementarste Infrastruktur. Von 2010 an, glaubt Thomas Helle, könnte Afghanistan so weit sein, dass Special-Interest-Touristen das Land bereisen. Den Anfang werden wahrscheinlich Rundreisen durch Nachbarländer mit ein- oder zweitägigen Abstechern nach Afghanistan machen.

Der Schweizer Christian Gerig wagt es schon in diesem Jahr und bricht im Mai mit acht Unerschrockenen zu einer 5000 Schweizer Franken teuren, zwölftägigen Afghanistan-Rundreise auf, bei der unter anderem Kabul, Bamian und Masar-i-Scharif besucht werden. Die Zeit ist für viele Leute zwar noch nicht reif. Aber der Wunsch, dieses archaische Land kennen zu lernen, ist groß. Der Landeskundige lässt in Afghanistan Taschen produzieren und vertreibt sie nach den Prinzipien des fairen Handels in Europa. Mit dem riskanten Reiseprojekt reagiert Gerig auf Anfragen seiner Kunden.